Unkompliziert
Art Brut: It's A Bit Complicated (Mute/EMI) - Manche hatten sich daran gewöhnt, dass es im Pop kaum um den Formenreichtum der Musik ging, sondern um Ideen, Ideale, Irgendwas. Als sich die Band Art Brut 2004 aus London meldete, war die Begeisterung gewaltig. Nicht nur wegen des euphorischen Gitarrenlärms ihres Debüts "Bang Bang Rock & Roll": Allein der Name setzte Assoziationen frei von Art-School-
Es war kein Kommentar. "Wir waren einfach glücklich", sagt der Sänger Eddie Argos. "Glücklich, dass wir uns getroffen hatten. Ich wollte singen und traf einen Heavy-Metal-Gitarristen und den Deutschen Mikey, der in einer Londoner Boutique bediente aber Schlagzeug spielen konnte."
Eddie Argos sitzt mit Mikey B in einem Konferenzraum der Berliner Plattenfirma. Es geht um das zweite Album, das wieder einen verheißungsvollen Titel trägt: "It's A Bit Complicated". Dabei wird es immer einfacher. In Videos sind zwar Campbell's Suppendosen zu erkennen, Argos zeichnet krakelige Plattencover, und zum Jubiläum rumpelten Art Brut in der Tate Modern. "Oh, ich liebe Kunst! Ich male selbst! Nicht intellektuell, ich habe nie studiert, schon deshalb ist Art Brut mein Lieblingsgenre. Auch Musik hat ja mit Leidenschaft und Unfällen zu tun", sagt Argos. Und die Kunstschul-Traditionen? - "Nix. Kein David Bowie. Wir bevorzugen den Zufall." Es gibt die sehr interessante Band-Idee der sogenannten Franchises: Wer will, darf seine Band Art Brut nennen und unter einer AB-Nummer deren Lieder spielen. - "Wer so einen tollen Bandnamen gefunden hat, sollte sich schuldig fühlen und ihn teilen."
Ein Lied heißt "St Pauli", was auf die Geburt des BritPop und die Beatles hinweist. - "Nö. Eher auf den Punk. FC-St.-Pauli-T-Shirts werden auf der ganzen Welt getragen."
Der aus Deutschland stammende Mikey B hat Merc-Hemden verkauft; auch die Musik erinnert an die stets neu aufkeimende Subkultur der Mods. - "Ach was, das letzte Mod-Revival fand um 1996 statt."
Zur Politik. Ein unschlagbares Argument für ernst zu nehmende Popmusik aus Großbritannien lautete bisher: Hier werden die sozialen Hintergründe noch gewürdigt, Klassenstolz und -dünkel, das Politische. Von Margaret Thatcher wurde die Gesellschaft abgeschafft, von Tony Blair die Klassen. - "Interessiert mich nicht. Ich mag zwar Billy Bragg, doch nur für seiner Liebeslieder."
Der Nord-Süd-Konflikt? - "Die Arctic Monkeys finden London-Reisen sicher etwas umständlich. Aber wir sind uns ähnlicher als alle denken."
Wie die Beatles und die Rolling Stones vor 40 Jahren. - "Eben."
Auch wenn es sich ziemlich freudlos liest, war es ein fröhliches Gespräch. Wie auch das völlig unkomplexe zweite Album wieder eine großartige Platte ist mit ungestümem Kernstück "Direct Hit". Vielleicht werden Ideen im Pop grundsätzlich überschätzt. mp
The Editors : An End Has A Start
(Pias/Rough Trade)
Mark Ronson : Version
(Columbia/Sony BMG)
Stereo Total : Paris-Berlin
(Disko B/Indigo)