Woody, der Glückspilz
Zu Jahresbeginn sah es schlecht aus um Woody Allen. Er war zwar vergangenen Herbst mit seinem neusten Film zu den Festspielen in Venedig geladen und hatte auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter gebadet. Die Verkäufe von "Cassandras Traum", einem bösen Aufsteiger-Thriller mit Ewan McGregor und Colin Farrell, waren gut gelaufen - auch nach Deutschland, wofür die Münchner Constantin alle Rechte
Dann muss man in der Constantin-Zentrale nahe dem Englischen Garten aber doch kalte Füße bekommen haben. Woody Allen, war der nicht groß in den Siebzigerjahren? War er nicht der Heros der Studenten-Generation, die heute nostalgisch von 68 schwärmt, aber zu bequem geworden ist, sich aus dem Wohnzimmer- in den Kinosessel zu schwingen?
Und bestimmt war bei den Beratungen ein smarter Vorstands-Assistent dabei, dessen Kinosozialisation vermutlich mit "Scream" begonnen hatte, und der an Hand eines Kurvendiagramms bewies, dass Woody in deutschen Kinos seit zehn Jahren kein Hit mehr gelungen war - "Match Point" ausgenommen. Und so rangen sich die Entscheider zu einem schwerwiegenden Entschluss durch: Erstmals seit Beginn von Woodys Regiekarriere vor 39 Jahren würde ein deutscher Verleih einen Allen, den er gekauft hatte, nicht ins Kino bringen.
Das ganze wurde zwischen den Jahren kommuniziert, zu einer Zeit, in der man gern unschöne Nachrichten bekannt gibt, weil sie doch niemand beachtet. Was sich in diesem Fall als Irrtum herausstellte. Die Medien griffen das vorzeitige Allen-Begräbnis auf, die verbliebenen Fans protestierten - und die Kinobetreiber beschwerten sich. Vor allem letzteren ist es zu verdanken, dass Woody Allen noch einmal eine Kinoschonfrist erhält: "Cassandras Traum" kommt nun doch in die deutschen Kinos, am 5. Juni, mit immerhin 40 Kopien. Die Constantin hat sich bewegt. Nun ist es an Woodys Fangemeinde, sich auch zu bewegen. Ins nächste Kino.