Mehrwert für die Tourismus-Industrie - WELT

Mehrwert für die Tourismus-Industrie

Von Berthold Seewald
Veröffentlicht am 30.06.2007Lesedauer: 5 Minuten

Mit seinen aktuellen Entscheidungen hat sich das Welterbe-Komitee der Unesco einen Bärendienst erwiesen: Mehrwert für die Tourismus-Industrie

Verkehrte Welt. Es ist erst wenige Tage her, da war Deutschland Schauplatz des G-8-Gipfels. Dass es nicht nur ein teures Spektakel für die Medien war, das verdankte das Treffen der reichsten Nationen der Erde nicht zuletzt der Gastgeberin, Angela Merkel. Kurz darauf fuhr die Bundeskanzlerin in Brüssel einen weiteren Gipfel-Triumph ein. Deutschland ist geachtet in der Welt.

Ziemlich genau auf der entgegengesetzten Seite des Planeten bietet sich dagegen ein völlig anderes Bild. Auf der Tagung des Welterbekomitees der Unesco in Christchurch (Neuseeland) stand Deutschland wieder einmal am Pranger, zusammen mit Ländern wie Ecuador oder Senegal. Erst wurde der Stadt Dresden die lächerliche Frist von drei Monaten eingeräumt, um ihre Bauplanungen durch das Elbtal noch einmal von Grund auf zu überdenken. Dann wurde die einzige deutsche Bewerbung um einen Platz auf der Liste des Welterbes, die Altstadt von Heidelberg, erneut abgewiesen. Die eingereichte Begründung erkläre nicht den "außergewöhnlichen universellen Wert" des Ensembles aus Schlossruine, Altstadt und Neckartal, hieß es. Das 800 Seiten starke Dossier war offensichtlich nicht aussagekräftig genug.

Schon hatten Gegner des Dresdner Waldschlösschen-Projekts damit gedroht, das Unesco-Komitee werde deutsche Anträge solange genau und kritisch prüfen, wie der Dresdner Brückenschlag das Elbtal auf die Rote Liste des bedrohten Welterbes binde. Da Heidelberg jetzt auch im zweiten Anlauf den Kürzeren zog, wird diese Drohkulisse sicherlich den Showdown in Dresden illuminieren. Die durchaus logische Feststellung von Birgitta Ringbeck, Vertreterin der Bundesländer bei der Unesco, Europas Altstädte seien in der Welterbeliste ohnehin überrepräsentiert, verhallt wohl ungehört.

So erscheint denn unter den 22 Neuaufnahmen ein Sammelsurium von Orten und Landschaften, die historisch wie geografisch zu verorten selbst erfahrenen Studiosus-Reiseführern schwer fallen dürfte: etwa das Areal Lopé-Okanda in Gabun, die Felslandschaft Gobustan in Aserbeidschan oder die Diaolou-Häuser in Kaiping (China).

Der Versuch, das Welterbe global und nicht mehr in abendländischer Perspektive zu deuten, ist offensichtlich. Damit aber stellt sich ein Problem, das Artikel 6 des "Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" von 1972 so umschreibt: "Unter voller Achtung der Souveränität der Staaten ..., und unbeschadet der durch das innerstaatliche Recht gewährten Eigentumsrechte erkennen die Vertragsstaaten an, dass dieses Erbe ein Welterbe darstellt, zu dessen Schutz die internationale Staatengemeinschaft als Gesamtheit zusammenarbeiten muss." Als Exempel soll jetzt offensichtlich der Fall des Dresdner Elbtals dienen.

Wie schwierig die Durchsetzung von Artikel 6 in der Wirklichkeit ist, durfte die Unesco beizeiten erfahren. Da dienten die Welterbe-Abzeichen Dubrovniks im Balkankrieg serbischen Kanonieren zur Zielerkennung, und die UN - selbst in den Konflikt involviert - konnte es nicht verhindern. Kein Wunder also, dass die Taliban ihr Dynamit an den Buddha-Statuen von Bamiyan anbringen konnten, ohne befürchten zu müssen, von der Weltgemeinschaft an der Sprengung gehindert zu werden. Von einer Förderung des Wiederaufbaus hat man übrigens lange nichts mehr gehört.

Auch eine Tragödie wie die massenhafte Plünderung von archäologischen Stätten im Irak (und zahlreichen anderen Ländern) scheint dem Welterbe-Komitee den exemplarischen Kampf nicht wert zu sein. Stattdessen wurde die Altstadt von Samarra jetzt in die Welterbeliste aufgenommen und zugesagt, den Wiederaufbau der unlängst zerstörten Goldenen Moschee zu fördern. Dass diese ein Allerweltsbau aus dem 19. Jahrhundert ist - unabhängig vom Rang ihrer den Schiiten heiligen Gräber - lässt weitere Zweifel an den Standards der Unesco aufkommen.

Nun also Dresden und seine Waldschlösschenbrücke. Eine Stadt, die sich den Kraftakt des Wiederaufbaus der Frauenkirche zumutete, eignet sich offenbar besser zum publikumswirksamen Welterbeschutz als Ruinenstätten der Dritten Welt. Doch selbst dabei scheint das Unesco-Komitee den Part eines 20 000 Kilometer entfernten Beobachters einnehmen zu wollen. Oder wie soll man es anders deuten, dass, wie es heißt, die meisten Delegierten in Christchurch noch nie von der laufenden Debatte um eine Tunnelalternative an der Elbe gehört hatten? Auf eine gewisse Vertrautheit mit dem Thema lässt das kaum schließen. Oder spielt die Deutsche Unesco-Kommission in Bonn hier ein eigenes Spiel, wie man es ihr auch beim Streit um den gefährdeten Welterbestatus des Kölner Doms vorgeworfen hat? 2005 drohten Hochhäuser auf der rechten Rheinseite den Blick auf die geschützte Kathedrale zu verschandeln.

Aus einer solchen Perspektive scheint das Kulturerbe-Komitee zu übersehen, dass es in Dresden eben nicht nur um eine Sichtachse geht. Wie das Bundesverfassungsgericht und Verwaltungsgerichte festgestellt haben, geht es um nichts weniger als das Einhalten juristischer und politischer Verfahrenswege, also um die Rechtsordnung - so unprofessionell und kurzsichtig die darin hängenden Entscheidungen auch gewesen sein mögen. Ein allem Anschein nach überschaubar besuchter Standort für ein Fotomotiv auf das ferne Dresden kann da durchaus als nachgeordnetes Gut erscheinen.

Eher unbeabsichtigt haben die Unesco-Delegierten bereits einen Weg aus dem Schlamassel gewiesen: Wenn immer neue exotische Fernreiseziele zu Welterbestätten erklärt werden, geht es offensichtlich gar nicht mehr um die Pflege von Kulturgütern, sondern um den Mehrwert für die Tourismus-Industrie. Das würde auch die Ablehnung Heidelbergs erklären. Dessen Bürgermeister Eckart Würzner hat nämlich durchaus Recht, dass der Ansturm auf seine Stadt durch den Welterbe-Titel "nicht weiter steigen" würde. Sollte es zur Aberkennung kommen, dürfte Dresden ähnliches erfahren.

Unesco-Welterbe-Liste:


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