Wem der Surrealismus droht - WELT

Wem der Surrealismus droht

Von Uta Baier
Veröffentlicht am 09.04.2008Lesedauer: 4 Minuten

Wiederentdeckt: Wien zeigt Max Ernsts Collageroman "Une semaine de bonté"

"Ach", sagt eine Ausstellungsbesucherin, "ach, das ist so schön gezeichnet. Das können die Künstler heute ja gar nicht mehr". Der begeisterte Ausruf gilt der Zeichenkunst des surrealistischen Künstlers Max Ernst. Was sie nicht weiß: Max Ernst hat gar keines der Blätter zu "Une semaine de bonté" gezeichnet, die die beeindruckte Besucherin der Wiener Albertina bestaunte. Sondern Max Ernst hat Bücher gefleddert, Bilder zerstört und zu neuen Bildern zusammengeklebt.

Sein dritter Collageroman, der auf Deutsch "Die weiße Woche. Ein Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit" heißt, ist das Ergebnis von drei Wochen Italienurlaub, in denen der Künstler einen Koffer voller Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts sichtete, die Illustrationen, ausnahmslos Holzstiche, herausriss, Figuren ausschnitt und in andere Bilder aus anderen Büchern klebte. Fertig war der dritte Collageroman, dessen Blätter so perfekt gearbeitet sind, dass Ernst irgendwann selbst nicht mehr sehen konnte, was er in die Bilder hineingeklebt hat und was zu den Illustrationen der Trivialromane gehörte. Kurator Werner Spies erinnert sich an launige Stunden mit dem Künstler, in denen beide gemeinsam - die Schnittkanten der Collagen mit den Fingern verfolgend - herauszufinden versuchten, was original und was von Ernst zusammengeklebt ist. So geheimnisvoll sollte es aber auch sein: Ernst wollte die perfekte Illusion. "Können Sie dem Klischierer beibringen, dass er die Nähte bei den geklebten Arbeiten in der Reproduktion verwischt (damit das Geheimnis der Fatagaga bewahrt bleibt)", wies er selbst an. Die Bildbearbeitung am Computer produziert heute wieder ähnlich.

Herausgekommen sind fünf Hefte mit so genannten "Sehgedichten". Ein surrealer Roman, in dem die Protagonisten Löwen- und Vogelköpfe haben, in dem brave Damen Drachenflügel zum hochgeschlossenen Kleid tragen und manch Getier durch wohlmöblierte Salons schleicht. Erläuternde Texte sollte es auf Wunsch Max Ernsts auf keinen Fall geben.

So sieht sich der Betrachter einer Woche aus 184 Einzelblättern gegenüber, geteilt in sieben Tage, was nicht zufällig an die Schöpfungsgeschichte erinnert. Doch hier herrscht nicht der heitere Beginn, sondern das brutale Ende. Überall liegen Leichen, wird guillotiniert, verfolgt, aus dem Fenster gestoßen. Für jeden Interpretationsversuch offen, besticht vor allem die scheinbar homogene Erzählung, die doch nur durch immer wiederkehrende Figuren zusammengehalten wird. Worum es geht, ist nicht zu beschreiben und nicht zu verstehen. Aber rasant und bedeutungsvoll geht es zu.

So wunderbar fantastisch, surreal gewaltig würde man gern träumen können, wenn Surrealismus eine Traumbeschreibung wäre. Da es aber doch mehr Kunst als Leben ist, öffnet sich in den Collagen aus "Une semaine de bonté" eine fremde, bedrohliche Welt, aus der faszinierend-brutale Geschichten heraussprudeln. Dass sie im Jahr 1933 entstanden, mag durchaus als Hinweis auf Ernsts Gespür für die nahende Katastrophe durch den Nationalsozialismus gelesen wer- den. Die Blätter allein so zu interpretieren, würde ihnen aber ganz sicher nicht gerecht, denn man darf sich den Surrealisten Max Ernst keineswegs als Illustrator vorstellen.

Der Collageroman war für die Galerie Jeanne Bucher, die die Blätter zwischen April und Dezember 1934 verlegte, ein finanzielles Desaster. Das letzte Heft konnte überhaupt nur erscheinen, weil der englische Künstler Roland Penrose das Projekt finanziell unterstützte.

Das alles zusammen ist wohl auch ein Grund, warum der umfangreichste Collageroman im Oeuvre Max Ernsts keine herausragende Stellung einnimmt und nur Spezialisten bekannt war, obwohl Ernst für seine Bilderzyklen durchaus berühmt und sein Einfluss auf Kunst und vor allem Film groß war. Charlie Chaplin jedenfalls nahm auf eine seiner Weltreisen nur ein einziges Buch mit: ,La femme 100 têtes", ein früher Collageroman von Max Ernst.

Dass die Originalblätter zu "Une semaine de bonté" heute noch existieren, wusste außer dem Besitzer, dem Sammler Daniel Filipacchi und dem Kurator Werner Spies offenbar niemand. Denn seit ihrer ersten und einzigen Ausstellung 1936 in Spanien wurden sie nie mehr öffentlich gezeigt. Bis zu Max Ernsts Tod waren sie in seinem Besitz, erst seine Witwe verkaufte sie.

Jetzt wird das "bestgehütete Geheimnis der Kunstgeschichte des 20. Jahrhundert", wie es Spies werbewirksam nennt, wieder gezeigt. Begleitet werden die Ausstellungen in Wien, Brühl und Hamburg von einem Katalog, der alle Collagen in Originalgröße abbildet.

Aber nicht nur das. Werner Spies ist dem Geheimnis dieser unglaublich brutalen, irrwitzigen, ganz und gar erklärungslosen "Sehgedichte" auf die Spur gekommen und hat einige der Vorlagen - unbedeutende, dickleibige, literarisch anspruchslose, illustrierte Bücher, die zuerst in den Feuilletons als Fortsetzungsromane erschienen - gefunden.

Der Vergleich ist verblüffend: Originalleichen laufen wieder, ehemals harmlose Menschen tragen Tierköpfe, an Land Kniende werden ins Wasser geworfen, nackte Frauen an die Wand genagelt. Max Ernst riss die Figuren aus ihren Betten und stieß sie zurück ins Leben, drehte sie um 180 Grad und klebte wahre Horrorgeschichten, obwohl die Bilder bereits voller Mord und Totschlag waren. Ach, was für eine schaurig-schöne Kunstwelt.


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