Suhrkamp zieht nach Berlin
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Nein, wir wollen jetzt kein hauptstädtisches Triumphgeschrei anstimmen. Dazu ist der Gedanke, dass der Suhrkamp Verlag seinen Hauptsitz von Frankfurt am Main nach Berlin verlegt, noch zu gewöhnungsbedürftig. Vor zehn Jahren, als Rot-Grün an der Spree seinen mit Spannung, Neugier und Besorgnis erwarteten Einstand gab, hätte man aus dem Zusammenführen von Frankfurter Schule und Berliner Republik noch allerlei Bedeutsames über die politische Kultur herausgelesen. Aber heute, in Zeiten einer Krise, deren intellektuelle Verarbeitung noch überaus nebelhaft ist, sollte man sich hüten, die Frankfurter Umzugsentscheidung mit Symbolik zu überladen, jedenfalls was Berlin angeht. Für diesen Standort gibt es gute verlagsunternehmerische Argumente, die von niedrigen Immobilienpreisen und einer ranschmeißerischen Wirtschaftsförderpolitik à la Wowereit bis zur Dichte des intellektuellen und kulturellen Lebens reichen, die in Berlin nun einmal höher ist als am Main. Zu einer geistesgeschichtlichen Epochenzäsur muss man den Suhrkamp-Umzug also nicht hochreden. Er trifft eher zufällig mit einem Epochenwechsel zusammen, der seinen Begriff noch nicht gefunden hat. Für die Suche danach allerdings können die Traditionen der linken Aufklärung, die eine starke Facette des Suhrkamp-Profils ausmachen, durchaus von Nutzen sein.
In Frankfurt liegt das Verlagshaus im Schatten der Bankentürme. Sie kündeten selbstbewusst von der Macht des Finanzkapitals und machten Frankfurt zur einzigen deutschen Stadt mit einer wirklichen Skyline. Das Geld gewann eine kulturelle Aura, und es schmückte sich auch mit dem kritischen Geist, der durch die Suhrkamp-Geschichte weht. Das war die spezifische Frankfurter Melange. Sie gibt es nun nicht mehr. Den Geist zieht es nach Berlin. Und das Geld hat sich irgendwie verflüchtigt. Die Türme stehen eher für das Gestern als das Morgen. Gäbe es nicht die Gesetze der Statik, müssten sie sich eigentlich zu Fragezeichen verbiegen. Fragen für Frankfurt jedenfalls ergeben sich aus der Entscheidung des Suhrkamp-Verlages viele. Die stolze, alte und jetzt ziemlich abgetakelte Schöne am Main hat es jedenfalls nicht verdient, provinziell zu verbittern. Man sollte sich einmal überlegen, ob es in Berlin etwas gibt, womit man Frankfurt beglücken kann.