Zweierlei Vergangenheit
Betrachtung zum 60. Gründungsjahr der Bundesrepublik und der DDR
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Die DDR betrachtete sich selbst als "Neues Deutschland", als eine Art Erstgeburt. Kein Zufall, dass die Bezeichnung "erster Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" den Menschen eingehämmert wurde. Als "Erstgeburt", entzog sich die DDR konsequent der historischen Schuld des Deutschen Reiches, konkret und vor allem des nationalsozialistischen Deutschland. Folgerichtig präsentierte sie sich als deutscher Staat der deutschen Opfer. Die gesamtdeutsche Geschichte wurde vom Kopf auf die Füße gestellt, und dieser Vorgang ähnelte durchaus österreichischem Selbstverständnis - lange Zeit mit alliierter Zustimmung. Als hätte es "Großdeutschland" und den Jubel der Österreicher beim Anschluss von 1938 nie gegeben. Nachkriegs-Wien und Ost-Berlin unterschieden sich diesbezüglich nicht grundsätzlich.
Die DDR-Führung ging noch weiter als Österreich: Geführt wurde der deutsche Oststaat von Kommunisten. Diese waren - parteipolitisch betrachtet - im und vom Dritten Reich noch heftiger verfolgt worden als Sozialdemokraten. Der von Kommunisten geführte deutsche Staat DDR war deshalb, auch aus diesem Blickwinkel, "Staat der Opfer". Unter Auslassung und Tabuisierung der Hitler-Stalin-Kumpanei in den Jahren 1939 bis 1941 knüpfte der SED-Staat an die "Volksfront"-Strategie der Kommunistischen Internationale an, also an die von 1935 bis 1939 befürwortete und Zusammenarbeit von Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten. Die Volksfront wurde von 1941 bis 1945 weltpolitisch zur "Einheitsfront aller Antifaschisten", also auch um die nichtlinken, bürgerlichen Parteien erweitert. Innenpolitisch, indem die Kooperation mit bürgerlichen Parteien angestrebt wurde, außenpolitisch durch die Kriegskampfgemeinschaft gegen die nationalsozialistisch deutschen "Faschisten".
Diese Geschichtspolitik betraf nicht Wolkenkuckusheim, sondern besonders die Wirtschaft der DDR. Ausgehend vom hier skizzierten Selbstverständnis war die Weigerung der DDR, den jüdischen Hauptopfern des Nationalsozialismus "Wiedergutmachung" zu leisten, zwar unmoralisch, geschichtspolitisch war sie aber konsequent. Das war sie auch geschichtssoziologisch. Walter Ulbricht, der kleingewachsene "Große Mann" (und bis 1971 der große Schuft) der DDR, brachte es auf den Punkt: Wie kämen denn Kommunisten als Vertreter des "Proletariats" dazu, als Opfer der Kapitalisten - jüdisch oder nicht - ihren "Ausbeutern", der "Bourgeoisie", Entschädigung zu leisten.
Soziologisch betrachtet stammte die Führung der DDR weniger aus dem Proletariat. Kleinbürgerlich geprägt war sie. "Der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden" war eine geschichtssoziologische Fiktion. Soziologisches Faktum ist: Die Politik der DDR richtete sich gegen die als "Junker" diskriminierend abgestempelte Aristokratie und die "Bourgeoisie" als Wirtschafts- und Bildungsbürgertum. Auch aus diesem Blickwinkel war dieser Staat des Kleinbürgertums, der sich als Staat der "Arbeiter und Bauern" maskierte, ein Novum - nicht nur deutsch, sondern staatstheoretisch. Der "Staat" an sich wird verstanden als Verkörperung der Allgemeinheit, also aller Bürger - ob "Bürgerliche" oder nicht. Als "Staat der Arbeiter und Bauern" katapultierte sich die DDR aus ihrer Staatlichkeit, indem sie Teile der Bürgerschaft als deren Gesamtheit ausgab. Einen Staat der Teil-Bürgerschaft gibt es so häufig wie kleine Riesen. Wer dieses geschichtssoziologische, konzeptionelle und intellektuelle Klein-Karo erkennt, versteht auch, weshalb die DDR auch ästhetisch, geschmacklich nur Kleinst-Karo bieten konnte.
Durch ihre in Potsdam programmierte und nicht nur von der Sowjetunion legitimierte Ostorientierung war die DDR als deutscher Oststaat geschichtsgeografisch ebenfalls ein Novum deutscher Geschichte. Kein deutscher Staat hatte sich zuvor jemals so eindeutig an "den Osten" gebunden und gegen "den Westen" verschrieben. "Westen", das war und ist weit mehr als USA, Nato und EU - das bedeutet: liberale parlamentarische Demokratie. Das beinhaltet die vornehmlich westeuropäische Aufklärung sowie die Menschen- und Bürgerrechte in der Tradition von 1776 (USA) und 1789 (Frankreich) als angewandte politische Philosophie.
Wir fassen zusammen: Die DDR-Geschichtspolitik war so absurd wie die Existenz dieses Staates, der ein Potsdam-politisches Kunstprodukt war, bar jeder Basis - mit Ausnahme der außenpolitischen. Als diese wegbrach, brach die DDR alternativlos als zweiter deutscher Staat zusammen.
Wieder ist ein Seitenblick auf Österreich aufschlussreich: Österreich war lange vor Deutschland ein Staat, nicht außenpolitisch verordnet, sondern über Jahrhunderte gewachsen, wenngleich nach 1919 dramatisch geschrumpft. Rein gar nichts war und ist an Österreichs Staatlichkeit künstlich. Das ist der große Unterschied zur DDR. Auch deshalb war der Vergleich zwischen dem "Anschluss" von 1938 und 1990 absurd. Österreich war historisch stets etwas Besonderes, Ost-Deutschland als DDR ein Nichts.
Obwohl auch nur ein deutscher Teilstaat betrachtete sich die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des Deutschen Reiches von Anfang an und exklusiv als "Deutschland". Deshalb der "Alleinvertretungsanspruch". Das war nicht hegemonialer Drang nach Osten, gar "Revanchismus". Das war, gerade am bundesdeutschen Anfang, eine ungeheuere Bürde. Dieser neue Staat präsentierte und sah sich als alter Staat. Das umfasste logischerweise alle deutschen Altlasten, nicht zuletzt die geschichtspolitischen, moralischen, auch wirtschaftlichen. Auch wer "verdrängen" und "vergessen" wollte, konnte es nicht. Früher oder später musste er von den logischen geschichtspolitischen Konsequenzen eingeholt werden. Wenn und weil die "BRD" sich als "Deutschland" verstand, stand sie in der Kontinuität der gesamten deutschen Geschichte. "Deutsche" Geschichtspolitik à la carte war unmöglich. Das war der Gründungskonsens der Bundesrepublik. Wer "A", also "Deutschland", sagte, musste auch "W" wie "Wiedergutmachung" sagen. Das staatsrechtliche Selbstverständnis der Bundesrepublik war zugleich ihr geschichtspolitisches Axiom, von A über W bis Z, als Zusammenschluss und Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten seit dem 3. Oktober 1990. Auch unter diesem Aspekt war die (Wieder-)Vereinigung alternativlos.
Alternativlos war auch dies: Die Bundesrepublik war als Staat aller Deutschen der Staat der Täter und Opfer. Der deutschen Schuld (nicht als Kollektivschuld, aber als Schuld des deutschen Staates, des Deutschen Reiches, als institutionelle Verkörperung aller Deutschen) musste deutsche Sühne folgen, wenn "die Deutschen" mit sich selbst ins Reine kommen wollten. Konrad Adenauer hat diesen Gedanken in seiner berühmten Bundestagsrede vom 27. September 1951 ausgesprochen: Deutsche Kollektivschuld nein, Verantwortung und Haftung unbedingt.
Entgegen der Legende und den Stammtisch-Historikern gilt diese geschichtspolitische Tatsache: Deutsche Opfer wurden in der bundesdeutschen Geschichtspolitik nie tabuisiert. Dafür sorgten schon - nicht unwidersprochen - die Vertriebenverbände und vergleichbare Gruppierungen, etwa der "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE), der zur ersten Adenauer-Koalition als "Partei" gehörte, auch die Deutsche Partei (DP). Und war die frühe FDP nicht eigentlich eine deutschnationale Partei?
Wir schauen kurz auf die Mikroebene. Erinnert sich keiner an die vor- und frühbundesdeutsche Literatur, zum Beispiel Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" oder Heinrich Bölls Erzählung "Wanderer kommst du nach Spa", Ursula von Kardoffs "Berliner Aufzeichnungen 1942 - 1945" (1962). In Gert Ledigs Romanen "Die Stalinorgel" (1955) und "Vergeltung" (1956) gab es jede Menge deutscher Opfer. Die Rezeption war matt. Dazu Marcel Reich-Ranicki im Jahre 2003: "Es war damals niemand am Krieg interessiert, am Krieg als Thema von Romanen oder von Theaterstücken. Daher der Misserfolg von Ledig. Das war zu hart, denn eine der Eigentümlichkeiten dieser beiden wichtigen Bücher von Ledig ist, dass er den Leser überhaupt nicht geschont hat." Natürlich erzählt auch Grass' "Blechtrommel" (1959) nicht erst sein "Krebsgang" (2002) von deutschen Opfern. "So weit die Füße tragen", Buch und Fernsehfilm, fesselten "die Deutschen". Unabhängig von der unterschiedlichen Qualität: Filme wie "Stalingrad" oder "08/15" oder - unvergessen, unvergesslich - "Wir Wunderkinder" zeigten deutsche Opfer.
Zurück zur Makroebene: Hieß die eigentliche Überschrift des "Lastenausgleichs" nicht "Hilfe aller Deutschen für die deutschen Opfer"? Als Staat aller Deutschen war die Bundesrepublik schichtenübergreifend. Anders als die DDR, repräsentierte sie nicht nur Partikularinteressen. Sie war daher sowohl staatstheoretisch als auch geschichtssoziologisch und damit praktisch bzw. faktisch "Staat" im Sinne von "Staatlichkeit", also Vertretung der "Allgemeinheit". Schon vor ihrer Souveränität verfügte somit die "BRD", anders als die DDR, über dieses so wichtige Staats-Attribut und war, so gesehen, dem Inhalt nach seit 1949 ein "Staat" im eigentlichen Sinne. Sie war der institutionelle Rahmen aller Bürger. Mehr noch: Sie war der deutsche Bürgerstaat und als solcher bürgerlich durch und durch. Die Aristokratie war nach dem 20. Juli 1944 von Hitler und seinen Mitverbrechern wenn nicht insgesamt physisch, so doch politisch liquidiert worden. Über der "Bourgeoisie" stand in der Bonner Republik daher nichts und niemand. Unter ihr löste sich das "Proletariat" als und in der "Arbeitnehmerschaft" auf. Bürgerstaat Bundesrepublik.
Die Bundesrepublik war einerseits Staat im Sinne von "Staatlichkeit". Andererseits setze sie konzeptionell seit dem französischen Schumann-Plan (8. Mai 1950) gemeinsam mit Früh- und Kern-Europa auf Überstaatlichkeit bzw. Supranationalität im Sinne eines Staatenbundes. Die Stichworte kennt jeder: EGKS, also Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl bzw. "Montanunion", Europäische Verteidigungsgemeinschaft, die vor ihrer Geburt 1954 verstarb, 1957 EWG, dann EG und EU. Die Geschichte hatte den "Täterstaat" (West-)Deutschland und die "Opferstaaten" traumatisiert. Um sich nicht, wie in der Vergangenheit, ineinander zu verbeißen, wollten sie sich durch wechselseitige Abhängigkeit verzahnen - um dadurch strukturell untereinander kriegsunfähig und nur miteinander kriegsfähig zu sein. Das war der geschichtspolitisch bestimmte und bedingte Grundgedanke der "Europäischen Integration".
Nicht nur geschichtsgeografisch und damit bündnispolitisch, auch historisch-politisch-philosophisch war der Bürgerstaat Bundesrepublik der bürgerlichen Tradition des Westens zugewandt: parlamentarisch, demokratisch, liberal; orientiert an den Idealen von 1776 und 1789.
Das gesagt, bedeutet: Schon vor Verabschiedung ihres Godesberger Programms (1959) und vor der außenpolitischen Westwärts-Rede Herbert Wehners (Juni 1960) war die SPD westorientiert. Von dieser Westorientierung wich auch ihre neue Ostpolitik unter Willy Brandt keinen Jota ab, zumal ihr Ansatz an Konrad Adenauer anknüpfte: Er suchte den deutschlandpolitischen Schlüssel in Moskau. So gesehen hat die Ostpolitik Brandts mehr mit dem Ur-Christdemokraten Adenauer gemein als mit dem CDU-Kanzler Erhard und dessen Außenminister Gerhard Schröder. Erhard plus Schröder wollten Moskau umgehen, indem sie die kleinen Staaten Osteuropas hofierten. Sie wollten - wie unrealistisch! - die große Sowjetunion durch ihre kleinen Satelliten umkreisen.
Nie war Deutschland so "westlich" wie der westdeutsche Teilstaat. Die Vereinigung von Deutschland West und Ost zu Deutschland öffnete nicht nur die innerdeutschen Grenzen, sie lenkte auch den Blick der deutschen Westler wieder auf den Osten Europas. Dieser orientierte sich seit 1990/91 weitgehend westwärts. Und Deutschland?