Die Angebote des Richters
Marina Zenovich dokumentierte filmisch das Gerichtsverfahren gegen Roman Polanski in den Siebzigern. Jetzt setzte ein Gericht Änderungen durch
Was am Abend des 10. März 1977 in Jack Nicholsons Villa am Mulholland Drive in Los Angeles geschah, ist nicht wirklich umstritten. In Abwesenheit des Hausherrn nutzte dessen Freund Roman Polanski den luxuriösen Ort, um von der 13-jährigen Samantha Gailey zuerst Oben-ohne-Fotos zu schießen, sie dann mit Champagner betrunken zu machen und schließlich mit ihr Geschlechtsverkehr zu vollziehen.
Darum geht es auch nicht hauptsächlich in dem Film "Roman Polanski: Wanted and Desired", der nun selbst zum Streitobjekt vor Gericht geworden ist. Marina Zenovichs Polanski gegenüber sehr nachsichtige Dokumentation hat vielmehr das folgende Gerichtsverfahren zum Thema, an dessen Ende Polanskis Flucht stand; bis heute ist der Regisseur nicht mehr in die Vereinigten Staaten zurück gekehrt, wo ihm die sofortige Verhaftung droht.
Polanskis Fall wurde von dem Bezirksrichter Lawrence Rittenband gehört. Rittenband war selbst ein bunter Vogel. Er verbrachte viele Nächte im vornehmen Hillcrest Country Club, gemeinsamen mit seinen Hollywood-Freunden. Er hielt sich zeitweise zwei Freundinnen gleichzeitig, "die erste zum Kuchen und die zweite für diese andere Sache". Er begann im Alter von 54 Jahren eine Beziehung mit einer 20-Jährigen.
Vor allem aber griff er sich Fälle, die ihm Aufmerksamkeit bringen konnten. Die Scheidung von Elvis und Priscilla Presley ging über seinen Richtertisch, das Sorgerecht für Marlon Brandos Sohn Christian wurde von ihm entschieden, und eine Vaterschaftsklage gegen Cary Grant landete ebenfalls bei ihm. Er liebte das Rampenlicht, und sein Büro hielt das Album mit Zeitungsausschnitten über seine Fälle stets auf dem Laufenden.
Der Fall Polanski war also wie für ihn erfunden - und es sollte der erste Promi-Fall der Fernsehära werden, lange vor O. J. Simpson und Michael Jackson. Die Medien verteufelten Roman Polanski, durchaus auch mit antisemitischen Untertönen, und das Opfer sah sich beständig fotografiert und Unterstellungen ausgesetzt.
In dieser Situation schlug Gaileys Anwalt einen Gerichtshandel vor: Seiner Mandantin würde das Trauma eines Prozessauftritts erspart, und Polanski solle sich des "Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen" schuldig bekennen; fünf andere, gravierendere Anklagepunkte wie Vergewaltigung würden deshalb fallen gelassen.
Der Regisseur wurde zur psychiatrischen Untersuchung in das Chino-Gefängnis eingewiesen und nach 42 Tagen wieder freigelassen. Währenddessen wuchs der Druck auf Ritterband. Im Hillcrest Country Club wurde er gefragt, ob er Polanski wirklich so einfach davonkommen lassen wolle: "Das denkt der", habe der Richter geantwortet. "Aber in Wirklichkeit werden wir ihn für den Rest seines Lebens wegschließen."
Rittenband rief Gaileys und Polanskis Anwälte zu sich und erklärte ihnen, auf Grund des öffentlichen Drucks könne er den Gerichtshandel nicht mehr aufrechterhalten; das Strafmaß könne bis zu 50 Jahren reichen. Einen Tag danach bestieg Polanski ein Flugzeug nach Europa und hat seitdem seinen Fuß nicht mehr auf amerikanischen Boden gesetzt, auch auf englischen nicht, weil von dort an die Staaten ausgeliefert wird. Es gab immer wieder Versuche, die Sache aus der Welt zu schaffen - und um einen solchen ging es nun im Streit um "Wanted and Desired".
Angeblich - so die Dokumentation - habe ein Richter Polanski vor elf Jahren angeboten, in die USA zurückzukehren und sich verurteilen zu lassen. Er habe dem Regisseur versprochen, dass er nicht ins Gefängnis müsse - unter der Bedingung, dass das Verfahren im Fernsehen gezeigt werde. Dies habe Polanski abgelehnt.
Das Gericht in Los Angeles nannte diese Darstellung eine "Erfindung", und so wurde nun der Abspann des Films geändert: Der Richter habe eine "öffentliche" Anhörung verlangt, heißt es dort nun. "Angesichts der Möglichkeit, dass sie im Fernsehen gezeigt werden könnte, lehnte Polanski ab."