Die Tiere des Kaisers
Ende Februar wird Yves Saint Laurents Kunstsammlung versteigert. Darunter sind legendäre Bronzen, die China beansprucht
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Es geht um einen Hasen und um eine Ratte. Genauer gesagt: nur um ihre Köpfe. Das offizielle China schweigt dazu. Das halb-offizielle darf ein wenig räsonieren. Christie's schaut auf die Herren Stanley Ho und Yi Suhao. Denn es geht um Millionen. Schuld an dieser eigenartigen Verkettung sind Europas Hang zum Luxus, Opium und die Kriege darum. Und Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, deren Kunstsammlung vom 23. bis 25. Februar in Paris versteigert wird.
Mit der Ratte beginnt der chinesische Tierkreis. Zugleich steht er für die erste (Doppel-)Stunde, die mitternächtliche (dritte) Wache zwischen 23 und ein Uhr. Der Hase folgt - nach dem Büffel, der das gegenwärtige Jahr regiert, und dem Tiger - an vierter Stelle. Ihm gehören die Stunden zwischen fünf und sieben. Die zwölf Tiere des chinesischen Zodiac haben also eine vielfältige Bedeutung, prägen in dem ihnen zugeordneten Jahr angeblich sehr unterschiedlich das menschliche Schicksal wie das Weltgeschehen. Deshalb huldigte ihnen Kaiser Qianlong (reg. 1736-1795) auf besondere Weise. Er ließ im Yuanmingyuan, dem Alten Sommerpalast, eine Wasseruhr bauen, bei der zu beiden Seiten eines fächerförmigen Beckens jeweils sechs Figuren mit Tierköpfen saßen. Und jedes dieser Tiere spie zu seiner Stunde Wasser. Nur zur Mittagsstunde wurden alle zwölf zugleich aktiv.
Diese Wasseruhr führte zum "Palast im europäischen Stil". Denn der Sommerpalast acht Kilometer nordwestlich der alten Pekinger Stadtmauer, den Kaiser Kiangxi 1709 auszubauen begonnen und Kaiser Yongzheng 1725 fortgeführt hatte, symbolisierte die Vorstellung, dass das "Reich der Mitte" über den - ihm tributpflichtigen - Weltkreis herrsche. Gebäude im Stil der italienischen Renaissance und des Barock sollten zeigen, dass auch Europa dazu gehörte.
Die Entwürfe lieferten die beiden Jesuitenpatres Giuseppe Castiglione und Michel Benoist, die am kaiserlichen Hof wegen ihrer außerordentlichen Fähigkeiten wohlgelitten waren. Castiglione war es denn auch, der die Entwürfe der Bronzefiguren für die Wasseruhr lieferte. Die technische Seite, die Berechnungen für die Mechanik und die konstruktiven Details lagen dagegen in den Händen von Benoist. So entstand zwischen 1756 und 1759 dieses west-östliche Wunderwerk.
1860 kam sein Ende. Während des Opiumkriegs Englands und Frankreichs gegen China ließ Lord Elgin, der Sohn des Earls, dem die Parthenon-Friese im British Museum den Namen "Elgin-Marbles" verdanken, als Demonstration westlicher Macht und zur Demütigung den Sommerpalast in Brand stecken. Seitdem sind von den Palästen des Yuanmingyuan nur noch Trümmer erhalten.
Zu den zahllosen Kunstschätzen, die bei der Plünderung des Sommerpalastes verschwanden, gehörten die Tierköpfe der Wasseruhr. Es waren übrigens nicht die einzigen Tiere, die nach Europa entführt wurden. Zur Beute gehörten auch Pekinesen, die bis dahin ein Privileg des Kaiserhofes und in Europa unbekannt waren.
Von den zwölf bronzenen Köpfen. die lange als verschollen galten, sind inzwischen sieben wieder aufgetaucht. Vermisst werden noch Drache, Schlange, Hahn, Hund und Schaf. Affe und Schwein konnte man seit den Achtzigerjahren als private Leihgabe im Metropolitan Museum in New York bewundern.
Im Oktober 1987 wurden sie jedoch bei Sotheby's versteigert. Das Schwein erwarb ein Sammler aus Taiwan. Der Affe, damals für 165 000 Dollar zugeschlagen, wurde bereits drei Jahre später erneut von Christie's in Hongkong aufgerufen. Diesmal trug er mit umgerechnet 1,03 Millionen Dollar die doppelte Taxe ein. Und auch das folgende Los, der Büffel, für den 1987 in London 145 000 Pfund bezahlt worden waren, wechselte knapp unter einer Million den Eigentümer. Kurz darauf wurde der Tiger bei Sotheby's in Hongkong für 1,7 Millionen Dollar zugeschlagen.
Der erfolgreiche Bieter war stets Yi Suhao, Generalmanager der Zhongmao Shengjia International Auction Co Ltd. in Peking, der im Auftrag der der China Poly Group agierte. Dieser Konzern wurde 1993 als Handelsgesellschaft der "Volksbefreiungsarmee" gegründet. Ursprünglich für Waffenkäufe. Doch inzwischen hat er seine Aktivitäten weit ausgedehnt, gehören der Kohle- und Eisenerz-Bergbau, die Exploration und das Fördern von Erdöl sowie die Organisation von großen Bauprojekten zu seinen Geschäftsfeldern. Und als Schmuckstück leistet er sich - dem Beispiel global agierender Konzerne folgend - mit der Poly Culture & Arts Co. Ltd. eine Abteilung, die die schönen Künste - Theater, Tanz und Konzerte sowie Film- und Fernsehproduktionen - unterstützt und auch gleich eine Kino-Kette besitzt, die für eine solide Abspielbasis sorgt.
Ihr besonderer Stolz ist in Peking in der zweiten Etage der Konzernverwaltung das Poly Art Museum. Im Dezember 1999 eröffnet, war es das erste Museum in China, das einem staatlichen Konzern gehört. Es setzte sich allerdings auch ein besonderes Ziel: die Rückgewinnung von Altertümern, die China einst verloren hatte. Deshalb erwarb die Poly Group wenige Monate nach der Gründung des Museums die drei Tierköpfe des Yuanmingyuan. Die Millionen, die dafür notwendig waren, schreckten dabei nicht. Angeblich stellt der Konzern der Armee dem Museum für solche Käufe bis zu 100 Millionen Pfund zur Verfügung. Das wäre mehr als die amerikanische Getty Foundation aufzubringen vermag.
Zu der Trias Affe, Schwein und Tiger sind inzwischen noch Schwein und Pferd gekommen - ohne dass das Poly Art Museum seinen Etat belasten musste. Dr. Stanley Ho hat sie dem Museum geschenkt. Der 86-Jährige, der in Macao als "König des Glücksspiels" gilt, herrscht mit seinem Clan über acht Spielbanken und diverse Wettbüros sowie Fähren, Hotels und Immobilien. Er gehört zu den zehn reichsten Chinesen und rangierte 2007 auf der "Forbes"-Liste der Superreichen als Nr. 104. Deshalb drohte ihm keine Armut als er 2003 von einem ungenannten US-Sammler das Schwein für rund 723 000 Dollar erwarb. Und ebenso wenig im Oktober 2007, als er sich mit Sotheby's und dem unbekannten Einlieferer aus Taiwan einigte, den Kopf des Pferdes, der in Hongkong für 7,73 Millionen Dollar versteigert werden sollte, vorab für 8,9 Millionen Dollar zu übernehmen und ebenfalls dem Poly Art Museum zu stiften. Ho nähert sich den chinesischen Antiquitäten nicht nur mit "interesselosem Wohlgefallen". Er versteht sich natürlich auf politische Winkelzüge. Nicht zufällig ist er in Peking Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz. Mit solchen Verbindungen und seinen generösen Museumsgeschenken sorgt er für Gutwetter und Nachsicht bei seinen Geschäften. Schlagzeilen schaden dabei nicht. Über Museumsgeschenke ebenso wenig wie über recht ungewöhnliche Auktionserfolge. In den letzten beiden Jahren ersteigerte Ho für 330 000 Dollar einen 1,5 Kilogramm schweren Trüffel und für 200 000 Dollar einen von 1080 Gramm.
Zu vermuten, dass Christie's lange bevor die Kunstsammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in Paris versteigert wird, die Fühler zu Stanley Ho und Yi Suhao ausgestreckt hat, bedarf keiner Prophetengabe. Denn zu dem riesigen Konvolut gehören die Ratte und der Hase von der Wasseruhr des Yuanmingyuan. Sie waren wahrscheinlich bereits 1860 nach Paris gebracht und 1861/63 bei den "Palais d'Eté"-Versteigerungen im Drouot verkauft worden. Nachweisen lassen sie sich in der Sammlung des Malers Jose Maria Sert, der in erster Ehe mit Misia Sert, der Muse von Toulouse-Lautrec und Renoir, Proust und Cocteau, verheiratet war. Danach gehörten sie zu der Sammlung der Adelsfamilie Pomereu. Schließlich gelangten sie über die Pariser Galeristen Nicolas und Alexis Kugel an Saint Laurent und Bergé. Und wenn der Katalog auch ein "Estimate on request" verzeichnet, ist es kein Geheimnis, dass sie nun auf acht bis zehn Millionen Euro geschätzt werden.
Zwar gibt es auf privater und halboffizieller Ebene inzwischen Proteste gegen den Verkauf, fordern Denkmalpfleger und Historiker die entschädigungslose Rückgabe, weil es sich bei Ratte und Hase eindeutig um Plünderungsgut handele. Auch kündigte eine Gruppe chinesischer Rechtsanwälte an, in Paris im Namen von "einfachen chinesischen Bürgern" vor Gericht die Restitution einklagen zu wollen. Doch Christie's gibt sich gelassen. Schließlich wurden solche Rückgabeforderungen bereits bei den Auktionen im Jahr 2000 erhoben. Die chinesische Regierung ging allerdings nicht darauf ein, obwohl die Versteigerung in Hongkong, also auf ihrem Hoheitsgebiet, stattfand. Man wählte lieber den Ausweg, die Stücke im Auftrag der Poly Group ersteigern zu lassen.
Auch jetzt durfte zwar der Direktor des staatlichen Fonds für die Wiedergewinnung verlorener Kulturgüter über einen Rückkauf verhandeln und nach Scheitern der Gespräche äußern, die Forderung von jeweils zehn Millionen Dollar für Ratte und Hasen seien "unverständlich und inakzeptabel". Aber eine offizielle Intervention blieb doch aus.
In den ohnehin nicht einfachen Beziehungen Chinas zu Europa hält es Peking offensichtlich nicht für opportun, wegen einer Ratte und eines Hasen diplomatische Verwicklungen heraufzubeschwören. Man akzeptiert stillschweigend das internationale Recht, wonach die Tierköpfe, auch wenn sie vor anderthalb Jahrhunderten geplündert und illegal außer Landes gebracht wurden, inzwischen "ersessen" und damit rechtmäßiges Eigentum sind.