Zahlreiche Pannen auf der Kasseler Kunstschau verhelfen ihr zu unverhoffter Symbolik: Der Documenta ist was eingefallen - WELT
Zahlreiche Pannen auf der Kasseler Kunstschau verhelfen ihr zu unverhoffter Symbolik

Der Documenta ist was eingefallen

Von Tim Ackermann
Veröffentlicht am 22.06.2007Lesedauer: 3 Minuten

Die Documenta hat ihr eigentliches Thema gefunden: Verfall und Klima-Nöte. Allerdings mehr oder weniger unfreiwillig. Es trocknet, bröckelt und wackelt an allen Ecken. Am Mittwoch brach nach einem kurzen Unwetter das Documenta-Kunstwerk "Template" des Chinesen Ai Weiwei zusammen. Der zwölf Meter hohe Holzturm besteht aus Türen und Fenstern von Häusern, die dem Bauboom in China zum Opfer gefallen s

Ai Weiweis Turm ist ein echter Anziehungspunkt für Besucher. Erst am Samstag hatte Bundespräsident Horst Köhler das Werk besucht. Dabei ist "Template" nur ein Teil der Aktion. Der 50-jährige Künstler bringt 1001 Chinesen nach Kassel, damit diese sich die Großausstellung anschauen können.

Der Turmfall von Kassel ist laut Einschätzung des Documenta-Leiters Roger M. Buergel "konsequent". "Auf der einen Seite ist das eine relative Katastrophe, auf der anderen Seite lassen die Trümmer jetzt jede Menge Assoziationen zu. Und genau das will Kunst ja: Anregen", erklärte Buergel.

Allerdings ist der Einsturz nur das letzte in einer ganz beachtlichen Reihe von Documenta-Unglücken. Und nicht alle Pannen lassen sich so geschickt ins Bildungsauftrags-Konzept der Kunstschau integrieren: Andernorts spürt Buergel den heißen Atem der globalen Erwärmung. Die neu angelegten Reisfelder vor dem Schloss Wilhelmshöhe vertrocknen. Das Wasser versickert ständig in unbekannte Gefilde, die zarten Pflänzchen sterben einen grausamen Tod. Afrika-Feeling in Nordhessen.

Auch im Kasseler Reisfeld läuft alles schief, was schief laufen kann. Nicht mal ordentlich bewässern kann man die versteppten Terrassen. Experten fürchten, dass der ganze Hang weggeschwemmt werden könnte. Auch das klingt irgendwie nach Dritte-Welt-Szenario. Bodenerosion als Kunstprojekt - zu dieser Interpretation will sich Sakarin Krue-On aus Thailand dann doch nicht versteigen. Stattdessen will der Künstler jetzt von Nassreis auf Trockenreis umstellen: "Die Variante mit dem Nassreis passt nicht zu einem Hang wie dem vor dem Schloss, der vor 300 Jahren künstlich aufgeschüttet worden war", so eine Sprecherin.

Gleichfalls schwierig: Das vermeintlich glühend rote Mohnfeld der Kroatin Sanja Ivekovic. Das grünt zwar inzwischen. Aber die Trockenperiode im April hat die blühenden Kunst-Pläne einstweilen behindert. "Die Natur lässt sich nicht bändigen", sagt die Künstlerin, "und die Revolution nicht timen".

Und dann ist da noch der erste Aufreger der aktuellen Documenta. Die chilenische Künstlerin Lotty Rosenfeld hatte auf der Hauptstraße vor dem Fridericianum weiße Bänder quer über die Fahrbahnmarkierungen geklebt, um mit diesen "Kreuzen" an die Diktatur der Pinochet-Ära in ihrem Heimatland zu erinnern. Den Angestellten von der Kassler Stadtreinigung muss dieser subtile Kontext irgendwie entgangen sein. Sie haben die weißen Kreuze einfach weggeputzt.

Die Kunst im öffentlichen Raum hat es nie leicht gehabt, aber in Kassel scheitert sie gerade besonders spektakulär an den Klippen des realen Lebens. Im Fall Rosenfeld ist es die Straßenverkehrsordnung. Im Fall des Reisfelds lassen simple Naturgesetze die Idee des Werks im Sande verlaufen. Und der Turm der Türen am neuen, deutschen Unwetter-Regen.

Der Thailänder Sakarin Krue-On hat es gut gemeint. Mit seinen Terrassen wollte er ein blühendes Irritationsmoment vor dem strengen klassizistischen Schloss Wilhelmshöhe schaffen. Er hat auf den Einsatz von Maschinen, wo es geht, verzichtet und in schweißtreibender Handarbeit Erdkrume auf Erdkrume gepappt, damit es genauso schön aussieht wie zu Hause.

Nur ist Krue-On daheim eher dafür bekannt, den Pinsel zu schwingen oder die Videokamera zu schwenken, als knietief durchs Wasser der Reisfelder zu waten. Ein Künstler ist eben kein Bauer.

Möglicherweise ist es noch nicht zu spät. Die Rettung findet sich vielleicht in der Reisegruppe von Ai Weiwei. Die 1001 Chinesen reisen in großen Gruppen an. Vielleicht ist darunter ja ein weiterer Reisbauer, der noch ein paar andere Kniffe weiß. Vielleicht könnte man in Kassel einen Rat der Reisexperten gründen. Das wäre doch ein schönes Happening. Ai Weiweis Holzturm soll dagegen nicht wieder aufgebaut werden. "Das ist besser als vorher", sagt der Künstler. Die dekorativ zu Boden migrierte Form scheint ihm so gut zu gefallen, dass er die Hürden für kaufwillige Kunstsammler erhöht hat: "Der Preis hat sich soeben verdoppelt", sagte Ai Weiwei nach dem Einsturz seiner Arbeit. Kunststück.


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