Wiener Journal: Zeit und Ewigkeit - WELT
Wiener Journal

Zeit und Ewigkeit

Von Ulrich Weinzierl
Veröffentlicht am 30.06.2007Lesedauer: 2 Minuten

Ein "Tausendkünstler" sei er gewesen, rühmte ihm einst der Schriftsteller Hermann Bahr nach. Nun ist Bahr als Lobpreisender nicht unbedingt eine erste Adresse: Der Wandelbarste seiner Epoche begeisterte sich für den Naturalismus, die Dekadenz, das Katholische. Bahr rief Kunst-Konjunkturen aus und ritt auf ihnen, wie Modeschöpfer Herbst- und Frühjahrskollektionen machen.

Kolo Moser (1868-1918) indes ist sich selbst, auch und gerade in seiner Entwicklung, treu geblieben: Das Verblüffende an Mosers Kreativität war die Vielfalt der Ausdrucksformen und Genres. Gewiss, stets wurde er mit der "Wiener Secession" und der von ihm ebenfalls mitbegründeten "Wiener Werkstätte" identifiziert, mit den unzähligen Mustern für Stoffe, seinen Möbelentwürfen und den edlen Gebrauchswaren aus Silber und Glas. Die nicht abbrechende Renaissance des Wien des Fin de siècle, sie drückt sich durch eine Dauer-Hausse auf dem Markt aus, hat auch seinen Namen längst wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Doch erst jetzt, dank einer umfassenden Ausstellung im Leopold Museum, wird Kolo Moser nicht bloß als Teil eines größeren Ganzen, sondern als Individuum wahrgenommen.

In der Tat: Kolo Moser ist ein Designer und Gesamtkunstwerker von außerordentlichem Format gewesen, er revolutionierte die Briefmarken- und Banknotengestaltung. Aber - und das ist die Hauptfrage - kommt ihm auch die Aura des bedeutenden Künstlers, des Genies zu? Hier begingen die Ausstellungsmacher, nicht zuletzt Museumsdirektor Rudolf Leopold als Mitkurator, einen Fehler, zumindest eine Unvorsichtigkeit. Sie stellen, einer Schau des Pariser Grand Palais folgend, Kolo Moser in eine Reihe mit Klimt, Schiele und Kokoschka. Derlei provoziert Widerspruch, denn in deren ureigenem Revier - dem der Zeichnung und Malerei - konnte und kann er sich naturgemäß mit ihnen nicht messen. Dass der Maler Kolo Moser, der nach seiner Trennung von der "Wiener Werkstätte" 1907 zur freien bildenden Kunst zurückkehrte, ungeachtet starker Beeinflussung durch das Oeuvre Ferdinand Hodlers ab 1913, weit mehr als ein Epigone war, steht außer Zweifel. Seine Landschaften (insbesondere aus dem Semmeringgebiet, wo die schwerreiche Familie seiner Frau, Ditha Mautner von Markhof, eine Villa besaß) und seine Porträts beweisen den eigenständigen künstlerischen Rang.

Das gilt sogar für früheste, akademische Arbeiten. Was Kolo Moser fehlte, war das Richtung Weisende, Perspektiven Umstürzende, die Kraft, gegen seine Zeit zu rebellieren und sie so hinter sich zu lassen. Wir nennen das gemeinhin Ewigkeitswert. Ulrich Weinzierl


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