Glosse: Der Mais als Kulturpflanze - WELT
Glosse

Der Mais als Kulturpflanze

Von Eckhard Fuhr
Veröffentlicht am 16.04.2009Lesedauer: 2 Minuten

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Mais ist ein kulturrelevanter Rohstoff. Deshalb muss auch das Feuilleton eine klare Haltung in der Frage des Genmais-Anbaus finden. Was wäre das Kino ohne Popkorn und der Existenzialismus ohne Maispapier-Zigaretten? Und hätte es ohne Polenta eine Resistenza und ohne Resistenza den italienischen Nachkriegsfilm gegeben? Nein, auch der Kulturmensch kommt am Mais nicht vorbei. Gleichwohl fremdelt er mit ihm. Das hat mehrere Ursachen. Wie die anderen beiden großen Amerika-Importe in die europäische Kulturlandschaft, also die Kartoffel und die Tomate, entzieht sich der Mais dem Besungenwerden. Die Spuren, die sie in der Natur- und Liebeslyrik hinterlassen haben, sind spärlich. Die Ähren des Maises, die man Kolben nennt, können nun einmal nicht sacht wogen wie die des Weizens oder des Roggens. Wer eine Mondnacht an einem Maisfeld verbringt, etwa um den sich in seinem Schutz karnickelhaft vermehrenden Wildschweinen aufzulauern, der hört es nur rascheln. Das Geräusch ist nicht dazu angetan, die Seele zum Flug durch die stillen Lande zu stimulieren. Kurz, der Mais bleibt, obwohl seine Anbaufläche auch wegen der Bioenergie-Erzeugung stetig wächst, ein Fremdling in unserer inneren Kulturlandschaft. Da kommt alle multikulturelle Korrektheit gegen den romantischen inneren Schweinehund nicht an. Wo es um kulturelle Überlebensfragen geht, folgt der Kulturmensch seiner inneren Stimme und nicht den ohnehin verwirrenden Aussagen interessegeleiteter Experten. Europa darf nicht zur Maiswüste werden.

Aus kulturpflegerischer Sicht ist also übertriebener Anbau von Mais überhaupt abzulehnen, der Anbau von Genmais aber ganz besonders. Das hängt nicht etwa mit einer klammheimlichen Freude am nagenden Maisvernichtungswerk des Maiszünslers zusammen, den die genetisch manipulierten Pflanzen nun mit eigenem Gift umbringen. Das Nein zur grünen Gentechnik ist grundsätzlich motiviert. Diese angewandte Wissenschaft zerreißt endgültig den Zusammenhang von Wissen und Tradition, der die Agrikultur als Urform aller Kultur auszeichnet. So wie seit Joseph Beuys gilt, dass jeder Mensch ein Künstler ist, so gilt seit Adam und Eva, dass jeder Mensch ein Bauer ist - oder es zumindest sein können müsste. Dieser Wurzelgrund des Humanen aber wird zerstört, wenn global operierende Konzerne wie Monsanto die Menschheit beim Säen und Ernten von sich abhängig machen. Dass dadurch der Hunger in der Welt bekämpft werde, ist eine kühne Behauptung, die den kulturellen Abwehrreflex nicht beschwichtigen kann. Nicht alles, was aus dem Bauch kommt, ist verkehrt.


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