Johannes Brahms und Dmitri Schostakowitsch: Beide kann man als Verfolgte sehen. Wenn auch in sehr verschiedener Weise – Schostakowitsch in Stalins Sowjetunion war bekanntlich seines Lebens nicht sicher, und dies gerade wegen seiner künstlerischen Überzeugungen. In solcher Weise fürchten musste Brahms sich nicht. Als Komponist saß ihm jedoch lange ein gewisser Beethoven im Nacken – wie Neues komponieren auf dem Niveau, das der Titan vorgelegt hatte, noch dazu auf dem Feld der Sinfonie? Reizvoll, solchen Themen nachzusinnen beim ersten Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker in der neuen Saison.
Sanglich stimmen die Augsburger Philharmoniker die Ouvertüre an
Zu Brahms‘ Diskrepanzen gehört auch, dass eines seiner melodienreichsten Werke den wohl sperrigsten Titel im Oeuvre des Komponisten trägt. Akademische Festouvertüre – wer fühlte sich da wirklich angezogen? Womöglich war deshalb auch wieder mancher Stuhl im Kongress am Park unbesetzt, und der Komponist selbst hatte ja auch schon gegenüber einem Briefpartner geknurrt: „Der Name gefällt mir nicht, fällt Dir ein anderer ein?“ Doch wer will über Namen mäkeln – Brahms schrieb seine Ouvertüre anlässlich der Verleihung einer Ehrendoktorwürde –, wenn die Musik einen Reigen solch (wein)seliger Studentenlieder zur Grundlage nimmt, wie Brahms sie in seiner Festouvertüre verarbeitet hat und wie Gábor Hontvári sie zu Beginn des Programms von den Philharmonikern sanglich anstimmen lässt.
Schon hier sah man den Gastdirigenten mit weit ausholenden Bewegungen nicht nur als Gestalter, sondern auch als Darsteller der Musik. Aber wie ein Dirigent vor dem Orchester agiert, ist belanglos, wenn das klingende Ergebnis stimmt. Und in dieser Hinsicht zeigte Hontvári sein ganzes Können wiederum bei Brahms, bei dessen 1. Sinfonie im zweiten Teil des Konzerts. Brahms‘ Start in die klassische Sinfonik, nach einem Geburtsvorgang von rund eineinhalb Jahrzehnten und in einer musikhistorischen Situation, in der Wagner postuliert hatte, dass nach Beethoven an herkömmliches Weiterknüpfen des sinfonischen Stranges nicht mehr zu denken sei. Aber Brahms sah das anders, entsprechend aufgeladen ist seine c-moll-Sinfonie mit Kunstwillen, was wiederum jedem Dirigenten eine harte Nuss zu knacken gibt, denn die musikalische Struktur der Sinfonie ist so dicht gewirkt, die Beziehungslinien in ihr so eng geführt, dass das Werk in wenig kundiger Hand rasch zur Verdickung neigt.
Herrliche Soli der philharmonischen Holzbläser
Aber auch wenn Brahms selbst wusste, dass sein sinfonischer Erstling sich „nicht durch Liebenswürdigkeit empfiehlt“, so weiß doch Gábor Hontvári, wie dem Stück als Faszinosum zu gestalten ist. Dem Dirigenten gelingt es, die Waage zu halten zwischen einem einerseits tiefernsten Gestus und einer janusköpfigen Gegenseite, die sich glutvoll zeigt und expressiv. Bei Hontvári geht das einher mit einem ausgeprägten Sinn für das Hörbarmachen grundlegender Bausteine der Sinfonie, im ersten Satz etwa die chromatischen Fortschreitungen oder die Dreiton-Gruppen. Alles ins richtige Maß gesetzt, hat das Kraft und weckt Neugier auf den Fortgang der Sinfonie. Durchatmen dann erst mal in den verhaltenen Mittelsätzen, herrliche Soli der philharmonischen Holzbläser und der Violine (ausgeführt vom neuen 1. Konzertmeister Tobias Staub, bevor Hontvári die langsame Einleitung des vierten Satzes dann als spannungsvolles Quo Vadis hin zum finalen Allegro inszeniert.
Eingespannt zwischen den beiden Brahms-Werken aber die eigentliche Sensation des Abends, Schostakowitschs 1. Cellokonzert mit Alban Gerhardt als Solist. Was für ein Werk, Stalin war schon tot, und doch, oder vielleicht deshalb, komponiert Schostakowitsch eine regelrechte Verfolgungsjagd. Das wieselflinke Cello hetzt voraus, das Orchester bleibt ihm unbarmherzig auf den Fersen, mit hart gezogenem Strich setzt Alban Gerhardt am Griffbrett sozusagen über Stock und Stein, liegt immer wieder im Clinch mit dem enervierenden Solohorn von Felix Winker – eine gruselig faszinierende Hatz. Im langsamen Satz trotz motorischer Beruhigung alles andere als Wohlfühlatmosphäre, lauerndes Unbehagen hinter der seidigen Wand der Orchesterstreicher. In der ausgedehnten Solo-Kadenz ist bei Alban Gerhardt dann wieder drängende Geste angesagt, kantige Artikulation, extremes Vibrato, Spiel in höchsten Lagen, eine Flageolettpassage, die das Publikum regelrecht erstarren lässt – Virtuosität, die doch eindeutig dem Ausdruck den Vorrang lässt. Im Finale, das den Charakter des ersten Satzes wieder aufgreift, auch neuerlich starke solistische Beiträge aus dem Orchester, vorneweg das Gekreische der Klarinette – David Schöndorfer weiß, dass das alles andere als despektierlich gemeint ist. Dieser Schostakowitsch, dieser Saisonauftakt, dank Alban Gerhardt, dank Gabor Hontvári, dank des Orchesters: umwerfend.
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