Schon früher taten sich die Künstler auf der Documenta schwer, Kunst und Natur zu vereinen: Lasst uns 7000 Eichen pflanzen - WELT
Schon früher taten sich die Künstler auf der Documenta schwer, Kunst und Natur zu vereinen

Lasst uns 7000 Eichen pflanzen

Von Peter Dittmar
Veröffentlicht am 22.06.2007Lesedauer: 4 Minuten

"Wie finde ich zur Documenta?" fragt ein Fremder einen Kasseler. "Immer dem Gelächter nach!" Der alte Kalauer könnte wieder aktuell werden. Schon die früheren Ausstellungen in Kassel schafften es nach den Würdigungen zur Eröffnung nur noch mit Pannen und Missgeschicken in die Schlagzeilen.

Bei der vierten Documenta 1968 zog Christo wochenlang die Aufmerksamkeit auf sich. Denn sein "5600 m⊃3; Package", ein Schlauch aus Polyäthylen, der vor der Orangerie kraft eines Gebläses 84 Meter in den Himmel ragen sollte, erwies sich als widerspenstig. Drei Versuche endeten als Fehlschläge. Erst ein neuer Schlauch aus Trevira ließ dann aus der Idee Wirklichkeit werden - fortan "Riesenwurst" oder "Aue-Spargel" benannt.

Anfällig für Pannen waren vor allem jene Kunstwerke, die den öffentlichen Raum und das öffentliche Bewusstsein erweitern sollen. Als Lois Weinberger bei der d10 das Gleis 1 im ehemaligen Kasseler Hauptbahnhof auf hundert Metern mit heimischen Gräsern und allerhand eingeschleppten Kräutern bepflanzte, wurde das nur als Verwilderung empfunden und deshalb bald durch eine markante Einzäunung als Kunst kenntlich gemacht.

Auch das Kasseler Prestige-Objekt des Jahres 1982, die Aktion "7000 Eichen" von Joseph Beuys, mochte nicht so gedeihen wie geplant - damals entstand der Kalauer "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung". Zum einen dauerte es, weil die Bereitschaft von Mäzenen überschätzt worden war, das Projekt zu unterstützen. Erst fünf Jahre später, nach dem Tod von Joseph Beuys, pflanzte sein Sohn Wenzel bei der d8 symbolisch den 7000. und letzten Baum. Zu dem Zeitpunkt erzählte nur noch die ein Meter große Basaltsäule, die neben jeden Baum gesetzt werden musste, vom guten Willen und der schlechten Pflege des Pflänzchens. Außerdem hatten Baumkundige entdeckt, dass da keineswegs nur der Symbolbaum der Deutschen gesetzt worden war.

Auch die 7000 Basaltsäulen, 1982 zu einem großen Steinhaufen vor dem Fridericianum aufgeschüttet, mussten den Tort ertragen, dass sie eines Morgens mit rosa Farbe übergossen dalagen - eine Aktion, die der Aktionskünstler Beuys nicht als Ausdruck seines "erweiterten Kunstbegriffs" gelten lassen wollte. Ebenso wenig fand es die Documenta-Leitung kreativ, als ein Bauer im Namen einer fiktiven "Bauernschaft für Recht und Gerechtigkeit" bei der d5 einen Fuder Mist vor dem Fridericianum als Protest abkippte.

Aber Aktivitäten, die eher eine Travestie als eine Bestätigung der These "Jeder Mensch ein Künstler" waren, gehörten stets zu den Misshelligkeiten der Documenta. Ob Richard Serras "Terminal" bei der d6 oder seine Blockade der Wilhelmstraße bei der d7, stets wurden die riesigen rostenden Stahlplatten mit Graffiti besprüht. Auch im Fridericianum fanden sich immer wieder Kommentare, Durchstreichungen und Ähnliches auf oder neben den Werken. "Ganze Wände und Räume müssen neu gestrichen werden" klagte ein Verantwortlicher der d5.

Dauer ist nur wenigen Documenta-Kunstwerken beschieden. Die Backsteinskulptur von Per Kirkeby, 1982 neben der Orangerie errichtet, wurde abgerissen, obwohl der dänische Künstler sie der Stadt schenken wollte. Um die große "Treppe ins Nichts" auf dem Königsplatz, zur d7 aufgebaut, gab es nach Bürgerprotesten gegen das ungepflegte Ungetüm und dem Abriss durch die Stadtverwaltung im Jahr 2000 eine ganze Kette von Prozessen. Denn der Hamburger Architekt Gustav Lange fand sein Urheberrecht missachtet. Kassels Bürgermeister wurde deshalb des Amtsmissbrauchs angeklagt. So gewann die Kunst eine Bataille, verlor aber die Schlacht. Sang- und klanglos verschwand dagegen im Jahre 2002 Jenny Holzers Wandmalerei "Truisms" für die d7. Der neue Eigentümer des Hauses Ecke Neue Fahrt/Opernstraße ließ es sanieren und streichen und erkannte nicht, dass die Wörter auf der Fassade der Kunst zugerechnet werden müssten.

Ein besseres Schicksal wurde dem "Laser-Enviroment" von Horst Baumann zuteil. 1977 verbanden drei Laserstrahlen den Zwehrenturm neben dem Fridericianum mit der Orangerie, der Insel Siebenbergen und dem Herkules. Doch das technische Zubehör war eines Tages geklaut worden. Also griff die Stadt in ihre Kasse, erwarb die Gerätschaften neu und erfreut sich nun wieder des nachts der Lichtstrahlen, die die landgräfliche Architektur der Stadt "neu interpretieren".

Für Aufregung sorgten bei der Documenta jedoch nicht nur die Kunstwerke. Ärger gab es immer wieder mit der Leitung. 1968 stiegen Werner Haftmann und Werner Schmalenbach aus, weil ihnen das Konzept einer "demokratisierten" Documenta mit Mehrheitsbeschlüssen über die Teilnehmer missfiel. Vor der d6 traten Karl Ruhrberg und Wieland Schmied zurück, und Manfred Schneckenburger musste für die deshalb um ein Jahr verschobene Ausstellung einspringen. Das wiederholte sich bei der d8, nachdem sich Edy de Wilde und Harald Szeemann, zuvor freundschaftlich verbunden, zerstritten hatten und Schneckenburger wiederum als Ersatzspieler ausgewählt wurde.


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