Die Entdeckung des Giovanni Baglione - WELT

Die Entdeckung des Giovanni Baglione

Von Peter Dittmar
Veröffentlicht am 17.04.2008Lesedauer: 4 Minuten

Düsseldorf besitzt jetzt nach dem Louvre die größte Sammlung von Zeichnungen des römischen Künstlers

"40 mal Giovanni Baglione! NEU!" stünde auf der Packung, wenn Baglione irgendeine Gebrauchsware wäre. Museen sind jedoch im Selbstlob zurückhaltender. Deswegen nennt das Düsseldorfer Museum Kunst Palast seine Ausstellung, die eine bemerkenswerte Entdeckung bekannt macht, lediglich "Ein Römer zwischen Manierismus und Barock - Giovanni Baglione (um 1570-1643)". "Entdeckung" klingt wie ein Widerspruch, denn Düsseldorf besitzt diese vierzig Blätter bereits seit fast 250 Jahren. Sie gehören zu den 15 000 Zeichnungen und 25 000 Druckgraphiken, die der Maler und Direktor der Gemäldegalerie Lambert Krahe zwischen 1736 und 1756, als er in Rom lebte, als Grundstock für eine künftige Kunstakademie in Düsseldorf gekauft hatte.

1932 wurden diese Zeichnungen dem Kunstmuseum übergeben, das sich seitdem bemüht, die Blätter wissenschaftlich aufzuarbeiten und einzuordnen. Denn Krahe hat nicht "Namen" sondern Motive, Lehrbeispiele erworben. Das Meiste unsigniert, manches recht willkürlich bestimmten Künstlern zugeschrieben, anderes anonym. Bagliones Namen sucht man jedenfalls in Krahes Inventaren vergebens. Vieles, was Sonja Brink nach mehrjähriger Forschungsarbeit für ihn beansprucht, war unter Ventura Salimbeni abgelegt, weil Stiche von Salimbeni mit diesen Zeichnungen korrespondierten und man nicht wusste, dass die Stiche auf Werke von Baglione zurückgingen.

Zu- und Abschreibungen sind eine wesentliche, oft umstrittene Forschungsaufgabe für Kunsthistoriker. Wo früher allein das Auge und Stilvergleich entschieden, kommt heute eine Fülle von technischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden dazu. Deshalb ist in jüngster Zeit die scheinbar fest gefügte Welt der Alten und neueren Meister in Bewegung geraten. Rembrandt findet da besondere Aufmerksamkeit. Erinnert sei nur an den "Mann mit dem Goldhelm", vor dem sich einst die Bewunderer stauten, weil er als sein Meisterwerk galt. Und vor dem sich jetzt die Besucher sammeln, weil er kein Rembrandt mehr sein soll.

Dass Museen höchst ungern zur Kenntnis nehmen, wenn ein Gemälde, das bisher mit einem Meisternamen verbunden war, plötzlich einem minderen Künstler zugeschrieben wird, kann man verstehen. Trotzdem ist gegenwärtig eine "neue Ehrlichkeit" zu spüren. Die Sammlung Oskar Reinhart "Am Römerholz" in Winterthur besitzt eine "Anbetung der Heiligen Drei Könige", die bisher als eines des wenigen Originale von Geertgen tot Sint Jans galt. Als man eine Restaurierung zu einer grundlegenden Analyse nutzte, vor allem zu einem Vergleich mit drei anderen Tafeln desselben Motivs von Geertgen, ergab sich, dass das Gemälde in Winterthur nicht von der Hand des Meisters, sondern aus seinem Umkreis stammt. In dem Katalog "Venite, adoremus" (Hirmer-Verlag, 29,90 Euro) wird das begründet.

Eine entsprechende Erfahrung machte das Wallraf-Richartz-Museum in Köln bei der Vorbereitung seiner Impressionisten-Ausstellung. Das "Seineufer bei Port-Villez", dem Museum 1954 gestiftet und im Werkverzeichnis von Monet aufgeführt, verriet im Infrarotlicht Unterzeichnungen, bei denen selbst der Umriss der Wolken penibel vorgezeichnet war. Dazu kamen noch andere Indizien, die die Gewissheit reifen ließen, dass das Museum diesen Monet abschreiben muss.

Zuschreibungen an bedeutende Namen sind eine Spezialität der großen Auktionshäuser. So konnte Sotheby's das lange umstrittene Gemälde der "Dame am Virginal" 2004 mit einem Zuschlag von 16,2 Mio. Pfund als Vermeer adeln. Dasselbe gelang 2006 mit 3,8 Mio. Dollar in New York für das Bildnis einer "Älteren Dame mit weißer Kappe" von Rembrandt, das zuvor wegen der "Verfeinerung" mit Pelzkragen dem Meister nicht zugetraut worden war. Dagegen hatte Christie's mit Tizians Porträt einer "Dame mit ihrer Tochter", das wegen der Übermalung und Veränderung in "Tobias und der Engel" lange nur als Werk eines Schülers firmierte, kein Glück. Es schaffte 2005 die erhofften fünf Mio. Pfund nicht und ging zurück.

Mit solchen Misshelligkeiten muss das Museum Kunst Palast nicht rechnen, denn die Baglione-Zeichnungen bleiben marktfern in der Museumsklausur. Allerdings sind sie deswegen nicht ungefährdet, was die neue Zuschreibung betrifft. Der Maler war seinerzeit in Rom hoch angesehen. Er arbeitete für Päpste, Kardinäle und den Adel. Die Kunsthistoriker beachteten ihn jedoch nur am Rande, weil er im Schatten Caravaggios als altertümlich und konventionell galt.

Die Düsseldorfer Auswahl ist allerdings geeignet, diese nicht vorurteilsfreie Sicht zu korrigieren. Zum einen weil der Zeichnungsbestand wesentlich erweitert wurde und damit das Bild des Künstlers neue Facetten gewinnt. Viele der Düsseldorfer Blätter haben eine unmittelbare Beziehung zu Tafelbildern, verdeutlichen damit Bagliones Arbeitsweise. In der Ausstellung wird das mit fünf Gemälden aus dem Konvent von S. Cecilia in Trastevere, der Alten Pinakothek in München und dem Museum im kalifornischen Santa Barbara und dazugehörigen Skizzen unmittelbar sichtbar gemacht. Zum anderen lassen seine Zeichnungen mit ihrer Vielseitigkeit, die sich in den unterschiedlichen Formen und Techniken spiegelt, ebenso wenig wie seine Malkultur und souveräne Bildgestaltung als Selbstverständlichkeit abtun.

Allerdings fällt es nicht leicht, in dieser Fülle stets dieselbe Hand zu entdecken. Aber an der Tatsache, dass Düsseldorf nach dem Louvre nun über das größte Konvolut von Zeichnungen Giovanni Bagliones verfügt, wird das nichts ändern. Und ebenso wenig daran, dass der Maler auch als bemerkenswerter Zeichner hervortritt.

Düsseldorf, Museum Kunst Palast, bis 1. Juni; Katalog (deutscher Kunstverlag): 34,50 Euro


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