Karussell der Vorurteile
Amerikanische Zeitschriftenschau: Warum Schwarze und hispanische Einwanderer Chinesen nicht mögen und das Verbrechen aus den US-Metropolen an die Ränder der Mittelstädte wanderte / Von Hannes Stein
Heute reden wir zur Abwechslung einmal von lauter unverfänglichen Themen: von Hautfarben und Rassismus, von Kriminalität und davon, wie bescheuert doch eigentlich Friedensverhandlungen im Nahen Osten sind.
Beginnen wir dabei - das leicht genervte Seufzen müssen Sie sich jetzt dazu denken - mit Jeremiah Wright, dem Pastor aus Chicago, der Barack Obama verheiratet und seine zwei Kinder getauft hat. Jener Pastor findet bekanntlich Louis Farrakhan toll, den Führer der schwarzen Nation of Islam, der seinerseits Hitler bewundert. Ferner ist Pastor Wright der Ansicht, die amerikanische Regierung habe das Aids-Virus in Labors gezüchtet, um einen Völkermord an den Schwarzen zu begehen; zum selben Zweck lasse sie von ihren Agenten Waffen und Drogen in den Schwarzenvierteln verteilen. Barack Obama hat sich erst im zweiten Anlauf von seinem Seelenhirten verabschiedet. Seine erste Reaktion war, dass er sagte, er könne sich so wenig von Jeremiah Wright distanzieren wie von seiner Familie, denn Wright verkörpere "die schwarze Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit", mit all ihren Tugenden und Fehlern.
Die Frage drängt sich auf: Hat Obama womöglich recht? Wir sollten "auf alle Fälle eine ehrliche Diskussion über das Thema 'Rasse' führen", empfiehlt Linda Chavez in "Commentary". Dann zitiert sie lauter ungemütliche, aber auch eine Handvoll gemütliche Statistiken. Zuerst die gute Nachricht: Nur noch zehn Prozent der weißen Amerikaner sind gegenüber Schwarzen grundsätzlich negativ eingestellt. Nun die schlechte Botschaft: Die Schwarzen erwidern dies keineswegs - drei Viertel von ihnen mögen die Weißen nicht. Allerdings gibt es in Amerika ja nicht nur Schwarze und Weiße. Linda Chavez glaubt sogar, dies sei längst nicht mehr die wichtigste Trennlinie innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.
Wie sieht es zum Beispiel mit dem Verhältnis von Schwarzen und hispanischen Einwanderern zu den Asiaten aus? Gar nicht gut: Diese halten jene für "gerissene Geschäftsleute", mit denen man sich besser nicht an einen Tisch setzt. Asiaten und hispanische Einwanderer stimmen jedoch dann wieder darin überein, dass sie denken, Schwarze seien faule Säcke, die von der Fürsorge lebten und es zu nichts brächten. Schwarze ihrerseits würden laut Statistik lieber mit Weißen in Geschäftsbeziehungen treten als mit Koreanern oder Chinesen. Weißer Rassismus, schreibt Linda Chavez, spiele in Amerika heute keine signifikante Rolle bei der Behandlung von Schwarzen oder anderen ethnischen Minderheiten mehr. "Das bedeutet nicht, dass Schwarze nicht mehr mit Diskriminierung konfrontiert sind. Es heißt, dass wir rigorose politische Maßnahmen getroffen haben, um Diskriminierung zu bekämpfen und jene zu bestrafen, die sie ignorieren oder verletzen."
Doch wie sieht es mit dem Rassismus der Schwarzen aus? Linda Chavez zitiert "Black Pride and Black Prejudice" von Paul M. Sniderman und Thomas Piazza, eine Studie aus dem Jahr 2002. Ihr zufolge gibt es unter Schwarzen eine deutlich höhere Anzahl von Antisemiten als unter Weißen. Ein Viertel der Befragten glaubte an das irre Märchen von dem künstlich gezüchteten Aids-Virus; die Hälfte denkt, die CIA und der FBI hätten heimlich Revolver und Gewehre in die schwarzen Viertel geschmuggelt.
Mit anderen Worten: Barack Obama hat leider recht. Sein Pastor ist wirklich typisch. Die verrückten Verschwörungstheorien spiegeln verzerrt eine traurige Realität wider: Die Kriminalitätsrate unter Schwarzen ist um ein Vielfaches höher als bei den Weißen - man sollte hinzufügen, dass die Opfer der Verbrechen meistens ebenfalls schwarz sind. Außerdem gibt es immer noch ein deutliches Bildungsgefälle zwischen "Caucasians" und "African Americans". Linda Chavez will für dieses Elend nicht den bösen Kapitalismus haftbar machen. Vielmehr hält sie den Verfall der schwarzen Familien für schuldig. Vor 40 Jahren, schreibt sie, "wurden 25 Prozent der schwarzen Kinder unehelich geboren ... Heute sind wir bei erstaunlichen 70 Prozent angelangt ..., die überwältigende Mehrheit der schwarzen Kinder wird von alleinerziehenden Müttern aufgezogen, in steigendem Maß aber auch - wie Barack Obama - von den Großeltern."
Was nun die Kriminalität betrifft, so ist in den letzten Jahren eine interessante Tendenz zu beobachten. Die früheren Hauptstädte des Verbrechens, New York und Los Angeles, sind heute harmlos, geradezu gemütlich geworden. Quasi zum Ausgleich gibt es eine steigende Verbrechensrate in den amerikanischen Städten mittlerer Größe (also Städten mit einer halben bis zu einer Million Einwohnern).
Nehmen wir Memphis (Tennessee): Früher war das eine jener Kommunen, wo man sein Auto unverschlossen stehen lassen konnte, mittlerweile schießen dort kriminelle Gangs ihre Revierkriege aus. Innerhalb dieser Städte wiederum sind die Zentren relativ ruhig. Der Schrecken macht sich ausgerechnet in den idyllischen Vororten breit. Wie konnte es dazu kommen? Dem Kriminologen Richard Janikowski fiel etwas Frappierendes auf. Er ist mit Phyllis Betts verheiratet, einer Spezialistin für Ansiedlungspolitik an der Universität Memphis, die mit einem ehrgeizigen Projekt des amerikanischen Wohlfahrtsstaates betraut ist: Seit den späten Siebzigerjahren wurden die Armen aus ihren vergammelten Wohnblöcken in den Innenstädten befreit, man verhalf ihnen zu Häusern in den Vorstädten. Sie mussten nur 25 Prozent ihres Einkommens für die Miete bezahlen, den Rest legte der Staat drauf. Dieses Projekt galt als Glanz- und Prunkstück der amerikanischen Sozialpolitik. Doch als jetzt Richard Janikowski eine Karte von Memphis studierte, auf der die Orte von Verbrechen rot gesprenkelt waren, und Phyllis Betts eine Karte darüber legte, wo blaue Flächen jene Gegenden auszeichneten, in die Menschen mit großzügiger Hilfe der Regierung umgezogen waren, da zeigte sich: Rote Punkte und blaue Flächen deckten einander ab.
Dieses Muster gilt nicht nur für Memphis. Es stimmt für ganz Amerika. Geetha Suresh, eine Kriminologin aus Indien, stellte nüchtern fest: "Das Verbrechen zog mit den Leuten mit." Es ist schwierig, in den Vereinigten Staaten über solche Forschungsergebnisse zu sprechen, wie Hanna Rosin in "The Atlantic" feststellt. Warum? Weil die meisten Menschen, denen man zur Flucht aus den Gammelhäusern verholfen hatte, Schwarze waren. Das "Projekt großer Umzug" richtete sich gegen weiße Rassisten, die dafür sorgen wollten, dass die Schwarzen hübsch in ihren Gettos blieben und sich nicht unter ihnen ansiedelten. Es handelte sich also um ein von vorne bis hinten nobles, ein lobenswertes Vorhaben. Was ist da nur schiefgelaufen?
Laut Hanna Rosin wurden zu Anfang noch sorgfältig Familien ausgewählt, die selbst den Wunsch äußerten, aus den Hochhäusern wegzuziehen, in deren Korridoren die Crackdealer lungerten. Sie mussten Kreditwürdigkeit nachweisen; Inspektoren nahmen ihre Wohnungen in Augenschein; wer mehr als fünf Kinder hatte, wurde disqualifiziert. Für jene, die diesen Anforderungen genügten, erwies es sich in der Tat als Segen, wenn sie die Umgebung wechselten. Später aber pfiffen die staatlichen Behörden auf Qualifikationen und schickten einfach alle in die Vorstädte - ganz gleich, ob sie das nun selber wollten oder nicht. Das Resultat: Die Leute aus den Gammelhäusern packten ihre Probleme in die Umzugskartons und nahmen sie mit in die hellen, neuen Wohnungen. In der neuen Umgebung fehlte ihnen aber die soziale Wärme, die sie verbunden hatte, als sie noch in den Innenstädten zusammenhausten. Und deshalb wird heute in Memphis, von wütenden jungen Männern scharf geschossen.
Wenden wir uns von Amerika ab und einem besonders freundlichen Thema zu - dem Frieden im Nahen Osten. In den vergangenen Monaten, so beobachtet Martin Peretz, der Chefredakteur der "New Republic", gab Israel sich ziemlich schwatzhaft: Es gab Gespräche mit Syrien, mit dem Libanon, sogar mit den Todfeinden von der Hamas. Europäische Kommentatoren hören schon die Glocken läuten - Peretz nicht. "Vielleicht glauben die Israelis, dass sie Syrien und den Iran auseinanderbringen werden. Können sie nicht. Diese Allianz erfüllt Assad seinen libanesischen Wunschtraum, und die Golanhöhen bedeuten diesem Tyrannen nichts. Kein einziges Mal hat Syrien seit dem Jom-Kippur-Krieg etwas wegen des Golan unternommen ... Natürlich würde Assad den Golan dankend annehmen, sollte Israel dämlich genug sein, ihn ihm zu geben. Aber es würde kein Gegengeschenk erhalten." Der Waffenstillstand mit der Hamas wird den Terroristen, so meint Peretz, nur Zeit verschaffen, um sich neue Waffen zu besorgen; dasselbe gilt für die Hisbollah im Libanon, die weiterhin fleißig aufrüstet.
Von Herrn Abbas, dem Chef der "gemäßigten" Fraktion unter den Palästinensern, erhofft Martin Peretz auch nichts: Abbas werde just den palästinensischen Staat aushandeln, "den die Hamas erben wird. Das ist die grausame Schlussfolgerung, zu der ich gelangt bin". Israel werde also mit Grenzen leben, hinter denen ein Iran sitzt, der nach Atomwaffen strebt.
Wir fassen zusammen: An guten Absichten herrscht kein Mangel, weder in Amerika noch im Nahen Osten. Leider hilft das wenig.
Commentary, Juni 2008
The Atlantic, Juli/August 2008
The New Republic, 9. Juli 2008