Signale der Nestwärme
Der Dramatiker Kristo Sagor lebt und arbeitet fünf Monate lang im Keller des Bochumer Schauspielhauses
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Das Bett ist zerwühlt. Drum herum stehen Stühle für Zuschauer. Toilette und Dusche an der Wand funktionieren und werden benutzt. Im Theater unter Tage, der Kellerbühne des Bochumer Schauspielhauses, wohnt jemand. Der Dramatiker und Regisseur Kristo Sagor ist hier für fünf Monate eingezogen. Schränke, Tische, Sessel - das alles ist Bühnenbild und Privatsphäre zugleich. In den Regalen stehen Bücher in rauen Mengen. Bochumer Bürger haben sie gespendet und bei der Gelegenheit alle Simmels und Konsaliks entsorgt, die schon lange im Weg waren. Zwischen den Regalen ein Technikpult, Sebastian Kloos, der diesen Raum entworfen hat, richtet noch ein paar Scheinwerfer ein.
Kristo Sagor meint, von den Sitzen unter einem Regal könne man am besten den Raum genießen. Als wir uns darauf setzen, rutschen wir fast weg. Das Regal ist nicht gesichert. Kommt noch. "Der Zuschauer soll aber nicht nur zum Theater kommen", erklärt Kristo Sagor sein Konzept. Es gibt Abende, an denen er mit seinen Gästen kocht oder TV-Nachrichten anschaut. Und auch zu normalen Vorstellungen sollen die Leute "früher kommen und länger bleiben, auf jeden Fall ins Gespräch kommen".
Für den 32-Jährigen ist es eine Rückkehr an einen vertrauten Ort. Im Theater unter Tage erlebte er seinen Durchbruch als Dramatiker, vor acht Jahren mit "Durstige Vögel", einer Geschichte auf der Grenze zwischen Realität und Fantasie, Tod und Lebensgier. An diesem Ort hat er in der vergangenen Spielzeit die Außenseiterdramödie "Genannt Gospodin" von Philipp Löhle inszeniert, eins der wichtigsten neuen Stücke der Saison. Sagor inszeniert regelmäßig am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Für seine "Törless"-Regie wurde er als eine der besten Jugendinszenierungen für den deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert. Die Verleihung Ende November wird einer der wenigen Termine sein, die ihn aus seiner "neuen Heimat" im Theater unter Tage fort locken. Sonst bleibt er präsent, denn dieses Projekt ist an seine Persönlichkeit gebunden, auch wenn im weiteren Verlauf andere dort inszenieren.
"Erst können die Zuschauer den Raum alltäglich bewandern", meint Sagor, eine Hol-mal'n-Bier-aus-dem-Kühlschrank-Normalität entwickeln. "Wenn sie dann in einer Aufführung sitzen, könnte es sein, dass sie einen Verlust empfinden, weil sich nun der Normalmodus des Theaters einstellt. Im besten Falle fangen sie an, über den Raum nachzudenken." Das Theater entdeckt sich als soziale Plastik neu, diese Tendenz gibt es ja in ganz verschiedenen Ausformungen von den Performances von Signa bis zu den Experten des Alltags von Rimini Protokoll und Epigonen. Auch Kristo Sagor spricht von einer "sozial verkühlten Gesellschaft" und will mit seiner Grenzwanderung "gegen die urbane Kälte, gegen die globalisierte Stadt Signale der Nestwärme" senden.
"Der eigene Raum" heißt die erste Uraufführung, die Kristo Sagor inszeniert. Ein eigener Text, allerdings schon sieben Jahre alt. Es ist ein Albtraumspiel in einem blutverschmierten Badezimmer, ein geisterhaftes Auf und Ab geliebter Menschen, das vielleicht nur im Kopf des Raumbewohners statt findet. "Vielleicht ist er von Anfang an tot?" Kristo Sagor tut nicht nur so, als ob er keine Antwort wüsste. Der Text gibt auch keine. Und er ist alles andere als ein allwissender inszenierender Autor. "Manchmal sagen mir die Schauspieler auf den Proben, du, der Autor hat das aber anders gemeint."
Sagor inszeniert seine eigenen Stücke erst, wenn einige Zeit nach dem Schreiben vergangen ist. "Eine gewisse Fremdheit der Texte ist produktiv", sagt er, "das Wort Intention ist eine der überbewerteten Begriffe in der Kunst. Theater kann man doch nicht falsch verstehen, sondern nur subjektiv. Jeder Zuschauer deutet eine Aufführung auf der Basis seiner eigenen Biografie." Kristo Sagor hat Gummibärchen und Kekse geholt. "Es ist schon komisch", sagt er, "jetzt ist schon der November-Leporello gedruckt, und ich weiß fast jeden Tag genau, was ich machen werde."
Spontan vorbei kommen dürfen Besucher allerdings nicht. "Das macht man ja privat auch nicht, oder? Da fragt man schon, ob jemand Zeit und Lust hat." Vortragsnachmittage der Theaterwissenschaftler von der Ruhr-Universität sind in Kristo Sagors Bühnenwohnung ebenso geplant wie öffentliche Proben und Bandkonzerte. Eine Gratwanderung zwischen Privatleben und professionellem Theaterbetrieb, einfach im Augenblick des Erlebens, komplex beim Nachdenken, was da eigentlich passiert, wie sich die Ebenen von Wirklichkeit vermischen.
"Neue Heimat. Wohnen unter Tage" bis 28. Februar im Theater unter Tage des Schauspielhauses Bochum.