Kevin Vennemann schreibt mit seinem Roman "Mara Kogoj" gegen das Kärntner Konsensgeschichtsbild an: Was geschah wirklich am Persmanhof? - WELT
Kevin Vennemann schreibt mit seinem Roman "Mara Kogoj" gegen das Kärntner Konsensgeschichtsbild an

Was geschah wirklich am Persmanhof?

Von Ulrich Baron
Veröffentlicht am 30.06.2007Lesedauer: 3 Minuten

Es kommt immer darauf an, wer eine Geschichte erzählt - nicht nur beim "Bewerb", der alljährlich unerschrockene Wettleser mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis an den Wörthersee lockt. Dort gibt es außer dem ORF-Theater, dem Lindwurm und dem traditionellen Spesenverzehr mit Seeblick auch einige Schilder, auf denen Klagenfurt "Celovec" genannt wird, denn die Landeshauptstadt liegt in der Grenzregion zu S

Am 25. April 1945, also kurz vor Kriegsende, sei von Angehörigen des SS-Polizeiregiments 13 auf dem Südkärntner Persmanhof "eines der furchtbarsten NS-Verbrechen an der Kärntner Zivilbevölkerung" begangen worden. Dabei seien elf Mitglieder der Familien Sadovnik und Kogoj getötet und das Haus in Brand gesteckt worden, lautet jene Version, die in Kevin Vennemanns neuem Buch der slowenischstämmige Tone Lebonja und die Titelheldin Mara Kogoj ihrem Interviewpartner entgegen zu halten haben. Dieser Ludwig Pflügler aber, Heimatschützer und Rechtsradikaler, hat die Geschichte anders erzählt bekommen. Sein Vater habe ihm berichtet, die Bewohner des Persmanhofs, eines seinerzeit berüchtigten Partisanenstützpunktes, seien als lästige Mitwisser von ihren eigenen Spießgesellen ermordet worden. Und die Soldaten der väterlichen Kompanie hätten sich sogar "der von ihren eigenen Leuten hingerichteten Banditen auf menschenwürdige Weise angenommen". Freilich nicht so weit, dass man ihnen ein Denkmal gesetzt hätte, so wie man den aufrechten Heimatschützern allerorten Denkmäler gesetzt hat.

Um eines dieser Denkmäler kreisen die Interviews, die Lebonja und Kogoj mit Pflügler führen, denn es hat sich in der Nachkriegszeit zu einer Pilgerstätte alter Kameraden entwickelt, die dort unter dem Denkmantel des Soldatengedenkens "die Waffen-SS zum vierten Wehrmachtsteil" und den Nationalsozialismus zur Fortsetzung eines jahrhundertlangen Kampfes zwischen dem deutschen Kärnten und den "südslawischen" Fremdlingen umdeuten.

"Mara Kogoj" ist ein literarischer Angriff auf solches "Konsens-" und "Familiengedächtnis", das aus SS-Männern Soldaten, aus Soldaten Heimatschützer und aus Morden Untaten macht, die immer nur die andern begangen haben. Kevin Vennemann schreibt gegen eine Erzähltradition der Verharmlosung und der Schuldabweisung an. In einer bemerkenswerten Passage beschreibt der 1977 geborene Schriftsteller dazu den Subtext, dem die rund um ein Denkmal versammelten Symbole, Gedenktafeln zweifelhafter Organisationen und Exemplare einer "nationalsozialistischen Widerästhetik" jenen Reden geben, die dort gehalten werden. Erst dessen Analyse enthülle, "was bei den Treffen wirklich gesagt wird, woran man hier oben wirklich ist, vor welchem Hintergrund noch jede einzelne der Reden gesehen werden muss, ohne welchen Hintergrund die Reden hoffnungslos unvollständig sind, nachdem man sie für den Rundfunk und die Zeitungen so gerade eben in einen legalen Rahmen gequetscht hat, ist zu erfahren wenn man sich die Tafeln ansieht".

Das ist fein beobachtet, aber leider hat auch Vennemann seinen Text in einen Rahmen gequetscht, und der ist dessen Verständnis nicht eben förderlich, weil er die Lesefreude erheblich dämpft. Und da er schon einmal am Quetschen war, gibt es in der Geschichte auch noch ein Psychodrama, das Lebonja und Pflügler nach für beide sehr unerfreulichen gemeinsamen Jugenderlebnissen verbindet. Das eigentliche Problem dieses Textes aber ist seine Form, sein Formalismus. Auch wenn es hier um Interviewsituationen geht, hemmen ausgeschriebene Jahreszahlen doch den Lesefluss, und wenn die Erzählung ohne Absatz von Lebonja zu Kogoj und von Kogoj zu Lebonja hin- und herspringt, klingt das eher nach sprechenden Kunstköpfen als nach fassbaren Gestalten.

Dabei zeigt Vennemann immer wieder und manchmal wohl wider Willen, dass er das eindringliche, konventionelle Erzählen ebenso beherrscht wie den ideologiekritischen Diskurs und die Dekonstruktion der fremdenfeindlichen Heimaterzählung. Doch er kann sich nicht recht entscheiden, ob er lieber erzählen oder lieber formulieren will und bedient sich dabei eines zugleich gebrochenen und bandwurmartigen Satzbaus, vertraut auf Doppelpunkte, meidet aber An- und Abführungszeichen und zermürbt so die Aufmerksamkeit, die sein Gegenstand verdient und erfordert. Und am Ende fragt man sich, was man außer ein wenig historischem Kärntner Lokalkolorit eigentlich Neues über die Pflüglers dieser Welt erfahren hat.

Leider ziemlich wenig, denn wo es aktueller wird, wo die Namen eines Haider und Mölzer ins Spiel kommen, kriecht die Geschichte bald wieder ins sich selbst und dann ins Allgemeine und Literarische zurück. Da aber wird sie wenig bewirken.

Kevin Vennemann:

Mara Kogoj.

Suhrkamp, Frankfurt/M. 218 S., 16,80 Euro.


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