Der Aufstieg des wilden Stiers
Fett und aufgedunsen, alt und schwitzend sitzt der Ex-Boxer Jake La Motta in der Garderobe, er motiviert sich für einen Auftritt als Moderator. Und er murmelt immer wieder "Ich bin der Boss. Ich bin der Boss. Ich bin der Boss." So endet Martin Scorsese Film "Wie ein wilder Stier" mit Robert de Niro (1980). Es hat nun nicht ganz zur Boss-Position gereicht, aber der Sprung in der Liste der "Besten F
Es ist der höchste Neuzugang in der Liste, die das "American Film Institute" alle zehn Jahre veröffentlicht. 1500 Schauspieler, Kritiker und Filmhistoriker dürfen wählen. Der Titel der "Besten Filme" ist etwas großspurig, weil nur amerikanische Filme gewählt werden. Keine europäischen Werke, keine asiatischen, also eine Liste ohne Renoir, Bergman, Fritz Lang, Antonioni, Truffaut, Godard, Fellini, Bunuel, Ozu, Kurosawa, das ist dann doch ganz und gar schief.
Offensichtlich unantastbar auf Platz 1 steht weiterhin Orson Welles' Debüt "Citizen Kane" von 1941 über Aufstieg und Fall eines Wunderkindes. Eine vorhersehbare Wahl. Gerade ist in Deutschland ein Buch heraus, für das die Autoren alle greifbaren Filmlisten überhaupt ausgewertet haben, historische, aktuelle, private, offizielle. Und siehe da, auf Platz eins steht "Citizen Kane".
Platz 2 beim American Film Institute belegt "Der Pate" von 1972, Francis Ford Coppolas erstes Mafia-Epos mit fiesen Männern in dunklen Zimmern. Auf Platz 3 folgt "Casablanca" von Michael Curtiz (1942). Die beiden Filme tauschen die Ränge. Unter den ersten Zehn neu ist Alfred Hitchcocks "Vertigo" von 1958, der in den letzten Jahren viel an Reputation gewonnen hat und von Rang 61 auf Neun stieg. Aus den Top 10 rausgewählt wurden "Die Reifeprüfung" und "Die Faust im Nacken".
Spannend sind vor allem Verschiebungen und Neuzugänge. Der Blick auf die filmischen Meisterwerke ist fließend, der Kanon bewegt sich. Ruhm wächst mit dem historischen Abstand. Charlie Chaplins "Lichter der Großstadt" (1931) verbesserte sich von 76 auf elf und John Fords 1956er John-Wayne-Western "The Searchers" von 96 auf zwölf. Mythen-Werke und ästhetischen Neuerungs-Arbeiten haben es mit der Zeit leichter als zeitgeschichtlich packende Werke.
Das Alter der meisten Filme ist erstaunlich. 43 neuere Filme waren für die Liste vorgeschlagen, nur vier haben es geschafft. "Der Herr der Ringe - Die Gefährten (2001) landete auf Platz 50, "Der Soldat James Ryan" (1998) auf 71, "Titanic" (1997) auf 83 und "The Sixth Sense" (1999) auf 89.
Am jüngeren Publikum gehen die meisten Werke wohl vorbei. Wer sich keine Schwarz-Weiß-Filme anschaut (vier unter den ersten Zehn) und stattdessen Komödien über Teenagernöte bevorzugt, wird schwer enttäuscht. Die Klientel, die "Fluch der Karibik" toll findet und den Schauspieler Vin Diesel verehrt, war wohl noch nicht wahlberechtigt.