Reformator in Wittenberg - WELT

Reformator in Wittenberg

Von Dankwart Guratzsch
Veröffentlicht am 30.06.2007Lesedauer: 4 Minuten

Die Wirkungsstätte von Johannes Bugenhagen wurde restauriert. Sie ist das älteste evangelische Pfarrhaus: Reformator in Wittenberg

"Bis daher war Wittenberg eine arme unansehnliche Stadt; kleine, alte, hässliche, niedrige, hölzerne Häuslein; einem alten Dorf ähnlicher denn einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen aus aller Welt Leute hin, die da hören, sehen und studieren wollten." So beschreibt Fridericius Myconius in seiner Historia reformationis das Landstädtchen, wie es sich 1517 den Besuchern darbot. Niemand hätte gewagt, Wittenberg zuzutrauen, dass es zu unvergleichlicher Blüte emporwachsen ein halbes Jahrtausend später zu einem Tourismusmagneten werden könnte.

Heute ist es ein Zentralort für Lutherreisen. Denn das ist das eigentlich Überraschende: Nach dem Verfall der Altstadt zu Zeiten der DDR ist Wittenberg zu fast 80 Prozent auf vorbildhafte Weise restauriert worden. Die einstige "Hauptstadt der Reformation" strahlt einen Glanz aus, wie sie ihn in ihren besten Zeiten nicht besessen hat.

Schwer zu begreifen und doch Realität: In einer glaubensschwachen Zeit, in der Kirchenaustritte, Kirchenabrisse und Kirchenumnutzungen die Schlagzeilen beherrschen, mobilisiert die Figur des Reformators Zehntausende, sich auf seine Spuren zu begeben. Man sieht es den angestrengten Mienen der Museumsbesucher an: Jede Einzelheit seines Wirkens, die Gestalten seines Umfeldes, seine Lebensumstände, seine Freunde - all die tieferen Beweggründe der großen geistigen Gärung, die vor 500 Jahren ganz Europa erfasste, beschäftigen heute noch. An die 80 000 sind es Jahr um Jahr, die die Stufen im Lutherhaus erklimmen.

Es ist ein aufgefrischtes Bild, das Wittenberg von dieser urdeutschen Geschichte bietet. Dazu trägt ein sehr zielstrebiges Marketing bei, das die Gestalt des Umwälzers Luther zum Inbegriff der Identität der heute knapp 50 000 Einwohner zählenden Stadt erhoben hat. Aber wie dieses Bild vermittelt wird - das ist das Werk einer Aufwertung der Lutherstädte durch Architektur und Ausstellungstechnik. Der Historie ist alle Muffigkeit ausgetrieben, sie ist "durchlüftet" und auf ihre Kernelemente zurückgeführt. Gnadenlos nüchterne, klare Formen und Materialien - Sichtbeton, Stahl, Glas - bilden die Rahmung für das, was die Exponate, die die wie durch Fenster sichtbar gemachten ältesten Ziegelmauern selbst erzählen.

So ist es im Lutherhaus von Wittenberg, das der Berliner Architekt Helge Pitz schon vor vier Jahren mit einem zwischen die historischen Bauten gezwängten kraftvollen Treppenturm wie ein Geschichtsbuch aufgeblättert hat, und so ist es im Geburtshaus Luthers in Eisleben, das von der Berliner Architektengemeinschaft Springer Architekten einem "verändernden Wiederaufbau" unterzogen worden ist. Erst vor wenigen Wochen wurde das Ensemble wieder eröffnet. Nach nur drei Monaten zählt es schon 15 000 Besucher.

Beides muss man im Zusammenhang sehen: Zwar ist das nur halb so große Eisleben, die Geburts- und Sterbestadt des Reformators, von der strahlenden Wiederauferstehung noch weit entfernt, die Wittenberg in ein so besonderes Licht rückt. Aber die Wiederbelebungs-Philosophie für beide Lutherstätten ist verwandt. Hier wie dort geht es weniger um Rekonstruktion als um eine "Modernisierung" des Reformators, die sich der Kommunikationsmittel Architektur und Ausstellungswesen bedient.

Dabei steigt das "Lutherland" wie ein neuer Kontinent aus dem Vergessen und der Verdrängung auf, verbunden durch "Wege zu Luther" ( www.wege-zu-luther.de), wie sie die sachsen-anhaltinische Tourismuswerbung in Broschüren zu bahnen versucht, durch Architekturstadtpläne oder aber den "Sendbrief", den die "Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt" herausgibt. Neben Geburts- und Sterbehaus in Eisleben und dem Lutherhaus in Wittenberg verwaltet sie auch das von Grund auf sanierte dortige Melanchthonhaus - samt dem Garten dahinter eine Kernzelle der Geistesrevolution, die den Kontinent erschütterte.

Und immer kommen neue Elemente hinzu. Schon sind die "Cranach-Höfe", Werkstätten des großen Künstlers und "Medienzars" der Reformationszeit, zur Hälfte restauriert; vor wenigen Tagen öffnete das Bugenhagenhaus, das ein halbes Jahrtausend alte und damit erste evangelische Pfarrhaus der Welt. Seit den Tagen des "Doctor Pomeranus", des "dritten" Reformators und Schöpfers der evangelischen Kirchenordnung, war es bis 1997 ununterbrochen in Gebrauch. Generationen von Pfarrern und Superintendenten haben daran herumgebaut - nun hat es, unter den Händen der Dresdner Architekten Angelika und Andreas Kern, seine vorerst letzte Verjüngungskur erfahren.

Auch wenn diese jüngste "Genesungskur" einer Lutherstätte diesmal nicht von der genannten Stiftung, sondern von der Wüstenrot-Stiftung koordiniert wurde - sie geschah aus demselben Geist. Der eigentlichen Sanierung des lang gestreckten weißen Hauses gingen Forschungen voraus, die tief in seine Wände, Decken und Böden eindrangen und fünf Jahrhunderte Geschichte des evangelischen Pfarrertums freilegten. Am Ende steht auch hier ein Bau, der - so Wolfgang Bollacher, Vorstandschef der Stiftung - "protestantische Klarheit" und zeitlose Sachlichkeit ausstrahlt.

Wie in allen Lutherstätten soll auch im Bugenhagenhaus der Pragmatismus regieren. Der Heimatverein, der "Eine-Welt-Laden", das Kirchencafé und andere kirchliche Einrichtungen ziehen ein. Aber es werden auch die Schwestern der Communität Christusbruderschaft Selbitz ihren künftigen Wittenberger Stadtkonvent in dem Haus eröffnen und getreu ihrer Berufung "Ihr seid Hütte Gottes bei den Menschen" den Auftrag der Verkündigung, der in diesem Haus verankert war, wieder aufnehmen. Wie ein Symbol dafür erscheint der alte Brunnen im Hof, der seit dem 16. Jahrhundert das Jungfernröhrwasser aus dem Flemming brachte: Von den Architekten wurde er nach langem Versiegen in einem schlichten neuen Sandsteintrog erneut zum Sprudeln gebracht.


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