Jetzt mal schön langsam
"The Dust of Time": Regie-Altmeister Theo Angelopoulos lässt Stars durch den Staub der Zeit wandeln
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Der 73 Jahre alte Theo Angelopoulos, dessen "The Dust of Time" (I Skoni Tou Chronou) im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wird, ist einer der letzten Vertreter des Anti-Eisenstein-Kinos. Damit kann man eine lose Gruppe vor allem osteuropäischer Filmemacher bezeichnen, die sich gegen die von Eisenstein perfektionierte und bis heute die Kinoästhetik bestimmende Montage auflehnten. Montage heißt, dass die die Szenen erst aus mehr oder weniger kleinen Filmschnipseln am Schneidetisch zusammengesetzt werden.
Dagegen setzten Leute wie Tarkowski, Michail Kalatosow oder eben Angelopoulos ihre Plansequenzen. Das sind lange Einstellungen ohne Schnitt, in denen die Kamera den Schauspielern durch Räume oder Straßen folgt und bei denen die Darsteller wie im Theater gefordert sind, ganze zusammenhängende Szenen am Stück zu spielen. So etwas hatte es vorher schon immer mal gegeben, z. B. bei Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" oder bei Angelopoulos' Vorbild, dem frühen Godard, aber erst der Grieche baute darauf eine ganze lange Regisseurskarriere auf.
Heute, wo schnelle, hektische Schnitte die filmische Normalität sind, wirken Angelopoulos Plansequenzen noch verstörenden, fremdartiger und - sagen wir es ehrlich - auch ermüdender als in den Siebzigerjahren, in denen er mit Filmen wie "Die Wanderschauspieler" seinen Ruf begründete. Verstärkt wird dieses Befremden dadurch, dass man in "The Dust of Time" häufig die Figuren für längere Zeit nur von hinten sieht, wenn die Kamera ihnen folgt. Das liegt auch daran, dass Michel Piccoli eine der Hauptrollen in dieser Geschichte spielt, die sich über mehr als 60 Jahre spannt: den Griechen Spyros, der seine große Liebe Eleni nach deren Jahrzehnte dauernder Gefangenschaft in Sibirien wiederfindet. Während andere Schauspieler wie Bruno Ganz oder Irene Jacob sowohl die Jugendjahre als auch das Greisenalter ihrer jeweiligen Figuren spielen (was gewöhnungsbedürftig ist), lässt Angelopoulos den jungen Spyros von einem Mann darstellen, von dem man grundsätzlich nur den Hinterkopf zu sehen bekommt, damit keiner merkt, dass er keine Ähnlichkeit mit Piccoli hat.
Ähnlich brachial ist auch die Stadt Berlin in diesen Film hineingewuchtet worden. Denn eigentlich ist es ja die Liebesgeschichte zweier Griechen, die in Griechenland beginnt, und die beiden auf getrennten Wegen in die USA und die Sowjetunion führt. Dass Eleni und Spyros im hohen Alter ihren Sohn in Berlin besuchen und der Film am Gleisdreieck, am Brandenburger Tor und am Flughafen Tempelhof gedreht wurde, ist wohl nur damit zu erklären, dass deutsche Fördermittel in dieser Produktion stecken.
Den Regisseur A. (wie Angelopoulos, falls jemand den Zaunpfahlwink übersehen haben sollte), der gerade dabei ist die Lebensgeschichte seiner Eltern Eleni und Spyros in Roms Cinecitta-Studios zu verfilmen, spielt Willem Dafoe. Er hat eine deutsche Ex-Frau (Christiane Paul) und eine Tochter, die sich selbstmordsehnsüchtig in abbruchreifen Häusern voller Penner oder mit messerstechenden Rockern rumtreibt. Beide Gruppen werden von Angelopoulos und seinem Kameramann Andreas Sinanos malerisch arrangiert. Solche Massenaufnahmen sind neben den Plansequenzen ein weiteres Markenzeichen des Regisseurs. Einmal sieht man in Elenis sibirischem Verbannungsort Menschen minutenlang eine verwinkelte Stahltreppe hochlaufen. Ein anderes Mal laufen die Russen zusammen, um in malerischer Formation die Nachricht vom Tode Stalins zu empfangen.
Ein weiteres Erkennungsmerkmal von Angelopoulos fehlt weitgehend: die Nebelszenen. Nur einmal ist ein kanadischer Grenzübergang in Dunst getaucht, doch wohl nur, um davon abzulenken, dass es sich um eine plumpe Berliner Studiokulisse handelt. Andererseits ist das ja gerade Angelopoulos' Methode: Nicht nur die Zeitebenen schieben sich immer ineinander, sondern auch die Orte können manchmal beides zugleich sein - Toronto und Berlin zum Beispiel. Allerdings fragt man sich bei all diesen Merkwürdigkeiten oft, wie viel Gestaltungswille eines visionären Regisseurs noch dahinter steckt und wie viel einfach der nachlassenden Schöpferkraft eines alten Mannes geschuldet ist.