Wir leiden mit Lahm
Zum 32. Mal findet der Lesewettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt statt. Unser Korrespondent führt Buch.
Der Teamchef ist verletzt. Der Teamchef hat Schmerzen. Geht am Stock. Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, in diesem Jahr Sprecher der Jury beim Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis, hat sich den Ischias eingeklemmt (vermutet er). Nicht beim Fußball, sondern beim Tanzen (ahnt er). Tapfer steht er jetzt da und diskutiert. Mit dem Schweizer Richard Reich und dem Österreicher Robert Schindel. Der Kulturreferent der Stadt begrüßt die drei und erwähnt in drei Minuten drei Mal, dass Klagenfurt eine saubere Stadt sei, eine saubere und sichere Stadt.
Sie reden über die Folgen der Fußball-Europameisterschaft für die Schweiz und Österreich (keine), das Überhandnehmen von Public viewing (Rudelgucken nennt Spinnen das). Über Borussia Mönchengladbach, Massenphänomene und das Fahnenschwenken. Reich (Jg. 61) sieht das entspannt, Schindel (Jg. 44) sieht die nationalistische Kehrseite und Spinnen (Jg. 56) bekommt davon leichte Beklemmungen, die er gerade heute gar nicht gebrauchen kann.
Es gibt Wein, Bier, Wasser und Fleischlaiberlchen mit lustigen Flaggen drauf (Niederlande, Deutschland, Österreich). Dann ziehen wir mit dem Teamchef zum Rudelgucken. Wohl ist ihm nicht. Nicht wegen seines Ischias'. Wegen der Mannschaft. Sie müssten sich schon blöd anstellen gegen diese Türken. Und gerade im Blödanstellen haben sie es ja zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Sie spielen blöd. Wie unter Ritalin. So was hat Spinnen geahnt und aufgeschrieben in dieser Zeitung. "Ich hasse es Recht zu haben." Bekommt er aber. Spinnen bestellt ein Bier. Das Bier wird schal. Spinnen verstummt.
Halbzeit. Der Teamchef hat genug. Nimmt seinen Stock, hinkt ins Hotel und legt sich samt seiner angeschlagenen Nerven ins Bett. Am nächsten Tag muss er auflaufen, am nächsten Tag beginnt seine EM, das Wettlesen im ORF-Studio.
Wir ziehen weiter. Gespenstische Szenen in der sauberen, sicheren Stadt. Man sieht Österreicher mit deutscher Flagge! Früher haben die hier bei jedem Fehlpass der Deutschen gejohlt, als wären ihre Aushilfskicker gerade Weltmeister geworden. Die Fußgänger- ist zur gigantischen Rudelguckzone mutiert. Ein Trupp junger Türken marschiert heran, ein Traum in Rot mit Halbmond. "Ihr könnt nach Hause gehn, ihr könnt nach Hause gehn", skandieren sie, als sie mich im deutschen Trikot heranradeln sehen.
Tu ich aber nicht. Im Hof des Museums moderner Kunst Kärnten ist noch Platz. Zum Leiden mit Magister Monschein, der Bachmann-Cheforganisatorin und erklärter Halbfußballlaiin mit der Schriftstellerin Rabea Edel und anderen Versprengten des Betriebs. Viel sehen wir nicht. Das Bild fällt aus. Nicht die Türken vor, aber ein Sturm über Wien. Die Leitung aus dem Burgtheater (steht da) ist zusammengebrochen. War eh nicht zum anschauen. Public hearing unterm Sternenhimmel. Man hört Fußballstadiongrundrauschen und irgendwas Undefinierbares. War das nicht eben Edi Finger? Ich wer' auch schon narrisch.
Die Menschen hinter uns mit den Handys behaupten, das 2:1 sei gefallen. Klose. Das Bild ist wieder da. Wir wünschen es uns weg. Es ist weg. Es kommt leider wieder. Und das Leiden geht weiter. Von hinten müsste Lahm laufen, Lahm läuft, schießt. Tor. Schnell weg, bevor den Ösis doch wieder ein total berechtigter Kommentar einfällt. Wenn die Deutschen so lesen, wie sie gerade gespielt haben ... elk