Der Film für die Zigarettenpause
Jahrzehnte hatte es der Kurzfilm schwer. Jetzt ist er durch das Internet plötzlich wieder hip geworden
Der vergangene Woche weltweit am häufigsten heruntergeladene Kurzfilm zeigt aus der Sicht einer Überwachungskamera ein Großraumbüro. Ein Angestellter, offenbar durchgedreht ob des Lebens im Stellwandquadrat, schlägt alles kurz und klein. Fünf Millionen haben sich das Filmchen bisher gesaugt. Doch hinter dem Phänomen steckt mehr, wie sich zeigen wird.
Fünf Millionen in einer Woche - davon konnte der Kurzfilm lange nur träumen. Aus den Kinos wurde er systematisch hinausgedrängt, weil Werbung und Trailer seinen Platz beanspruchten, im Fernsehen haben ihn Halbstunden-Dauerserien in wenige Reservate (wie "Kurzschluss" auf Arte oder "Shocking Shorts" auf 13th Street) verdrängt. Hin und wieder hat ein Kurzfilm das Glück, einen prominenten Platz zu ergattern; Robin Polaks 33-minütiges Debüt "Alice im Niemandsland" mit Nora Tschirner und Christian Ulmen läuft übermorgen zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr auf Turner Classic Movies.
Ansonsten wird der Kranke auf Festivals (wie den Oberhausener Kurzfilmtagen) gepflegt, und die Hamburger KurzFilmAgentur vermittelt aus ihrer 18 000 Titel umfassenden Datenbank Kurzes zu jedem Anlass. Trotz aller Anstrengungen war dem kurzen Film aber das Medium verloren gegangen, und nur ein neues konnte ihn retten.
Anfang 2000 stellte der unbekannte T-Shirt-Designer Joe Shields eine sekundenlange Flash-Animation namens "Frog in a Blender" (Der Frosch im Mixer) ins Netz und brachte seinen Server zum Absturz. Bald wechselte er auf die Kurzfilm-Website AtomFilms und erreichte dort 700 000 Aufrufe pro Tag. Der "Frosch" hatte alle Eigenschaften, welche Kurzfilme plötzlich hip erscheinen lassen: Das Werk war selbst gebastelt, hatte fast nichts gekostet, war ohne Vorwissen in U-Bahn oder Zigarettenpause konsumierbar - und zudem interaktiv. Der Nutzer konnte Stufen von eins bis zehn anklicken, und je nach Stufe rekelte sich der Frosch nur faul im Mixerwasser oder wurde von den Rotorblättern zerfetzt.
Gerade fünf Jahre hatte es gedauert, bis die Prophezeiung des dänischen Dogma-Manifestes sich erfüllte: "Uns umtost ein technologischer Sturm, dessen Ergebnis die Demokratisierung des Kinos sein wird. Zum ersten Mal kann jeder Filme machen." Mehr noch, dank YouTube, der Sozialen Netzwerke und des Handys kann jeder diese Filme vertreiben. Wir befinden uns im El Dorado der Bilderproduktion und -distribution, in einem Pixelrausch. Es ist wie mit dem kalifornischen Goldrausch: Die ersten Funde wurden gemeldet, die Massen strömten wie wild, und nach fünf Jahren wurde die Suche mit der Erfindung eines Hochdruckwasserstrahlgerätes revolutioniert, welches Edles von Abraum trennte.
Solch ein Gerät fehlt uns in unserer Filminflation noch. Für ein amüsantes Video muss man sich bei YouTube durch 1000 grausige quälen. Die basisdemokratische Wundertüte des Internets, die Klickrate, versagt kläglich; man muss nur die Werke mit den meisten Klicks ansehen, um oft das Grausen zu bekommen. Die Juroren, die sich bei den wie Pilze bei feucht-warmem Wetter sprießenden Web-Festivals (Bitfilm, Going Underground) durch Tausende Einsendungen schauen müssen, leisten Schwerstarbeit.
Es fehlt, kaum überraschend so kurz nach dem Ausbruch des Kurzfilmfiebers, noch an ordnenden, wertenden Strukturen. Ein Trend zur Konzentration ist zu beobachten; früher unabhängige Websites werden mit ihrem Kurzfilmangebot in größere eingebettet, und diese haben immer häufiger Medienkonzerne im Hintergrund.
Die haben zwar die zu Grunde liegende Technik vorangetrieben, wurden aber wiederholt auf dem falschen Fuß erwischt, weil die Nutzer sie ganz anders anwendeten als vorgesehen. Auch der Kurzfilmboom wird nicht von Marketingplänen getrieben, sondern von der schieren Lust der Computer- oder Handynutzer, sich auszudrücken.
Die Industrie springt auf den fahrenden Zug und schreckt auch nicht davor zurück, ihre Juwelen zu zertrümmern. Universal kündigte an, 75 Kinofilme und TV-Serien ins Handy pressen zu wollen, darunter "Hannibal", "Psycho" und "Flipper". Die Filme sollen nicht in voller Länge gezeigt, sondern gekürzt als Videoclip verramscht werden, wie Klingeltöne. In China wurde Tsui Harks Kampfkunstepos "Sieben Schwerter" in 21 Episoden verhackstückt und - parallel zum Kinostart - aufs Mobilfon geladen.
Sein Landsmann Jia Zhangke, Goldener Löwe-Gewinner in Venedig, drehte den Film "Dort" im Handy-Format: keine Landschaften, Schauspieler reden, und die Farben sind rein und hell. Das sind die spezifischen Anforderungen des Kleinstformats, und überall auf der Welt wird fieberhaft an solchen Inhalten gearbeitet, auch in Berlin. Die Ufa-Serie "Kill your Darling" etwa spielte in den Katakomben des Potsdamer Platzes, in denen sich drei junge Freunde verirren.
Sönke Wortmann will aus Fußballclips von Lesern ein "Sommermärchen 08" zusammenstellen, und Nokia hat Spike Lee für ein ähnliches Experiment engagiert. Die Frage, ob aus Handy-Kurzen eine eigene Kunst werden kann, ist noch offen. Vielleicht endet das neue Medium auch als zusätzlicher Werbeträger. Der Kurzfilm mit Großraumrandalierer kam jedenfalls von den Machern des Kinoblockbusters "Wanted". Dass es sich um Werbung handelte, verraten sie aber erst in ihrem nächsten Clip.