Zu Besuch beim Präsidenten - WELT

Zu Besuch beim Präsidenten

Von Manfred Quiring
Veröffentlicht am 27.06.2008Lesedauer: 5 Minuten

Der Moskauer Kreml ist auch eine legendäre Schatzkammer. Als Museum aber tut er sich schwer

Das russische Osterfest, das vier Wochen nach dem deutschen begangen wurde, war für die Fans des historischen Kreml ein besonderer Grund zur Freude: Die Restaurierungsarbeiten am Glockenturm Iwan der Große wurden nach einjähriger Dauer abgeschlossen. Damit steht nun auch der 1508 errichtete 80 Meter hohe Turm als Ausstellungsort für das Kreml-Museum zur Verfügung. Bisher verfügte das weltberühmte Museum lediglich über zwei Säle, einer 180 und der andere 220 Quadratmeter groß.

Der stellvertretende Museumsdirektor Alexej Lewykin, der sich nebenbei als Liebhaber alter Waffen "outet", vergleicht die berühmte Einrichtung im Moskauer Kreml in seiner Bedeutung mit dem Königlichen Arsenal in London, der berühmten Waffenkammer in Stockholm und den großen französischen Museen, die - wie der Kreml - zunächst als Aufbewahrungsorte für die Schätze des Hofes dienten.

Zu den Beständen des Kreml-Museums, zugänglich durch das Borowitzki-Tor, gehören die hinter den Mauern errichteten architektonischen Kleinode aus fünf Jahrhunderten. Die ältesten Baudenkmäler sind die Mariä-Entschlafens-Kathedrale aus dem Jahr 1497, die Verkündigungs-Kathedrale von 1489, die Erzengel-Kathedrale von 1509, die Kirche zur Gewandlegung der Muttergottes von 1489 sowie der Facettenpalast, der 1491 fertig gestellt wurde.

Allein schon ein Besuch dieser Architekturdenkmäler vermittelt einen tiefen Eindruck in den Reichtum und die Pracht, mit der sich die Zaren und die Patriarchen umgaben. Übertroffen wird dieser Eindruck dann allerdings von der einzigartigen Rüstkammer der Herrscher und dem Diamanten-Fonds. Diese Museen bergen Sammlungen alter Waffen und Kriegstrophäen, von Gewändern, prächtig geschmückten Insignien der Zarenmacht, Thronsesseln, Kutschen und anderen Meisterstücken des russischen und ausländischen Kunsthandwerks, die mit der Geschichte Russlands verbunden sind. Gegenwärtig, so Alexej Lewykin, werde an einem umfassenden Katalog gearbeitet, in dem alle Exponate des Museums aufgeführt sind. "Bislang sind drei Bände fertig, weitere 30 werden folgen."

Das Kreml-Museum verfügt heute unter anderem auch über die größte Sammlung von Augsburger Silber weltweit. Ausländische Diplomaten brachten die rund 500 Stücke im Laufe der Zeit als Gastgeschenke an den Zarenhof. Diese gelangten in die Schatzkammer, die 1806 durch einen Ukas von Alexander I. zu einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Museum erklärt wurde. Das erste Museumsgebäude, das 1814 eröffnet wurde, stand dort, wo sich heute der Kreml-Kongresspalast befindet.

Das Museum im Kreml, der ja gleichzeitig Sitz des russischen Präsidenten ist, existiert natürlich unter spezifischen Bedingungen. Das habe "positive und negative Seiten", sagt Museums-Vize Lewykin. "Das Positive: Wir benötigen keine Reklame, der Begriff Kreml klingt überall. Wer Moskau besucht, muss den Kreml gesehen haben, unser Museum zu besuchen, ist ein Muss." Auch die Fragen nach der Sicherheit der Exponate seien geklärt. "Das übernehmen staatliche Strukturen, die auch für die Sicherheit des Präsidenten zuständig sind." Und schließlich genieße das Museum "sozusagen automatisch" die Aufmerksamkeit der Regierung und des ganzen Landes. "Niemand zweifelt daran, dass der Kreml als architektonisches Ensemble ausreichende Unterstützung erfahren muss und ausreichende Mittel für Restaurationsarbeiten benötigt."

Da im Kreml aber auch wichtige staatliche Veranstaltungen abgehalten werden, behindere das strenge Sicherheitssystem mitunter den Zugang für die Besucher. "Noch ärgerlicher ist es, dass die Besucher unserer Stadt nicht den gesamten Kreml besichtigen können." Es sei allerdings schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum der Macht völlig für den Publikumsverkehr geöffnet werde. Die Idee, den Präsidenten in die Umgebung Moskaus umzusiedeln und den Kreml als historisches Denkmal für alle zugänglich zu machen, bezeichnet Lewykin als "interessant, aber ein Traum".

Für Russland mit seiner tausendjährigen Geschichte sei es im Gegensatz zu jungen Staaten schwer, "sich von bestimmten Symbolen zu trennen. Im Übrigen: Auch der Londoner Tower ist zu 50 Prozent für die Öffentlichkeit geschlossen, obwohl es dort keine Regierungseinrichtungen gibt."

Und was sollte dann auch aus dem "spezifischen Geist des Kremls" werden, den jeder spürt, der sich darin aufhält? Der Kreml sei das Zentrum des Landes, sei Schnittpunkt von Weltereignissen. Jeder, der sich dort aufhalte, empfinde dieses Gefühl. "Jedes wichtige Jahr der russischen Geschichte, auch der Sowjetunion, ist mit dem Kreml verbunden." Lewykin behauptet, dass dort sogar der Frühling früher beginne als an anderen Orten Moskaus.

Und der überaus hässliche Kongresspalast, erbaut zum "Ruhm" der kommunistischen Partei und ihres 26. Parteitages? "Ich als Historiker, als Mensch, der im Museum tätig ist, bin der Meinung, dass auch das bewahrt werden muss. Die Tragödie besteht darin, dass es nicht gelang, den Kreml vor einem derartig barbarischen Anschlag zu schützen. Aber den Kremlkongresspalast jetzt abzureißen, wäre eine erneute Barbarei. Ich würde ihn erhalten, damit die Menschen begreifen, was man nicht tun darf."

Innerhalb der Kremlmauern darf ohnehin nichts mehr baulich verändert werden, das Ensemble gehört zum Unesco-Kulturerbe. Eine Erweiterung des Museums ist deshalb nur außerhalb möglich. Ein Museumskomplex mit Archiven, Restaurationswerkstätten und Ausstellungssälen solle künftig außerhalb der Kreml-Mauern entstehen.

Finanziert wird das Museum im Wesentlichen aus dem Staatshaushalt. "Außerdem", so Lewykin, "haben wir die Genehmigung, die Mittel, die wir von den Besuchern einnehmen, in die Entwicklung unserer Einrichtung zu stecken."

Auch Sponsoren spielen eine große Rolle. Sie finanzieren praktisch alle Ausstellungsprojekte. Zum Club der Freunde des Kreml-Museums gehören solch prominente Firmen wie die Gazprom-Bank, der Rüstungsexporteur Rosoboronexport, der Erdölkonzern Lukoil.

In den Neunzigern wurde das Kreml-Museum vorwiegend von Touristen besucht. Die hauptstädtische "Intelligenzija" hielt Abstand. Das hat sich inzwischen geändert. Da große russische Konzerne die Ausstellungen finanzieren, gehört es inzwischen zum guten Ton in der Moskauer Gesellschaft, sich zumindest bei den Eröffnungsveranstaltungen zu zeigen.


Mehr aus dem Web

Neues aus der Redaktion

Auch interessant

Mehr zum Thema