Schickes Platt
Renaissance des Niederdeutschen: Warum regionale Sprachen im Zeitalter der Globalisierung im Trend liegen
Gleich zwei Statistiken aus den vergangenen Wochen belegen, dass Plattdeutsch-Sprecher auch jenseits von Nord- und Ostseeküste Oberwasser haben. So ergab eine Allensbach-Umfrage, dass das norddeutsche Platt, das eine eigenständige Sprache ist, auch außerhalb seines Sprachraums beliebt ist. 29 Prozent der Deutschen hören Variationen des Niederdeutschen gern. Auf höhere Sympathiewerte kommt nur die bajuwarische Mundart, fanden die Demoskopen heraus. Die meisten "Plattschnacker" wollen ihre regionale Sprache unbedingt erhalten. Jedenfalls in Ostfriesland: Immerhin 87 Prozent der mehr als 6100 Befragten halten Platt für zukunftsträchtig; nur sieben Prozent glauben, dass Englisch im Zuge der Globalisierung wichtiger als die Regionalsprache sei. Das hat das Plattdütskbüro der Kulturpflegeorganisation "Ostfriesische Landschaft" in Aurich ermittelt (Eigenwerbung: "Wi setten uns daarför in, dat Oostfreesland mehrsprakig blifft"). Demnach kann zwar nur die Hälfte der befragten Ostfriesen Platt gut sprechen, 75 Prozent können es aber gut verstehen.
Dieser Proporz zieht sich durch alle Altersstufen. Auch bei Jugendlichen, denen eine hohe Affinität zum Englischen nachgesagt wird, stehe Plattdeutsch hoch im Kurs, ließen die Auricher Sprachtraditionalisten wissen.
Dass es um die Akzeptanz des Niederdeutschen gut bestellt ist, verdankt sich engagierter und vor allem zeitgemäßer Jugendarbeit niederdeutscher Aktivisten. Vorbei scheinen die Zeiten, da das Niederdeutsche fast nur beim Klönschnack im Dorfkrug oder bei groben Bauernschwänken der örtlichen Speeldeel (Bühne) im öffentlichen Raum zu hören war. So bemühen sich Initiativen wie das Plattdütskbüro, mit dezidiert non-folkloristischen Veranstaltungen, Publikationen und Internetauftritten die Reize des Plattdeutschen auch Menschen jenseits des Seniorenalters nahe zu bringen.
Die lange Zeit strittige Frage, ob Niederdeutsch nun eine Sprache oder eine Mundart sei, wurde in der Diskussion um die Aufnahme von Niederdeutsch in die Europäische Sprachencharta der Regional- oder Minderheitensprachen zugunsten des Niederdeutschen als einer eigenständigen Sprache geklärt. Ziel dieser europaweit rechtsverbindlichen Sprachenschutzkonvention, die in Deutschland seit 1999 in Kraft ist, soll der Erhalt von Nicht-Amtssprachen und Minderheitensprachen sein. Die Charta verlangt verbindlich, dass das, was regional oder von einer Minderheit gesprochen wird, kein Dialekt der Amtssprache ist. Über diese Frage entzweien sich seit Generationen die Wissenschaftler, weil in der Linguistik keine Einigkeit über die Definition der Begriffe Sprache und Dialekt besteht. Das liegt vor allem an einem in der Sprachwissenschaft uneinheitlichen Kriterienkatalog, der je nach Forschungsansatz zwischen sprachfunktionalen, soziokulturellen, sprachstrukturellen, komparatistischen und sprechersubjektiven Parametern unterscheidet.
So gelten einigen Wissenschaftlern das Niederdeutsche wie auch das Nordfriesische beziehungsweise das Süderjütische im Landesteil Schleswig als eine Gruppe von Mundarten, die der hochdeutschen Literatursprache als überdachender Kultursprache zuzuordnen sei. Nach dieser Lesart wären alle Varianten des Niederdeutschen hochdeutsche Mundarten. Andere Linguistikfraktionen werten Niederdeutsch als eine "Abstandssprache" zum Hochdeutschen; wieder andere billigen ihm eine Existenzberechtigung als "historische Einzelsprache" zu. Germanistik-Doyen Peter Wapnewski bezieht ebenso deutlich Stellung, wenn er das Niederdeutsche nicht als Mundart ansieht, sondern als "die andere Sprache", die es gleichberechtigt neben dem Hochdeutschen gebe.
Doch um von friedlicher Koexistenz beider Sprachen sprechen zu können, bedürfte es erst einmal der Chancengleichheit. Darum ringt hierzulande seit Jahren der Bundesrat für Niederdeutsch. In dessen "Schweriner Thesen", die im Oktober 2007 veröffentlicht wurden, fordert die Institution die Bildungseinrichtungen unter Berufung auf die Maßgaben der Europäischen Sprachencharta auf, "sich der Aufgabe des Spracherwerbs anzunehmen", um den Bestand des Niederdeutschen in Norddeutschland zu sichern. Dazu notwendig sei ein "Gesamtkonzept, das sich über alle Altersgruppen erstreckt und die Bereiche Kindergarten, Schule, Hochschule sowie Erwachsenenbildung umfasst".
Mit dem Fortschritt der institutionellen Sprachpflege ist es noch nicht gar so weit her. Immerhin in Vorpommern, Nord- und Ostfriesland gibt es ermutigende Beispiele für zweisprachige Kindergärten. Dem schulischen Bereich jedoch, moniert der Bundesrat für Niederdeutsch, mangele es in eklatanter Weise an einer Abstimmung zwischen den immerhin acht Bundesländern, in denen Niederdeutsch gesprochen wird. Deshalb ist man von Niederdeutsch als eigenem Schulfach noch weit entfernt.
Mag die institutionelle Verankerung des Niederdeutschen auch noch ungenügend sein. Immerhin in der Hoch- und Populärkultur ist es im Kommen. Beispiel Niedersachsen: In dem Bundesland, das ironischerweise als Gralshüter des Hochdeutschen gilt, gibt es seit dem vergangenen Jahr gleich zwei kanonische Texte auf Platt: Anlässlich des 60. Jahrestages der Konstituierenden Sitzung des ersten Niedersächsischen Landtages veröffentlichte die Landesregierung die erste überregionale Ausgabe der niedersächsischen Verfassung in plattdeutscher Sprache. Niederdeutsche Verfassungsartikel wie "Över dat Recht, nix uttauseggen" (Zeugnisverweigerungsrecht) oder "Huushalt vun't Land" (Etat) sind weder putzig noch antiquiert, sondern eindruckvolle Beispiele dafür, wie in einem Europa der Regionen dem Fremden das Eigene abzulauschen ist.
Gleichfalls in Niedersachsen, wo annähernd zwei Millionen Menschen aktiv Plattdeutsch sprechen, wurde im vergangenen Jahr eine Kinderbibel mit spezifischem Zungenschlag vorgestellt: "Dat groote Bibel-Billerbook up Platt", das 27 Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament enthält, soll die Generationen "up Platt" miteinander ins Gespräch kommen lassen. Freilich gab es in der Entstehungsphase Probleme, weil Niederdeutsch nicht gleich Niederdeutsch ist - und das Vokabular oftmals schon von Dorf zu Dorf variiert. Die beiden Übersetzer, Pastor Wilko Burgwal und Anita Christians-Albrecht, Kirchenbeauftragte für die plattdeutsche Verkündigung, mussten sich, obwohl sie beide aus Ostfriesland stammen, auf eine einheitliche Fassung verständigen.
Wie sinnlich, findig und zeitgemäß das Plattdeutsche sein kann, zeigt auch ein Beispiel aus dem niedersächsischen Diepholz. Dort drehten Regisseur Martin Hermann und andere im Niederdeutschen firme Cineasten eine gewitzte Science-fiction-Parodie namens "Apparatspott II" (Regie: Martin Hermann). "Strohl mi rup, Schrotty!" lautete in der Enterprise-Persiflage die Übersetzung des geflügelten Kommandowortes "Beam me up, Scotty", Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum hießen "Ruum-Tied-Gerangel", Feuerbefehl gaben die Besatzungsmitglieder mit "All'ns klor to'n Ballern". Mit solchen Adaptionen und Usurpationen populärer Genres ist der plattdeutschen Sprache gedient. Eröffnet es ihr doch jugendliche Lobbyisten sowie Räume jenseits der über Jahre notorischen Rolle einer bloßen Privatsprache. Dabei ist es kein Makel, dass das Plattdeutsche dem Bedürfnis nach regionaler Identität, lies: Heimat nachkommt. Einem Wunsch nach Verwurzelung, der im Zuge der Globalisierung weiter wachsen dürfte. Insofern sind die Bemühungen von Ostfriesen aus Aurich oder Schortens, Wittmund oder Westerstede, andere Deutsche an mehr Segnungen ihrer Sprache teilhaben zu lassen als am üblichen "Moin"-Gruß, ein Bollwerk gegen die Zumutungen von anglisierten Sprechweisen, denen es nicht um Herkunft und Zugehörigkeit geht, sondern um Gleichmacherei.