Glosse: Milosevic und die Strauchdiebe - WELT
Glosse

Milosevic und die Strauchdiebe

Autorenprofilbild von Berthold Seewald
Von Berthold SeewaldFreier Autor Geschichte
Veröffentlicht am 29.11.2008Lesedauer: 2 Minuten

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Ein paar Typen hocken an einem Baum und halten Brotzeit. Sie als friedliche Wanderer zu bezeichnen, wäre wohl ein Euphemismus. Nicht nur ist das Messer, mit dem das Brot geschnitten wird, reichlich spitz. Sondern es liegen auch - eine Vorzeichnung macht es deutlich - Pistolen herum, die auf dubioses Tagewerk schließen lassen. Straßenräuber sind es, die der spanische Maler und Grafiker Francisco de Goya (1746-1828) auf der Tafel 11 seiner Serie "Los Caprichos" (Die Launen) zwischen 1796 und 1797 verewigte und die seitdem für Ärger sorgen. Umgehend stürzte sich die Inquisition auf die Blätter, die sie nicht ganz zu Unrecht als deftige Satire verstand, so dass von den 270 Stück nur 27 verkauft wurden. Den Rest zog man zurück. Es folgten so viele Nachdrucke, dass daneben auch ein schwunghafter Handel mit Fälschungen entstand. Und jetzt wurde ein Exemplar von Tafel 11 ausgerechnet im Nachlass eines Mannes gefunden, der zu Lebzeiten nicht unbedingt als kultivierter Sammler von sich reden machte: Slobodan Milosevic.

Der einstige Präsident Serbiens, der im März 2006 während seines Prozesses vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag starb, hat das Blatt offensichtlich zur Ausschmückung seiner Residenz in Belgrad eingesetzt, wurde es doch, wie die Zeitung "Politika" berichtet, in der Küche des Präsidenten gefunden. Standesgemäß soll es sich nicht um einen Nachdruck handeln, sondern aus der ersten Auflage stammen, deren Tafeln für bis zu 40 000 Euro gehandelt werden. Sogar die Provenienz des "Goya" soll geklärt sein. Offenbar handelt es sich um das Geschenk, das Enrique Tierno Galván, damals der Chef der inzwischen aufgelösten Sozialistischen Volkspartei Spaniens, 1978 dem damaligen jugoslawischen Staatschef Tito übereichte. Demnach wären die "Muchachos al avío" (Burschen bei der Brotzeit), wie Goya sein Werk nannte, Teil der Kunstsammlung des kommunistischen Präsidenten gewesen, deren Spuren sich verloren haben, als Milosevic Mitte der Neunziger in Titos Palast zog.

Soweit die Kriminalgeschichte. Biografen und Historiker können nun darüber nachdenken, was es heißen könnte, dass der Mann, dessen Anklageschrift in Den Haag aus 66 Punkten bestand, ausgerechnet mit einer Horde spanischer Strauchdiebe seine Küche schmückte.


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