Kommentar: Nofretete und das Glück - WELT
Kommentar

Nofretete und das Glück

Autorenprofilbild von Berthold Seewald
Von Berthold SeewaldFreier Autor Geschichte
Veröffentlicht am 13.02.2009Lesedauer: 2 Minuten

Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.

In Zeiten wie diesen, in denen milliardenschwere Aktienpakete sich im Nu in Altpapier verwandeln, ist es ein großes Glück, dass gewisse Gegenstände ihren Wert behalten. Ob Priamosgold, Bundeslade, Bernsteinzimmer oder Nofretete: Sie treiben Gefühle, selbst wenn die Suche nach ihnen erfolglos abgebrochen werden muss - wie im Falle des Bernsteinzimmers soeben wieder im Ilmkreis geschehen.

Dass sich Nofretete in Berlins Ägyptischem Museum befindet, ist indes bekannt. Bei ihr sorgt regelmäßig die Frage für Aufregung, wem die Büste der altägyptischen Königin denn nun gehört. Befeuert wird der Streit jetzt durch ein ergrabenes Schriftstück der Deutschen Orient-Gesellschaft. Darin soll ein Zeuge die Fundteilung beschreiben, in der sich der deutsche Grabungschef, Ludwig Borchardt, und der zuständige ägyptische Antikeninspektor, Gustave Lefebvre, im Januar 1913 über den Ertrag der deutschen Grabung in Amarna verständigten. Danach soll von der Büste "nicht die vorteilhafteste Fotografie" vorgelegt und ihr Material als Gips (statt Kalkstein) angegeben worden sein.

Prompt spricht Ägyptens Altertümer-Chef Zahi Hawass von Täuschung und Skandal und davon, dass er diesmal die Königin heimholen werde. Umgehend kommen die Dementi. Die Fundteilung sei einst, wie damals üblich, anhand von Fotos und "genauen Stichproben an den Originalobjekten" 50 zu 50 aufgeteilt worden, erklärt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und die Orientgesellschaft versichert, dass alles unter fairen Umständen abgelaufen sei.

Jenseits des Rituals aber reicht ein Blick auf den Befund: Ein deutscher Augenzeuge beschreibt 1924, elf Jahre danach, einen Vorgang, den man heute vielleicht als Schacher, damals aber als völlig normal ansah. Der Mann, der das heute für skandalös und völkerrechtswidrig hält, scheut sich dagegen nicht, eine Art Urheberrecht auf alle Pyramiden und andere berühmte Altertümer Ägyptens anzustreben. Oder er geht mit juristischen Mitteln gegen Schulbuchautoren vor, die die Möglichkeit nicht ausschließen wollen, dass einst ein (möglicherweise jüdisches) Sklavenvolk beim Bau der Pyramiden beteiligt war. Nofretete ist wirklich zu wertvoll, um sie solchem Ambiente zu überlassen.


Mehr aus dem Web

Neues aus der Redaktion

Auch interessant

Mehr zum Thema