Esoterik als Exportschlager - WELT

Esoterik als Exportschlager

Von Peter Dittmar
Veröffentlicht am 27.06.2008Lesedauer: 5 Minuten

Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt die Geschichte des Geheimen Buddhismus in Japan

Kann man eine Religion ausstellen? Besonders wenn sie sich als "geheim" oder "esoterisch" versteht? Die Bundeskunsthalle in Bonn lässt sich auf dieses Experiment ein, indem sie "Tempelschätze des heiligen Berges" zeigt. Gemeint sind Schriften und Kunstwerke, die vom Daigo-ji in Kyoto bewahrt werden, dem Haupttempel der Shingon-Schule des "Geheimen Buddhismus in Japan".

Zu den Grundüberzeugungen dieser Lehre gehört, dass Erleuchtung nicht durch Schriften, nicht durch Lektüre zu erlangen ist. Die Wegweisung kann nur mündlich vom Lehrer an den Schüler weitergegeben werden. Denn der Mönch Kukai, der 806 diese Schule gründete, lehrte: "Wahrlich, die esoterischen Doktrinen sind so tiefgründig, dass sie sich einer schriftlichen Exegese entziehen. Doch mit Hilfe von Bildern mag man ihre verborgenen Aussagen verstehen." Dementsprechend sollten das Zeremonialgerät, die Sutren, Kalligraphien, Mandalas, Skulpturen und Wandschirme, die in Bonn zu sehen sind, nicht als Kunstwerke betrachtet werden. Sie bleiben eingebunden in Zeremonien und Rituale, ohne die sie ihre Kraft nicht entwickeln.

Der Esoterische Buddhismus ist jedoch keineswegs weltfern oder weltfremd. Nicht in Japan, nicht in Korea oder China. Und nicht in Tibet, wo er, im 7. Jahrhundert eingeführt, sich als Lamaismus in Verbindung mit der archaischen Bon-Religion und den magischen Praktiken des Tantrismus bald zur Herrschaftsreligion entwickelte. Im frühen 15. Jahrhundert bildete sich dann die Machtteilung zwischen dem Dalai Lama als dem der weltlichen Seite zugeneigten geistlichen Oberhaupt und dem Pantschen Lama, dem eine besondere Kompetenz in religiösen Fragen zukam, heraus.

Diese "Doppelherrschaft" führte häufig zu Spannungen, nicht zuletzt, weil der Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets durch besondere Beziehungen zu Britisch-Indien zu sichern trachtete, während der Pantschen Lama China favorisierte, weil der Buddhismus von dort seinen Weg nach Tibet fand - und weil die große Distanz Peking gewöhnlich an direkten Interventionen hinderte. Obwohl fast ein Viertel der Bevölkerung in den Klöstern lebte, war das Land keine Theokratie. Die Religion bildete zwar das Zentrum des Denkens und Handelns, aber aus dem Buddhismus als einer Religion ohne Gott und ohne Jenseitsversprechen erwuchs keine Staatstheorie. Die Nachwirkungen dieser ungewöhnlichen Machtstruktur sind bis heute virulent.

Wenn das Ideal dieses Glaubens auch das Ausbrechen aus dem Kreis der ewigen Wiedergeburten und das Aufgehen im Nirwana ist, einem Nichts, das zugleich höchste Erfüllung und Auslöschung bedeutet, heißt das nicht, dass die weltlichen Belange unbeachtet blieben. Nicht Indien, obwohl im vierten Jahrhundert v. Chr. Ursprungsland des Buddhismus, sondern China, wo der Buddhismus 67 n. Chr. Fuß fasste, wurde von Japan wie Korea als Lehrhaus betrachtet. Ein chinesischer Mönch war es, der 374 die Lehre nach Korea trug. Und 552 soll der koreanische König Syong-Myong dem japanischen Kaiser Kimmei eine goldglänzende Buddha-Statue und ein Konvolut buddhistischer Texte zugesandt haben. Verbunden mit der Bemerkung: "Diese Lehre ist unter allen Doktrinen die beste. Doch ist sie schwierig zu erklären und schwer zu verstehen."

Nichtsdestotrotz entschied sich der japanische Tenno, diesen Glauben zu fördern. Damit war zugleich eine Rückbindung an die chinesische Kultur gegeben, weil nicht Sanskrit, sondern die chinesische Sprache und Schrift die Mittlerdienste übernahmen.

Was von außen betrachtet wie eine in sich geschlossene Lehre erscheint, zerfiel bereits in China in unterschiedliche Schulen. Und da Japan, begierig, aus erster Hand belehrt zu werden, immer wieder Mönche nach China sandte, fächerte sich auch hier, je nach dem Meister, den ein Japaner als Lehrer wählte, der Buddhismus auf. Da diese Denominationen häufig rivalisierten, suchten sie ihren Einfluss durch die Bindung an den Kaiserhof oder die führenden Adelsfamilien zu stärken. Daraus entwickelten sich in der japanischen Hauptstadt mit dem Todai-ji als Zentrum die "Sechs Schulen von Nara", die mit dem vom Kaiserhaus zum Dharma-Herrscher erhobenen Mönch Dokyo unmittelbar auf politische Entscheidungen einwirken konnten. Trotzdem war das, anders als später in Tibet, nur eine indirekte Herrschaft.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, gab Kaiser Kammu Nara als Hauptstadt auf und erhob Heian (Kyoto) 794 zur neuen Residenz. Während dort den Nara-Schulen die Ansiedlung verweigert wurde, gewährte der Kaiser dem Mönch Kukai besondere Privilegien. Der Gelehrte, ursprünglich Konfuzianer, der nach Sanskrit-Studien und einem längeren Aufenthalt in China den Esoterischen Buddhismus nach Japan brachte, ist der Gründer der Shingon-Schule (Shingon = Mantra = das wahre Wort). Sie lehrt, dass der Mensch Erleuchtung bereits in dieser Welt erlangen kann. Das widerspricht dem vorherrschenden Dogma, erst nach der Mühsal vieler Wiedergeburten sei es möglich, sich von der Welt zu lösen.

Nach dem Tode Kukais 835 wurde auf und am Fuße des Berges Koya, wo er gestorben war, der Daigo-ji als Shingon- Hauptheiligtum errichtet. Obwohl die Mönchgemeinschaft nur eine Minderheit des japanischen Buddhismus' bildete, bestanden durch die Jahrhunderte meist enge Beziehungen zum Kaiserhaus und - gefördert von Hideyoshi - anfangs auch zum Shogunat. Die Meiji-Reform von 1868 war deshalb ein schwerwiegender Einschnitt, weil der Daigo-ji durch das "Gesetz zur Trennung von Buddha (Buddhismus) und Kami (Shintoismus)" - das mit der Säkularisation unter Napoleon zu vergleichen ist - seine Privilegien, seine Nebentempel und mit seinen Ländereien auch seine Einnahmen verlor.

Trotzdem gelang es, durch Spenden den Kern zu erhalten, ohne - wie andere Tempel - Kunstschätze verkaufen zu müssen. Denn im Daigo-ji hatte sich über das Jahrtausend ein Schatz von gut 100 000 historischen und kultischen Objekten angesammelt - der, obwohl für Japan von ungeheurer Bedeutung, bis heute noch nicht vollständig erfasst ist. Aus diesen Beständen sind in Bonn 240 Beispiele zu sehen, von denen 14 als "Nationalschätze" und 94 als "Wichtige Kulturgüter" eingestuft wurden.

Bonn, Bundeskunsthalle; bis 24. August; Katalog (Prestel) 59 Euro


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