Kunst: Der Frauenverwandler - WELT
Kunst

Der Frauenverwandler

Von Uta Baier
Veröffentlicht am 17.07.2008Lesedauer: 3 Minuten

Wie der Computerkünstler Philip Scott Johnson zum Liebling der Internetbenutzer wird

"Brillant! Erstaunlich! Ich bin hypnotisiert! Ich liebe Deine Videos! Danke! Danke! Danke!" Der Grund für diese - im Internet veröffentlichte - Begeisterung ist knapp drei Minuten lang und zeigt eine computeranimierte Diashow einiger gemalter Frauen der Kunstgeschichte: beginnend mit einer russischen Ikone über die Schönheiten der italienischen Renaissance, die deutschen Mädchen bis zu den hübschen Modellen der Impressionisten und den Frauen Picassos.

Aus Mona Lisa wird Raffaels Dame mit dem Einhorn, die sich in Botticellis Venus verwandelt. Aus Dürers Rothaariger entsteht eine Cranach-Frau, die sich in Hans Memlings Maria Portinari verwandelt. Bis zu Picasso Zeichnung von Francoise, die den Reigen beendet, sind noch viele Hüte, wallende Locken, brav gescheitelte Frisuren und leicht geschürzte Münder zu sehen. Ein Reigen der Schönheit, eine Katalog der Möglichkeiten, Auge und Mund, Kinn und Nase in einem Gesicht anzuordnen.

Unterlegt mit der Musik aus Johann Sebastian Bachs Cello Suite Nr. 5, der Sarabande, hat der Computerkünstler Philip Scott Johnson, der sich auch eggman13 nennt, einen geradezu betörenden Videoclip geschaffen. Zumindest in den Augen der Nutzer der Internet-Video-Plattform YouTube.

Denn selten ist ein Künstler so rückhaltlos und von einem weltweiten Publikum gelobt und geliebt worden, wie der Amerikaner Johnson, der aus einer Künstlerfamilie stammt, einen Hochschulabschluss in Finanzwesen hat, Gedichte schrieb, Gitarre spielte, Videos drehte. Seit der 41-jährige Johnson vor fünfzehn Monaten seinen kleinen Videofilm "Woman in Art" ins Internet gestellt hat, wurde er - nach anfänglicher Missachtung - bis diese Woche fast acht Millionen Mal angesehen und immer wieder leidenschaftlich kommentiert: Toll! Zum Verlieben! Grandios!

Ein Fall für Nachahmer, denn die Photo-Morp-Software, die Johnson verwendet, kann jeder nutzen und so buhlt eine wahre Flut von animierten Kunst-Dia-Shows im Stil von Johnsons Filmen um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer - mit noch kleinem, aber wachsenden Erfolg. Auch Johnsons eigene Nachfolge-Filme über die Selbstporträts von van Gogh, die Bilder Picassos und die schönsten Filmschauspielerinnen haben noch nicht den Kultstatus seiner Kunstfrauen.

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Wirklich Neues entsteht bei dieser Zweitverwertung von Bildern aus Bilderbanken und Kunstbänden nicht, aber durchaus Unterhaltsames, das die Bewegung zum ästhetischen Prinzip erhoben hat, wo einst Kontemplation gefordert war. Faust folgend gibt es nur Vorwärts, nie "Verweile doch, Du bist so schön".

Besonders Peter Weibel, den Künstler, Medientheoretiker und Chef des Zentrums für Kunst in Medientechnologie in Karlsruhe wird der Erfolg von Johnson freuen. Weibels Video "Venus im Pelz" aus dem Jahr 2003 kann als direkte Vorlage für den "Woman in Art"-Film und all die anderen Bilder-Animationen gelten. Weibel führt mit derselben Technik wie Johnson von Cranachs "Quellnymphe", über Giorgione, Tizian und Manet zu Venusporträts und zurück zu Cranach. Dazu liefert er auch noch die Titel der Bilder.

Nur die Musik fehlt - und die zur Verbreitung unerlässliche Präsenz bei youTube. Spätestens nach dem zehnten Abspielen des gefeierten Johnson-Videos hat sich die Faszination zwar verflüchtigt und der Kitschfaktor steigt. Aber warum auch nicht? Der Zauber liegt im Augenblick, weil alles betörend Schöne mehr oder weniger schnell süßlich und banal scheint.

Peter Weibel "Venus im Pelz", Art clips. Hatje Cantz Verlag (Ostfildern): 39,80 Euro


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