Bankrotte Mäzene
Das Wegbrechen von Spendengeldern ist für viele amerikanische Kultureinrichtungen ein Desaster
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Vor einigen Tagen versammelten sich 450 Menschen - unter ihnen viele prominente Künstler - im "Museum of Contemporary Arts" in Los Angeles. Es war eine kleine Solidaritätsdemonstration, zugleich aber auch eine Spendensammlung, denn über dem MoCA in Los Angeles (mit dem berühmteren MoMA in New York nicht zu verwechseln) schwebt der Pleitegeier.
Die Steuererklärungen zeigen: Das Museum, das 80 Prozent seiner Einnahmen aus Spenden bestreitet, hat schon am Anfang des Jahrzehnts mehr als 20 Millionen Dollar für laufende Kosten ausgegeben. Als das Mitte 2007 nicht mehr reichte, griff man in Töpfe, die von den Spendern explizit für andere Zwecke (Erziehung, Ankauf von Kunstwerken) vorgesehen waren.
Natürlich hat die Wirtschaftskrise nicht gerade geholfen, den Kontostand aufzubessern. Der Museumsdirektor Jeremy Strick wollte keine aktuellen Zahlen nennen, er gab aber immerhin zu, dass das Portfolio des Museums Anfang des Jahrtausends einmal 36,2 Millionen Dollar wert war; Mitte 2007 waren es nur noch 20,4 Millionen Gleichzeitig ist die Zahl der Museumsangestellten mit allem Drum und Dran, also inklusive Teilzeitkräften, von 150 auf 200 angestiegen.
Es ist, als wollte das MoCA eine alte Weisheit von Max Weber bestätigen: Wenn eine bürokratische Struktur in die Krise gerät, schrieb dieser Soziologe, dann reagiert sie nicht etwa, indem sie sich der Krise zuwendet, sondern indem sie ihre bürokratische Struktur verstärkt.
Bei der Solidaritätsdemonstration sollen etwa 4000 Dollar zusammengekommen sein. Das ist eine nette Geste, nicht mehr; um das MoCA zu retten - das vor allem Künstlern wie Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, Mark Rothko eine Heimstatt bietet -, werden mehrere Millionen benötigt. Der Museumsdirektor soll auch bei jener Veranstaltung zugegen gewesen sein, aber er sprach nicht öffentlich. Offiziell behauptet man, es werde nicht darüber nachgedacht, das MoCA als Juniorpartner irgendeiner anderen Institution zu unterstellen, die Eigenständigkeit soll gewahrt bleiben. Doch was nun eigentlich geschehen soll, steht in den kalt funkelnden Sternen am Firmament des Kapitalismus.
Das MoCA ist ein besonders dramatischer Fall. Dabei wird das Museum in erster Linie gar nicht von der Finanzkrise bedroht: Die Misswirtschaft wühlte längst in den Eingeweiden wie ein tückischer Virus, sie wurde durch die Krise nur zum Ausbruch gebracht. Doch tatsächlich sind auch andere kulturelle Einrichtungen in Amerika von der Finanzkrise zumindest betroffen (WELT v. 19.9.).
Da ist etwa die "New York City Opera", die im Februar verkündete, Gerard Mortier werde ihr Manager und künstlerischer Direktor werden. Mortier, der die Salzburger Festspiele neu aufbügeln half, war von der "City Opera" so sehnsüchtig erwartet worden wie der Messias. Er sollte gewagte neue Produktionen einstudieren, die Oper in Armenviertel tragen und nicht zuletzt die Heimstatt der Opernkompanie, das "New York State Theater", gründlich renovieren.
Doch nun hat der belgische Messias schon wieder seinen Bettel hingeworfen: 60 Millionen Dollar, so hatte es in seinem Vertrag gestanden, sollte er jedes Jahr zur Verfügung haben, 36 Millionen waren davon nach der Finanzkrise noch übrig geblieben. Damit ließe sich gerade eben der Betrieb aufrechterhalten, für Innovationen bliebe nichts mehr übrig. "Ich habe ihnen gesagt: Das geht beim besten Willen nicht", so Mortier. "Ich kann keine Kompanie betreiben, die weniger zur Verfügung hat als die kleinste Kompanie in Frankreich."
Zum Glück leben die meisten kulturellen Institutionen Amerikas nicht von der Hand in den Mund. Sie haben Rücklagen gebildet, und sie sind nicht auf jeden einzelnen Spender angewiesen, so dass es nichts ausmacht, wenn nun der eine oder andere Pfeiler wegkracht. Reynold Levy, der Director des Lincoln Center in der Upper West Side, der eigentlich lieber ein Stand-Up-Comedian geworden wäre, aber unmittelbar nach Ausbruch der Krise noch sehr skeptische Töne von sich gegeben hatte, klingt mittlerweile wieder sehr fröhlich. Kein Wunder: Von der Milliarde, die er 2011 für die Renovierung des Lincoln Center benötigen wird, hat er 600 Millionen schon in seinem Sparschwein.
Eine Hoffnung dürfen die kulturbegeisterten Amerikaner sich indessen nicht machen. Eine Regierung Obama wird zwar möglicherweise weitere Unsummen ausgeben, um stürzende Banken am Umfallen zu hindern und General Motors zu subventionieren - aber sie wird nicht mehr als bisherige Regierungen für Kultur ausgeben.
Die Subventionierung von Kultur durch den Staat erscheint in den USA eben zutiefst exotisch: Dieses Land hat nie einen Feudalismus gekannt, Kultur war hier immer eine Angelegenheit der Bürger. Deren Spendenfreudigkeit lässt in der Krise naturgemäß zu wünschen übrig. Allerdings spenden die Amerikaner immer noch deutlich mehr als sie sparen.