Raus, weg in die Freiheit!
Vor 50 Jahren kehrte Fritz J. Raddatz der DDR den Rücken, und seine steile Karriere als Schriftsteller, Lektor, Kritiker im Westen begann. Ein Rückblick auf die Anfänge
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Die Welt:
Sie verließen die DDR im Dezember 1958. Was gab Ihnen das Gefühl, im Westen angekommen zu sein?
Raddatz:
Mein erster unauslöschlicher Eindruck war das Wirtschaftswunderimperium des Helmut Kindler. Ich hatte ja nur 300 Mark und keinen Job, als ich in München ankam. Glücklicherweise traf ich gleich am ersten Tag auf der Straße Erich Kästner, der mich an Helmut Kindler verwies. Das karottenrot gefärbte Haar der Gattin, die da auf cremefarbener Couch hingegossen saß, Champagner, der in Strömen floss, die Cadillacs des Verlegers, farblich abgestimmt auf die Blusen seiner Frau: das war der Emporkömmling in Reinkultur, so etwas gab es im Osten natürlich nicht. Doch der liebenswürdige, neugierige und interessierte Kindler war auch nobel, ließ mich drucken, was ich wollte, und das rechne ich ihm noch heute hoch an, ob Aragon oder Langston Hughes. Ich brauchte mich nur auf die literarische Qualität eines Buches zu berufen, musste nicht mehr wie im Osten lügen, um jemanden durchzusetzen und beispielsweise William Faulkner als Vorkämpfer für die Emanzipation der Schwarzen anpreisen, was er bei Gott nicht war.
1958 - das war mitten in der Ära Adenauer. Was war eigentlich so adenauerisch an ihr?
Die Dumpfheitsdecke, die über dem Land lag. Es gab damals zum Beispiel nur einen schmalen Auswahlband von Marx zu kaufen. Als ich seine frühen Schriften herausbringen wollte, sagte Habermas zu mir: "Sie müssen ein mutiger Mann sein." Oder die Literatur der literarischen Emigranten - weitgehend tabu. Da war also einerseits die Freiheit, aber auf der anderen Seite viele, die keinen Gebrauch davon zu machen sich getrauten.
Gehört zur Ära Adenauer nicht aber auch, dass jemand wie Sie - jung, engagiert, intelligent - sofort seine Chance bekam und früh den Grundstein zu einer Traumkarriere legen konnte? Ein Vertrauensvorschuss, der heute undenkbar wäre.
Ja, aber auch aus Geschichtsblindheit. Ich hätte ja ein Stasi-Spitzel, ein junger Nazi sein können. Aber nach der Vergangenheit wurde nicht gefragt. Es herrschte das Heute. Man vertraute mir blindlings. Das war natürlich andererseits auch wunderbar.
Sie haben die DDR nicht freiwillig verlassen, sondern aus Verzweiflung, was aus der Idee in zehn Jahren Realsozialismus geworden war und überdies persönlich behindert und bedroht. Haben Sie sich manchmal nach Ost-Berlin zurückgesehnt?
Nie je! Ich werde nie das Geräusch vergessen, als die Wohnungstür in Ost-Berlin hinter mir ins Schloss fiel. Noch das Gefühl der Erleichterung. Nur raus hier, weg, in die Freiheit, dachte ich. Und dabei ist es dann geblieben.
Sie wechselten dann schnell als Cheflektor von Kindler zu Rowohlt. Warum?
Rowohlt war natürlich der interessantere Verlag. Es war damals der Verlag für moderne Literatur schlechthin. Und auch mein neuer Chef, Ledig-Rowohlt, ließ mir alle Freiheit. Er hasste Muff und Bürgerlichkeit. Und so konnte ich sie alle nach Deutschland holen, die jetzt größtenteils bei anderen Verlagen sind: Philip Roth und Thomas Pynchon. Mishima und Vargas Llosa. Susan Sontag und Hubert Selby, um nur einige zu nennen. Henry Miller und Jean Genet hatte Ledig schon durchgesetzt. Das waren ja teilweise sexuell sehr freizügige Autoren, an die sich keiner herantraute - da ist sie wieder, die Dumpfheit der Ära Adenauer. Aber wenn jemand den Mut hatte, sich für sie einzusetzen, wie Ledig-Rowohlt, dann ging es eben doch.
Verglichen mit diesen Kalibern musste Ihnen doch die deutsche Gegenwartsliteratur provinziell erscheinen.
Ja, aber mit Ausnahmen! Hubert Fichte war nicht provinziell. Kempowski mochte man provinziell nennen, aber er war in dieser Provinzialität ergreifend. Ich habe ihn damals sozusagen aus dem Nichts aufgelesen. Da Ledig-Rowohlt sich im Grunde nicht für deutsche Literatur interessierte - "Halten Sie mir diesen Rühmkorf vom Leibe", sagte er gerne; er kannte seinen eigenen Autor kaum - hatte ich auch hier wieder freie Hand. Ich konnte Rolf Hochhuths "Stellvertreter" aus dem Papierkorb hervorholen, in den er schon wieder gewandert war.
Die deutsche Literatur damals, das war im Wesentlichen die Gruppe 47. Wie beurteilen Sie deren Leistung im Nachhinein?
Böll, Grass, Enzensberger usw. hätten sich auch ohne die Gruppe durchgesetzt. Aber die Gruppe war wichtig als Hauptstadtersatz. Autoren brauchen Kommunikation untereinander, auch Klatsch. Das alles hatten sie hier. Die Gruppe - das war unser Paris.
Wie konnte es ein Feingeist, ein Ästhet, ein Exzentriker wie Sie unter den Bölls und Grassens eigentlich aushalten?
Wie hielt ich es überhaupt in irgendeinem Betrieb aus? Mir ging es um die Literatur. Da hat mich ganz einfach nicht gestört, dass Erich Fried sich nicht die Haare wusch, Reinhard Lettau schlechte Zähne hatte und Peter Rühmkorf seine Zigaretten-Asche auf meinen Jugendstil-Möbeln von Gallé und Majorelle ausdrückte, weil er wohl glaubte, sie seien von Ikea. Ich war anders als diese Menschen, das ist wahr. Aber sie akzeptierten das.
Wer war denn bei den Tagungen der Gruppe 47 Wortführer der Literaturkritik?
Ich jedenfalls nicht. Ich war ja damals noch Verlagscheflektor und hielt mich sehr zurück. Wortführer war im Grunde Joachim Kaiser. Der ließ erst Reich-Ranicki losdonnern und dann die Professoren-Combo, also Hans Mayer, Walter Jens und Walter Höllerer, ihre Referate halten. Dann sagte er zögernd, nachdenklich etwas Kluges, Abgewogenes, und das galt.
Sie schreiben in Ihrer Autobiografie "Unruhestifter" dass Sie bereits 1986 das Gefühl hatten, Sie und andere, die die Kultur Nachkriegs-Deutschlands mitgestaltet hätten, seien schon damals "fast ermordet" worden. Worauf bezieht sich das?
Auf die vernichtenden Kritiken, die damals Böll und Grass, aber auch Hubert Fichte immer häufiger bekamen - allen voran im "Spiegel". Hellmuth Karasek, der in jenen Jahren meine Erzählung "Kuhauge" ungelesen verreißen ließ, hat es mir selbst einmal gebeichtet, es sei damals ihm und anderen beim "Spiegel" einfach darum gegangen, uns "ordentlich fertig zu machen". Das war ein Klimawechsel, ein Wechsel im Ton. Und daran hat sich ja bis heute nicht viel geändert.
22 Jahre später: Was ist eigentlich von der Kultur Nachkriegs-Deutschlands geblieben?
Ich glaube, dass diese Kultur in Scherben gefallen ist. Das liegt wesentlich auch an der Geschwindigkeit und Unverbindlichkeit, die heute herrschen. Ein Buch hat jetzt vier Monate, um sich durchzusetzen; das ist fast die Verfallszeit eines Bechers Joghurt! Man kann sich nicht mehr einlassen auf Texte, auf Strukturen.
Auf einem Treffen deutscher Literaturkritiker prognostizierte kürzlich ein Kollege, Literaturkritik werde nur in Nischen überleben, ihre Zeit in den großen Medien sei vorbei.
Manchmal habe ich Angst, dass das stimmt. Das hängt damit zusammen, dass viele Leute keine längeren Texte mehr lesen wollen oder können. Auch eine Folge des Internets. Eine unwürdige Behandlung der Literatur greift um sich, sie kann ihre Wirkung im Rausch der Geschwindigkeit nicht mehr entfalten, eine Wirkung, zu der es doch auch gehört, dass man mal angesichts eines Buches staunt und weint.
Sie sagen in Ihrer Autobiographie "Unruhestifter" im Rückblick auf Ihre Zeit als Feuilletonchef der "Zeit" von 1977 bis 1985: "Die Zeit war überhitzt, ich heizte an, verheizte mich mit." War vieles damals einfach nur heiße Luft?
Mit Sicherheit. Ich urteile heute über viele Bücher und Figuren, für die ich mich damals eingesetzt habe, anders; ja manchmal frage ich mich, wie ein intelligenter Mensch nur solchen Quatsch schreiben konnte. Aber das war immer so, das geht jedem Menschen im Rückblick so, wenn er ehrlich ist. Vieles war damals übertrieben. Aber man wird ja wohl noch übertreiben dürfen...