Erotisches Knurren
Die amerikanische Sängerin und Entertainerin Eartha Kitt ist tot
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In diesem Jahr ist viel von 1968 die Rede gewesen, von Vietnam-Krieg und Studentenrevolte, Emanzipation und Blumenkindern. Gleichsam als Resümee der zahllosen Gedenktage und Rückschauen kommt am Ende des Jahres 2008 eine Szene in den Blick, die noch einmal die ganze Fallhöhe der Veränderungen konturiert, für die 1968 heute steht.
Am 18. Januar 1968 war die Sängerin und Entertainerin Eartha Kitt ins Weiße Haus geladen. Sie war farbig und ein Weltstar. Und sie wagte es, der damaligen First Lady Bird Johnson ins Gesicht zu sagen, dass der Vietnamkrieg eine schmutzige Angelegenheit sei. Die Ungnade, in die Eartha Kitt fiel, war ein landesweiter Boykott in Medien und auf der Bühne. Aus der "aufregendsten Frau der Welt" (Orson Welles) wurde - nicht ohne Zutun der Geheimdienste - eine Kommunistin und "sadistische Sex-Nymphomanin".
Erst viele Jahre später feierte Eartha Kitt ihr Comeback am Broadway. Dass das der Tochter eines farbigen Baumwollpflückers und einer Cherokee-Indianerin aus South Carolina im Alter von 51 Jahren gelang, zeigt allein schon ihr überragendes Talent und ihre unbändige Energie. Noch vor wenigen Wochen arbeitete sie an Aufnahmen in Chicago, bis sie am Donnerstag in einem New Yorker Krankenhaus ihren letzten Kampf gegen den Krebs verlor. Sie wurde 81 Jahre alt.
Trotz aller Verachtung und Bösartigkeit, mit der Amerikas Establishment sie 1968 verfolgte, war es der amerikanische Traum, dem Eartha Kitt bis zuletzt folgte. Denn tiefer konnte der Start ins Leben nicht liegen, der Eartha Mae Keith aus North zugedacht war. Ihr Vater verschwand beizeiten, der neue Partner ihrer Mutter verstieß sie, weil sie nicht schwarz genug war. Mit neun Jahren floh sie nach New York. "Ich lebte in U-Bahnschächten, ich hatte Hunger, aber ich bin meinen Weg gegangen", bekannte sie später. Straße und Strich schienen vorprogrammiert.
Nach einem Intermezzo an der New Yorker High School for the Performing Arts und billigen Jobs bekam sie 1947 die Chance ihres Lebens. Ohne große Vorbildung stellte sie sich der berühmten Choreografin Katherine Dunham vor und erhielt ein Stipendium, später ein Engagement in der Dunham Dance Group.
Die verließ Eartha Kitt während einer Europa-Tournee, um im Pariser Nachtclub "Carrols" selbständig an ihrer Karriere zu arbeiten. Doch aller Sex in ihrer Stimme und ihrem geschmeidigen Gestus hätten vielleicht kaum ausgereicht, ihr das übliche Schicksal im Tingeltangel-Gewerbe zu ersparen, wäre nicht 1950 ein Mann namens Orson Welles dem Hinweis von der "fauchenden Wildkatze" gefolgt. Welles engagierte die 23-Jährige auf der Stelle für sein "Faust"-Projekt, machte sie zu seiner Muse und seiner Geliebten und soll sogar um ihre Hand angehalten haben.
Doch Eartha Kitt gefiel sich in der Rolle des männermordenden Vamps. Nachdem ihr mit dem Song "C'est si bon" 1952 der ganz große Durchbruch gelungen war, schrieb der "Spiegel": "Wenn der durchschnittliche maskuline Mensch in Reichweite von Kitts Stimme kommt, vernimmt er unmissverständlich den Ruf der Wildnis." Ihre erste Langspielplatte "RCA Victor Presents E.K." kam unter die Top-Fünf des Jahres 1953, der freche Weihnachtshit "Santa Baby" wurde die meistverkaufte Single ihrer Karriere.
"Ich brauche dringend die Bestätigung durch ein Publikum. Vielleicht deshalb, weil ich eine solch harte Kindheit hatte", begründete sie später die Arbeitswut, die sie in allen Sparten der Popkultur an den Tag legte. Sie sang in zehn verschiedenen Sprachen, trat in mehr als 100 Ländern auf, interpretierte Klassiker von "Mackie Messer" bis "La Vie en Rose" und landete sogar noch als 50-Jährige mit "Where Is My Man" und "This Is My Life" Hits in den Disco-Charts. Sie spielte in Musicals am Broadway, wo sie als "Mrs. Patterson" die erste dunkelhäutige Hauptdarstellerin war, deren laszive Vocal-Nummer "Lets Do It" von der BBC prompt mit Sendeverbot belegt wurde. Und sie wirkte nicht nur in zahlreichen Filmen mit, sondern zeigte als männermordende Schurkin Catwoman in der Serie "Batman" (1967/68) sogar noch Amerikas Fernsehpublikum, dass Knurren und Fauchen vor allem Formen erotischer Überwältigung sein können.
Doch obwohl sie von Männern wie Eisenhower, Churchill, Nehru oder Einstein hofiert wurde und sie keine Scheu hatte, sich mit der Heirat mit einem weißen Studenten 1960 einmal mehr über das gesellschaftlich Gebotene hinweg zu setzen, hat Eartha Kitt ihre Talente nicht im üblichen Strohfeuer vieler Sexsymbole verbrannt. Dafür war ihr Talent als Künstlerin zu groß - und ihre Einfühlsamkeit als Mensch. So trat sie, lange vor Aufhebung der Rassenschranken, vor schwarzem wie weißem Publikum in Südafrika auf und finanzierte dort Schulen für Farbige. In den Achtzigern sorgte sie mit zahlreichen Benefiz-Auftritten für HIV-Organisationen dafür, die Seuche Aids bekannt zu machen - was sie unter anderem auch in der Schwulenszene zur Ikone werden ließ.
Auch Amerikas Establishment hat längst seinen Frieden mit Eartha Kitt gemacht. Vor zwei Jahren zündete sie auf Einladung von Präsident George W. Bush und seiner Frau die Lichter am großen Weihnachtsbaum im Weißen Haus an. Im nächsten Jahr wird dies mit Barack Obama ein ebenfalls hellhäutiger Farbiger tun. Es hat sich viel getan seit 1968.