Im fahlen Licht des Zweifels
Der Verdacht, denunziert zu haben, überschattet den 80. Geburtstag des großen tschechischen Romanciers Milan Kundera
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Gerade, pünktlich zum heutigen 80. Geburtstag, erschien in seinem deutschen Verlag eine übersetzte Studie seines Werks. Die gediegene philologische Untersuchung stammt von einem Frankokanadier und ist ursprünglich 2003 in Paris veröffentlicht worden. Bei aller Wertschätzung der wissenschaftlichen Feinarbeit François Ricards, des Aufspürens thematischer und metaphorisch-stilistischer Zusammenhänge in diesem ungemein eindrucksvollen Oeuvre: Mittlerweile wirkt sie seltsam veraltet, das angehäufte Detailwissen interessiert uns nicht mehr sonderlich. Denn das Bild des analysierten Schriftstellers, die Ikone Milan Kundera, hat einen verstörenden Sprung bekommen.
Ob zu Recht oder zu Unrecht, können wir derzeit nicht beurteilen: Im Herbst 2008 wurde in Prag ein höchstwahrscheinlich echter Polizeiakt präsentiert, nach dem Kundera anno 1950 einen geflüchteten Regimegegner, der heimlich aus der Bundesrepublik in die Tschechoslowakei gereist war, um konspirative Kontakte zu knüpfen, angezeigt habe. Der Angezeigte wurde jedenfalls festgenommen, verbrachte 14 Jahre im Gefängnis und als Zwangsarbeiter im Uranbergbau: ein versehrtes Leben. Aus welchem Motiv genau der damals 21-jährige Student Kundera - der gläubige, begeisterte, wiewohl bald darauf wegen Aufmüpfigkeit vorübergehend aus der Partei ausgeschlossene Kommunist - ihn denunziert haben soll, ist unklar. Milan Kundera, seit Jahrzehnten in seiner Exilheimat Frankreich notorisch zurückgezogen und schweigsam gegenüber sämtlichen Medien, hat die Anschuldigung aufs entschiedenste und empört zurückgewiesen. Viele der renommiertesten Autoren unserer Tage - von Gabriel García Márquez über John M. Coetzee, Orhan Pamuk und Philip Roth bis zu Jorge Semprún - sind ihrem Kollegen solidarisch beigesprungen: Sie halten die Vorwürfe für unvorstellbar.
Spätestens seit Schiller wissen wir: "Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen/ Und das Erhabne in den Staub zu ziehn." Andererseits machen wir uns gern Illusionen, nicht zuletzt über ideologische Helden und Schurken im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter des Totalitarismus und des allgegenwärtigen "Verrats" auch der Intellektuellen. Der Romancier Milan Kundera und der Dramatiker Václav Havel sind heute die international anerkanntesten Tschechen, zumindest aus der politisch-geistigen Sphäre, wobei Kundera als der bedeutendere Künstler gilt, Havel als die moralische Instanz schlechthin verehrt wird.
Auch Milan Kundera, der zu den Galionsfiguren des Prager Frühlings gehörte, ist eine mitteleuropäische Identifikationsgestalt. Der Dissident wurde nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 in seiner Heimat zum Schweigen gebracht, durch neuerlichen KP-Ausschluss und Berufsverbot. Seit 1975 lebt er in Frankreich, dessen Sprache und Esprit er längst so souverän beherrscht, dass er seine Bücher in ihr schreiben kann. Der Titel von Kunderas größtem Publikumserfolg, der alle Erdteile eroberte und glänzend verfilmt wurde, ist eine globale Redewendung geworden: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Ein immer noch wunderbarer Band, dem kein Epochenwandel etwas anzuhaben vermag. Was daran - und eigentlich an Kunderas Schaffen insgesamt - verblüfft und erfreut: Hier wird die ästhetische Moderne, die allzu oft papieren raschelt, plötzlich außerordentlich unterhaltsam. Das kommentierende, philosophische, für Ironie im Ernst sorgende Element verdankt sich, Kundera sagt es selbst, der literarischen Tradition eines Robert Musil und Hermann Broch, indes unter nachdrücklicher Berücksichtigung des Erotischen: Seine Don Juans sind stets Don Quijotes, also ebenso unerschrockene wie lächerliche Ritter auf dem Schlachtfeld der Melancholie. Jeder sexuelle Sieg ist ein existenzielle Niederlage - das Paradoxon der Liebe.
Mit Musil und Broch, aber auch mit Cervantes, Diderot und Laurence Sterne hat sich der vorzügliche Literaturtheoretiker Kundera naturgemäß ausgiebig beschäftigt. In der Regel blieb dieser Essayist, auch darin ein virtuoser Konstrukteur, nämlich unbeirrbar bei seinem poetischen Leisten: Die Kunstform des Romans, zu vergleichen einzig und allein mit jener der klassischen Symphonie, hat ihn in ihren Bann geschlagen und lässt ihn nicht los. Eine Ausnahme: Kunderas Plädoyer gegen das Vergessen der eingesperrten Länder, Völker und Kulturen hinter dem Eisernen Vorhang: "Die Tragödie Mitteleuropas" (1984) hieß jenseits des Rheins sogar noch prägnanter: "Un occident kidnappé".
Und trotzdem: Wenn die Geschichte von Kunderas Denunziation stimmt, fällt ein fahles Licht auf seine Prosa, das ihr schärfere, unheimliche Konturen eines radikalen Zweifels an unser aller Humanität verleiht. Leitmotivisch scheint Milan Kunderas erzähltes Universum vom Thema des Verrats durchzogen: zwischen Mann und Frau, zwischen Freunden, zwischen Mensch und Nebenmensch - sei's "Der Scherz", sei's "Das Leben ist anderswo". Im Nachwort des Verfassers zu dieser fiktiven Biografie eines jungen Poeten in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit lesen wir: "Jaromil ist ein talentierter Dichter, mit großer Fantasie und mit Gefühl. Dennoch ist er auch ein Monster. Aber seine Monstrosität haben wir auf die eine oder andere Weise alle in uns. Sie steckt in mir. Sie steckt in Ihnen."