Aufklärung am Golf - WELT

Aufklärung am Golf

Von Jörg-dieter Kogel
Veröffentlicht am 03.12.2008Lesedauer: 4 Minuten

Der Regent von Dubai lädt deutsche Schriftsteller zum "Arabisch-deutschen Kulturdialog"

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Die Anekdote mit anspielungsreicher Pointe aus der Zeit der deutschen Reformation schmeichelte dem Gastgeber, Scheich Mohamed bin Rashid Al Maktoum, Regent von Dubai und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, ebenso wie seinen deutschen Schriftstellergästen, die der Einladung des orientalischen Regenten zum "Arabisch-deutschen Kulturdialog" an den Golf gefolgt waren. Adolf Muschg erinnerte an Albrecht Dürer, dem während einer Porträtzeichnung, die er von seinem Modell sitzenden Gönner und Kaiser Maximilian I. anfertigen wollte, der Zeichenstift aus der Hand geglitten sei und sich dann nicht etwa der Malerfürst bemüht habe, das Arbeitsgerät vom Boden aufzusammeln, sondern der Kaiser selbst. So einer wie Maximilian, sinnierte Muschg in orientalischer Kulisse, sei offenbar auch Scheich Al Maktoum, der Kunst und Künstler nicht gängele, sondern sich vor beiden verbeuge.

Und in der Tat: Der Scheich, der in seiner freien Zeit gerne selbst Verse schmiedet, fördert die Künste wie kaum ein zweiter, und holt, damit sie gedeihe, Menschen in sein Land wie den ehemaligen Generaldirektor der Berliner Opernstiftung Michael Schindhelm.

Nicht nur aufgeklärt ist der Scheich, auch spendabel wie in der Geschichte nur die Renaissancefürsten, und unter den arabischen Herrschern ist er eine solitäre Erscheinung, der Dubai in kürzester Zeit nicht nur zu einem führenden Finanz-, Industrie- sowie Tourismuszentrum, sondern zu einer veritablen Weltkulturstadt ausbauen möchte. Und dazu zählt für ihn auch der Dialog mit der westlichen Kultur, die er im Unterschied zu manch anderem arabischen Potentaten nicht pauschal als Teufelswerk brandmarkt, sondern wie einen Sparringspartner der eigenen arabischen Kulturtradition zu gewinnen sucht. Umgekehrt dürfe man die dann allerdings auch nicht auf Extremismus und Rückständigkeit beschränken.

Bei diesem Prozess sind die Gescheiten und Schriftgelehrten aus beiden Welten unverzichtbar. "Ihr Intellektuelle", hatte der Scheich anlässlich eines Berlin-Besuchs im Februar programmatisch ausgerufen, "seid für mich wichtiger als die Politiker." Vielleicht war es wirklich nur Zufall, dass er bei seiner Referenz, die er dem Kulturdialog in einer seiner Luxus-Immobilien erwies, genau in jene Diskussionsrunde geriet, in der freimütig über die Rolle der Intellektuellen hier wie da debattiert wurde.

Zehn Milliarden Dollar hat Scheich Maktoum als Schenkung aus seinem Privatvermögen der nach ihm benannten Stiftung zur Förderung von Kultur und Wissenschaft und ihrem weltweiten Austausch vermacht. Diesem großzügigen Engagement verdankt sich auch der jetzige "Arabisch-deutsche Kulturdialog", die zusammen mit dem in Berlin beheimateten "West-östlichen Diwan" zahlreiche Autoren an den Golf lud: von Hans Magnus Enzensberger bis Volker Braun, von Adolf Muschg über Daniela Dahn bis Michael Krüger, der im Hauptberuf den Hanser-Verlag leitet. Mit der Arabistin Angelika Neuwirth und der Germanistin Katharina Mommsen wurden zwei bedeutende Fachwissenschaftlerinnen für den Kulturdialog gewonnen.

Auf arabischer Seite war die Creme der Schriftsteller- und Gelehrtenzunft der Einladung gefolgt - angeführt vom derzeit bedeutendsten arabischen Dichter, Ali Ahmad Said, den man besser unter seinem Künstlernamen Adonis kennt. Begründung statt Vorurteil, Klärung statt Unterstellung, Dialog statt Polemik - in bester aufklärerischer Tradition hatte man sich vorgenommen, an zwei Tagen zu diskutieren: Über die Fremdwahrnehmung der jeweils anderen Kultur, die Präsenz des arabisches Kulturerbes in Deutschland und den Stand der Übersetzungsleistungen vom Deutschen ins Arabische und umgekehrt. Dabei war zu erfahren, dass die Maktoum-Stiftung derzeit großzügig die Übertragung von 50 deutschsprachigen Büchern ins Arabische ermöglicht und dass neben Kant und Adorno demnächst die "Theorie des Kommunikativen Handelns" von Jürgen Habermas in einer arabischen Ausgabe erscheinen wird - ausgerechnet in einem libyschen Verlag.

Hans Magnus Enzensberger, dem die Ehre des Eröffnungsvortrags zuteil wurde, erinnerte an die Blütezeit der arabischen Aufklärung in Andalusien. Dass die Europäer die Aufklärung für sich beanspruchten, sei jedenfalls nur die halbe Wahrheit. Die nahe liegende Frage, ob es angesichts des derzeitigen eher traurigen Bilds, das die islamische Kultur abgibt, einer zweiten Aufklärung bedarf, beantwortete Enzensberger im Stil des wendigen Odysseus: Dies sei Sache der Araber selbst.

Wenn man sie denn ließe, möchte man hinzufügen. Der marokkanische Autor al-Ja'bari beklagte, dass ihm in seinem und in anderen arabischen Ländern nicht einmal die Chance geboten werde, kritische Themen öffentlich kontrovers zu behandeln, weil die Staatsräson es verbiete. Viele Intellektuelle sähen sich dort auf die Rolle von Stichwortgebern der Mächtigen im Staate zurückgeworfen und gefielen sich nicht selten als Virtuosen des Altbackenen, denen ihre Entrücktheit zum Verhängnis werde.

So betrachtet, ist es zweifellos als Fortschritt anzusehen, wenn sich beim Dubaier Kulturdialog wenigstens für kurze Zeit der Vorhang öffnete.


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