Was das Leben treibt - WELT

Was das Leben treibt

Autorenprofilbild von Hannes Stein
Von Hannes SteinFreier Korrespondent
Veröffentlicht am 18.04.2009Lesedauer: 7 Minuten

Zehn Jahre nach dem Amoklauf an der Colombine High School hat Wally Lamb das Massaker zum Fixpunkt seines Romans gemacht. Von dort bricht er zu einer Tour de Force durch die amerikanische Geschichte auf

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Ganz am Ende - wir saßen neben dem Bahnhof im Auto, und in der Ferne tutete schon der Zug - sprach ich mit Wally Lamb dann doch noch über Winnenden. Schließlich handelt sein neuer Roman "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" von dem Massaker, das 1999 an der "Columbine High School" im amerikanischen Bundesstaat Colorado wütete. Zwölf Schüler und ein Lehrer wurden damals von Eric Harris und seinem Kumpel Dylan Klebold ermordet. Und jetzt die 16 Menschen in Winnenden, die jener namenlose 17-Jährige Tim K. erschoss, ehe er die Waffe gegen sich selbst kehrte. Kann Wally Lamb das erklären?

Klar ist ihm jedenfalls, dass die üblichen Verdächtigen aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden müssen. Also: Harris und Klebold waren nicht arm oder sonstwie benachteiligt, sie wurden im Schulalltag nicht schlimmer herumgeschubst als andere, es waren weder brutale Videospiele noch das Internet schuld. Die beiden "spielten beinahe Gott", sagt Wally Lamb und hält sich eine Millisekunde lang am Lenkrad fest. "Auf ganz und gar zerbrochene Weise übten sie Gerechtigkeit, völlig willkürlich und chaotisch. Sie wollten wahrgenommen werden. Das Grundproblem ist ein Gefühl der fundamentalen Entfremdung."

Dann erzählt Wally Lamb mir von einer Lesung, die er in Colorado hatte. "Am Ende wollten die Leute Bücher von ihm signiert haben, 60 oder 70 Stück. Ein unauffälliger Mann mittleren Alters trat zum Signiertisch, legte sein Exemplar darauf ab und fragte, ob Erics Bruder Kevin diesen Roman lesen solle. Zuerst habe ich es nicht kapiert", sagt Lamb. "Ich glaube übrigens, er stellte diese Frage, weil ich in einem Interview gesagt hatte, dass ich mir Sorgen um die Geschwister der Killer machte. Die Bluttat musste ihre Leben durcheinanderwirbeln! Beide Mörder hatten Brüder."

Wally Lamb wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er streckte nur seine Hände vor, die Handflächen nach oben, und der unauffällige Mann mittleren Alters legte seine Hände hinein, und so hielten die beiden einander fest. Sehr fest. Erst danach war Wally Lamb imstande, von seinem Sitzplatz aufzusehen und dem Vater des einen der beiden Mordbuben in die Augen zu schauen. Und er sagte: "Mr. Harris, ich habe keine Antworten für Sie." Der Vater des Mörders sagte: "Ich habe auch keine Antworten, und ich grüble jetzt schon zehn Jahre lang darüber nach. Wenn Sie auf irgendetwas stoßen, lassen Sie es mich wissen." Sie tauschten E-Mail-Adressen aus.

Ich frage Wally Lamb, wie er es findet, dass bei einem Gedenkgottesdienst nach dem Massaker von Winnenden für die Opfer und den Täter gleichzeitig gebetet wurde. "Das ist vielleicht zu früh", meint er. "Die Gefühle sind noch zu wund." Nach dem Massaker an der Columbine High School stellte ein Tischler 15 Kreuze auf: 13 für die Ermordeten, zwei für ihre Mörder Harris und Klebold, die sich selbst gerichtet hatten. Ein wutentbrannter Hinterbliebener der Unschuldigen riss daraufhin zwei der Holzkreuze nieder.

Die vielleicht unvergesslichste Szene in "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" zeigt uns Maureen Quirk - eine Romanfigur, für die es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gibt - in der Schulbibliothek der "Columbine High School". Sie hat sich in einem Schrank versteckt, kauert auf Händen und Knien und hört, wie Harris und Klebold ihre Opfer verhöhnen, wie sie witzlose Witze reißen, während sie schießen und schießen und schießen. "Alle, die einen weißen Hut aufhaben, sollen aufstehen!", brüllen die Zwei. "Habt ihr Typen Angst? Müsst ihr nicht haben, denn heute sterbt ihr sowieso."

Hier nun das Interessante: Im entscheidenden Moment lässt der Romancier seine Zeugin nichts sehen. Vor ihren und unseren Augen geht die Tür des Wandschranks zu, als falle im Theater ein Vorhang. Ich hatte beim Lesen angenommen, das sei Absicht: Es erinnerte mich an jene Szene in "Schindlers Liste", wo Steven Spielberg die Kamera durch das Bullauge einer Gaskammer linsen lässt. Und der Zuschauer denkt: Das geht nicht! Das kann Spielberg nicht tun! Er kann uns nicht diesen voyeuristischen Blick auf das elende Verrecken im Gas zumuten! Das ist obszön! Zum Glück kommt nach einer Schrecksekunde nicht Gas, sondern Wasser aus den Duschköpfen. Die Obszönität wurde um die Breite eines Haares vermieden. "Obszön" kommt übrigens vom lateinischen "ob scena" - es ist das, was auf der Bühne nicht gezeigt werden darf.

Wally Lamb lacht wie befreit auf, als ich ihm das erzähle. "Natürlich!", ruft er aus. Aber er verfolgte gar keine besondere Absicht, dass er im entscheidenden Augenblick den Vorhang heruntergehen ließ. "Im Moment, als ich das schrieb, war ich Maureen Quirk", sagt er. "Ich hatte keine andere Wahl, als diese Szene so zu gestalten."

Schon vorher - beim Mittagessen mit Rotwein und Steaks - hatten wir festgestellt, dass Wally Lamb nicht zur Spezies der Planer und Plotter gehört. Er setzt sich also nicht an den Schreibtisch mit einem fertig ausgedachten Entwurf im Kopf, sondern folgt seinen Romanfiguren, wohin immer sie ihn führen mögen. Der Held "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" ist Caelum Quirk, ein Lehrer, der von Anfang an in Schwierigkeiten steckt: Er neigt zu Gewaltausbrüchen, er ist nicht mehr ganz jung, er steckt mittlerweile in der dritten Ehe, seine Frau hat ihn betrogen. Er zieht aus Connecticut an der Ostküste - dem Bundesstaat, aus dem auch Wally Lamb stammt - nach Colorado um, in den tiefsten Mittleren Westen, weil er hofft, dort könne er seinen Problemen entkommen. Aber dann überlebt seine Frau das Massaker an der "Columbine High School", wo beide unterrichten, während er gerade nicht zuhause ist. Danach sitzt sie der Traumatisierung fest wie während der Bluttat in jenem verfluchten Schrank. Ihr Geist hat Schaden genommen und wird nicht wieder gesund.

"Die zentrale Metapher des Romans ist das Labyrinth", sagt Wally Lamb. In diesem Labyrinth nehmen die Figuren blindlings jene Wendung, die für sie zum schlimmstmöglichen Ergebnis führt: Maureen wird tablettensüchtig und fährt benebelt einen Jungen tot. Danach sitzt sie ironischerweise just in jenem Frauengefängnis, das einst Caelum Qirks Urgroßmutter begründet hat. Der gießt sich eindeutig zu viele Drinks hinter die Binde, und gerade als man denkt, weiter nach unten könne es nicht gehen, entdeckt er zwei Kinderskelette auf seinem Grundstück und Maureen stirbt an einem Gehirnschlag.

Nicht nur des Titels wegen handelt es sich bei "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" um einen christlichen Roman. Doch was irritiert, ist etwas anderes: Lamb hat viel zuviel hineingeschaufelt. Das Schulmassaker macht nur etwa ein Drittel der Handlung aus. Der amerikanische Bürgerkrieg! Die Frauenemanzipation! Die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie von Bierbrauern in Brooklyn! Der Irakkrieg! Der Hurrikan Katrina! Eigentlich findet man zwischen den Deckeln dieses Romans ein Echo von allem, was in Amerika in den vergangenen 150 Jahren so passiert ist. Andererseits muss man natürlich anerkennen: Das Ergebnis ist Prosa-Breitwandkino mit Dolby-Stereoeffekt.

Während mein Zug schon aus der Nähe tutete, hatte ich am Schluss noch eine Frage: Warum lässt Gott das Böse zu? "Wenn du genau liest, dann bleibt zweideutig, woran Caelum Quirk glaubt", antwortete Lamb langsam. "Er denkt nicht, dass dort oben ein Gott sitzt, der dafür sorgt, dass alles ins rechte Lot kommt. Er glaubt daran, dass die Lebenskraft uns immer weiter vorantreibt." Dann hielt der Zug am Bahnsteig, und ich fuhr davon in die Nacht und zurück nach New York.

Wally Lamb: Die Stunde, in der ich zu glauben begann. A. d. Engl. v. Charlotte Breuer u. Norbert Möllemann. Pendo, Zürich. 752 S., 22,95 Euro


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