Es ist ein sonniger Vormittag in der Annastraße in Augsburg. Rita Hieble ist unterwegs, in ihren Händen hält sie einen Stapel Flyer, ein Klemmbrett und Stifte. Die Rentnerin ist eigens aus dem Allgäu angereist, um Unterschriften zu sammeln. Ihr Anliegen: Sie kämpft für den Erhalt des Bargelds.
„Ich hatte schon lange gesehen, dass Bargeld mehr und mehr an Bedeutung verliert“, erzählt Hieble. In den letzten Jahren habe sie beobachtet, dass Kunden in Geschäften zunehmend aufgefordert worden seien, kontaktlos zu bezahlen. „Da war mir ganz unwohl dabei“, erinnert sie sich. Anfang 2026 schloss sie sich der „Initiative zum Erhalt von Bargeld“ um Initiator Hansjörg Stützle an. „Das Problem trifft alle“, begründet sie ihr Engagement.
Der digitale Euro soll Bargeld ergänzen
Auch Sascha Straub, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Bayern, bestätigt: „Das Bargeld steht schon länger unter Druck“. Allerdings sieht der Experte auch eine gewisse Diskrepanz: „Studien der Bundesbank haben gezeigt, dass die Deutschen Bargeld erhalten wollen, aber immer mehr mit Karte zahlen. Das ist schwierig.“ In Zukunft könne die Bedeutung des Bargelds weiterhin sinken – laut Straub hängt das aber nur bedingt mit dem digitalen Euro zusammen.
Mit dem digitalen Euro plant die Europäische Zentralbank ein elektronisches Zahlungsmittel, das Bargeld ergänzen soll. Ziel ist, eine europäische digitale Zahlungsinfrastruktur zu schaffen, um die Abhängigkeit von internationalen Zahlungsanbietern zu reduzieren. Die konkrete Einführung hängt aktuell noch von der Entscheidung der EU-Institutionen ab.
Für Hieble reicht die Zusicherung, dass Bargeld trotzdem verfügbar bleiben wird, nicht aus. Sie befürchtet, dass Bargeld im Alltag an Bedeutung verlieren könnte. „Da wird es den Menschen durch Gebühren oder durch weniger Automaten immer schwerer gemacht, an Bargeld zu kommen. Gleichzeitig wird Barzahlung vermehrt abgelehnt, auch bei Behörden, im öffentlichen Verkehr und im Handel“, sagt Hieble. Sie fordert daher, dass Bargeld genauso geschützt wird wie der digitale Euro. Straub sieht eher die sinkende Nachfrage als Grund für den Rückgang des Bargelds: „Je öfter in Geschäften oder im Handel bargeldlos gezahlt wird, desto eher geht Bargeld zurück. Ob es langfristig bleibt, hängt also vom Konsumenten ab“.
Ein wichtiger Punkt ist für Hieble die Anonymität und die Ausfallsicherheit des Bargelds, das für sie auch etwas mit Freiheit, Datenschutz und Krisensicherheit zu tun hat. Straub wiederum betont, dass der digitale Euro im Vergleich zu ausländischen Zahlungsanbietern deutlich sicherer sei. „Ich sehe da keine große Ausforschungsgefahr, dahinter stehen keine privaten Unternehmen, die Nutzerprofile anlegen“, sagt er. Eine Anonymität so wie bei Münzen und Scheinen gebe es aber auch beim digitalen Euro nicht. Darauf möchte auch Hieble die Passanten in Augsburg aufmerksam machen.
Passanten in Augsburg reagieren unterschiedlich auf Bargeld-Petition
Die Resonanz auf die Petition fällt an diesem Vormittag unterschiedlich aus. Einige Passanten winken ab, andere bleiben gar nicht erst stehen. „Normalerweise ist es ein bisschen einfacher“, sagt Hieble und lacht, „sonst hätte ich nicht um die 4.000 Unterschriften gesammelt“. Eine gewisse Abwehrhaltung ist sie aber schon länger gewohnt – vor allem seit einem Artikel in der Zeit, in dem Initiator Hansjörg Stützle porträtiert wurde. Hieble und Stützle kritisierten, dass der Initiator darin aus ihrer Sicht zu Unrecht mit rechten Kreisen in Verbindung gebracht worden sei. Hieble weist entsprechende Verbindungen zurück. Die negativen Reaktionen nach Veröffentlichung des Artikels habe sie als „ziemlich schockierend“ erlebt.
Jüngeren Menschen fehlt ohne Bargeld nichts
Trotzdem setzt sich Hieble weiter für das Bargeld ein. Um mehr Menschen zu erreichen, hätte sie sich auch gewünscht, dass das Anliegen der Initiative stärker in den Medien aufgegriffen worden wäre. Besonders beschäftigt sie nämlich die Frage, welche Folgen eine zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs für ältere Menschen haben könnte. Sie befürchtet hier Nachteile im Alltag oder bei Verwaltungsangelegenheiten. „Ich sehe die Gleichwertigkeit des Bargelds da sehr gefährdet. Das Gefühl, abgehängt zu werden, ist ganz stark“, so Hieble. Bei jüngeren Menschen beobachte sie dagegen eine andere Haltung. „Da haben mir viele gesagt, dass ihnen gar nichts fehlt, wenn sie kein Bargeld mehr haben“, sagt sie.
Wie sich die Bedeutung des Bargelds mit der Einführung des digitalen Euro tatsächlich entwickeln würde, ist offen. Straub argumentiert, „dass es das Bargeld weiterhin geben wird, unter welchen Konditionen ist allerdings die Frage“. Rita Hieble will weiter Unterschriften sammeln. Ihre Chancen, politisch etwas bewirken zu können, schätzt sie gering ein, „solange es keinen öffentlichen Aufschrei gibt. Das ist für mich ein bisschen wie David gegen Goliath.“
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