Neuer "Holländer" an Berlins Deutscher Oper - WELT

Neuer "Holländer" an Berlins Deutscher Oper

Von Manuel Brug
Veröffentlicht am 11.06.2008Lesedauer: 3 Minuten

Kein Meer, keine Schiffe, keine norwegische Küste, keine Spinnstube, kein Bild vom düsteren Mann, kein Geisterchor. Warum auch, ist doch nur Wagners "Fliegender Holländer" - und welcher deutsche Regisseur würde sich da noch mit Libretto-Realitäten aufhalten? Durch schwere Finanzsee dümpelt heute doch längst die Börse, Skandinavien ist dank Globalisierung überall und die von ihrem geschäftstüchtigen Vater Daland an einen zahlungskräftigen Unbekannten verkaufte Senta ist doch nur eines der vielen (bestimmt als Kind missbrauchten) Opfer des Heuschreckenkapitalismus.

Alles das würden wir uns ja noch angehen lassen, wenn Tatjana Gürbacas ziellos irrige "Holländer"-Überinterpretation an der Deutschen Oper Berlin sich darauf beschränken würde. Aber die längst alt gewordenen Regie-Klischees und sperrigen Deutungsversatzstücke ihrer Lehrer Berghaus und Konwitschny ergeben nur einen wüsten Scheiterhaufen aus Bedeutungsmüll, an dem die nicht unbegabte 35-Jährige fürchterlich Schiffsbruch erleidet. Der Börsensaalutensilien, zwischen denen auch übernachtet wird, sind aus Gisberts Jäkel hässlich atmosphärelosem Einheitsraum bald wieder weggeschoben. Senta ist natürlich schon als Doppelgänger-Girlie unterwegs, flirtet gleich mit dem wie Atlas unter einer güldenen Weltkugel emportauchenden Holländer im Zottelmantel und Bowler. Die alles entscheidenden Begegnung mit der dreimal so alten und so mächtigen Original-Senta im peinlich unkleidsamen Wickelrock findet irgendwo hinter einer Säule statt. Und statt in der Mädchenstube sind wir beim dörflichen Next-Topmodel-Contest, den die beautyoptimierungsresistente Senta in eine Sekten-Seance verwandelt.

Im Duett werden - hallo, Seelenverwandtschaft! - die Kleider getauscht, denn Wagnersänger im Unterzeug sind immer ein schöner Anblick. Der betrunkene und ganz schön plärrende Chor erstickt als wilder Mob irgendwelche Unterhemdenträger mit Mülltüten, dann werden die Frauen begrabscht, die wiederum Ascheurnen über den Toten ausschütten. Am Ende lacht der Holländer, ein Brautschleier brennt im Kinderwagen, und die irre Senta sticht erst dem Turnschuhträger Erik und dann sich mit einer Schere in die Kehle; worauf die Frauen es ihr nachtun. Die Buhs folgen auf den Fuß.

Musikalisch steht dem wenig Gutes entgegen. Reinhard Hagen (Daland) und der mozärtliche Matthias Kling (Erik) singen routiniert nobel. Ricarda Merbeth (Senta) kann nicht spielen, hat wenig Ausstrahlung und eine glanzlose Höhe. Wirklich toll ist eigentlich nur der gerundete Bariton von Johan Reuters Holländer, dem freilich die schwarzen Farbwerte abgehen. Nach einem spannungslos faden Anfang, wo jeder isoliert vor sich hinzududeln scheint, dreht Jacques Lacombe im dritten Akt das gute, aber impulslose Orchester auf und lässt es ordentlich krachen. Weltstadtmusiktheater sieht einfach anders aus. Und als Nachwuchsversuchslabor, in dem jeder Erfolg nur Zufall scheint, ist die Deutsche Oper zu schade.

Termine: 12., 17., 21., 29. Juni; Karten: (030) 343 84 343


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