Herr Braun, zuletzt, im Juli, hat die Nachricht aufhorchen lassen, dass die Industrie über Rekordaufträge verfügt. Steht uns endlich ein Aufschwung bevor?
REINHOLD BRAUN: Ich bin überzeugt, dass wir in Bayerisch-Schwaben sehr gut aufgestellt sind und einzelne Branchen profitieren. Die Verteidigung und die Luft- und Raumfahrt erleben eine Sonderkonjunktur. Von einer Konjunkturwende zu sprechen, geht aber deutlich zu weit. Klassische Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen.
Könnte künstliche Intelligenz, KI, der Region neuen Schub geben?
BRAUN: Wir werden in Deutschland und in Schwaben wahrscheinlich nicht diejenigen sein, die die nächsten KI-Trends setzen. Aber wir müssen KI zuallererst nutzen, um unsere Produktivität und Effizienz zu erhöhen. Wo können wir mit KI mehr automatisieren oder Prognosen erstellen, die uns helfen? Es gibt noch einen Bereich, in dem wir KI nutzen müssen: Smart Engineering.
Was ist Smart Engineering und wie kann Schwaben davon profitieren?
BRAUN: Smart Engineering ist die Kombination aus Mechanik plus Elektronik sowie Software. In Schwaben sind wir Weltklasse im Maschinenbau. Inzwischen setzen uns aber immer mehr Maschinen aus China unter Preisdruck. Wir sind gezwungen, uns Modelle einfallen zu lassen, die dem chinesischen Ansatz überlegen sind. Maschinen produzieren Unmengen an Daten. Jetzt brauchen wir KI-Modelle, die die Daten nutzbar machen.
Jetzt prescht auch China in der KI voran. Finden unsere heimischen Unternehmen eine Antwort?
BRAUN: China ist überall, aber es gibt auch gute Nachrichten. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, wie China funktioniert.
Das macht neugierig …
BRAUN: Ich komme gerade von der Internationalen Automobilausstellung für Nutzfahrzeuge und habe mit vielen Ausstellern gesprochen, bewusst auch chinesischen. China macht nicht Dinge, bloß weil wir sie auch machen. Chinesische Unternehmen suchen bewusst Produkte, die sie – erstens – standardisieren können und die sich – zweitens – für die Massenproduktion skalieren lassen. Dinge also, die sich einfach und schnell in hohen Stückzahlen herstellen lassen. Batterien sind perfekt, auch Roboter, selbst humanoide Roboter. Kann man einen bauen, kann man tausende bauen. Bei Pkw ist es das gleiche. Doch wenn es um maßgeschneiderte Lösungen geht, um viele hunderte Extras, eine Holzleiste hier und eine andere da, dann winken die chinesischen Hersteller schnell ab.
Was bedeutet das für die heimische Wirtschaft?
BRAUN: Wir dürfen uns in Schwaben nicht auf Geschäftsmodelle konzentrieren, die man schnell standardisieren und skalieren kann. Mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die wir in Deutschland haben, lässt sich damit kein Geld verdienen. Wir müssen stark sein in marktorientierten, maßgeschneiderten Lösungen. Wir müssen uns um die Nischen auf den Märkten kümmern und um die Produkte, die anderen zu klein, zu anstrengend, zu aufwendig und zu beratungsintensiv sind. Es geht um Customizing, also kundenspezifische Anpassungen, Beratung und Service.
Passen dafür die Rahmenbedingungen in Schwaben? Sind wir attraktiv für junge Leute?
BRAUN: Entscheidend für einen Standort sind Wohnraum, Infrastruktur und Bildung. Ich denke, bei uns auf dem Land ist Wohnraum verfügbar und er ist auch bezahlbar. Bei der Infrastruktur ist der Nahverkehr wichtig. In meinem Betrieb, bei Sortimo, kommen viele unserer Mitarbeiter mit dem öffentlichen Nahverkehr. Wenn die Fusion zwischen den Verkehrsverbünden AVV und MVV ansteht, müssen wir darauf achten, dass zum Beispiel auch die Busverbindungen stimmen. Bei uns bei Sortimo arbeiten wir beispielsweise in einem Schichtmodell. Es geht um 6 Uhr los. Da hilft es nichts, wenn der erste Bus erst um 7 Uhr fährt. Ein Dienstleister hat für uns deshalb einen Sammelbus eingerichtet, auch Rufbusse funktionieren gut.
Und wie steht es um die Bildung? Der Pisa-Test hat keine guten Signale gesendet.
BRAUN: Die schlechten Pisa-Ergebnisse sind fatal. Als stark ingenieurgeprägtes Land brauchen wir Menschen, die in Mathematik unfallfrei unterwegs sind. Da ist es problematisch, wenn schon das Bruchrechnen nicht klappt. Gleichzeitig spielt Sprache eine zentrale Rolle – gerade für die Entwicklung von Führungskräften. Wir haben viele qualifizierte Mitarbeiter, deren berufliches Fortkommen wegen fehlender Sprachkenntnisse an Grenzen stößt. Bei Sortimo arbeiten Menschen aus gut 50 Nationen. Unser bestbesuchter Fortbildungskurs zusammen mit der IHK Akademie ist der Deutschkurs.
Also mehr Deutsch an den Schulen?
BRAUN: Das muss schon früher anfangen, in den Kindertagesstätten und auch im Elternhaus. Wir müssen die Eltern erreichen und davon überzeugen, dass Sprachentwicklung ein zentrales Thema für eine Karriere in Deutschland ist. Noch etwas sehe ich bei der Jugend mit Sorge …
Nämlich?
BRAUN: Bei den letzten Wahlen haben auch junge Leute die Parteien der politischen Ränder gewählt. Das macht mir wirklich Sorgen. Für die Wirtschaft ist das Erstarken solcher politischen Kräfte bedenklich.
Die Bundesregierung hat nach dem Sieg der AfD bei den Landtagswahlen zu kämpfen, will aber Reformen auf den Weg bringen. Freuen Sie sich auf mehr Reform-Rückenwind?
BRAUN: In Berlin wird viel über Reformen gesprochen. Angekommen ist bei uns noch nichts. Die neue Regierung hatte zum Start endlich signalisiert, dass die Wirtschaft die Nummer eins auf der Agenda sein wird. Dann aber wurde aus dem Herbst der Reformen der Winter und schließlich das Frühjahr der Reformen. Passiert ist viel zu wenig! Das ist umso bedauerlicher, weil die Regierung mit so großen Ankündigungen gestartet ist.
Können Sie ein Beispiel nennen, wo der Reformstau am ärgsten ist?
BRAUN: Seit Jahrzehnten fordern wir einen Energie-Masterplan, weil wir mit die höchsten Energiepreise in Europa haben. Was Frau Reiche vorlegt, ist allerdings wieder nur Stückwerk. Dass die Stromnetze wichtig sind, wissen wir seit zehn Jahren.
Immerhin gibt es eine neue Spritpreisbremse.
BRAUN: Natürlich kann der Staat alles subventionieren, auch Benzin. Am Ende muss es aber jemand bezahlen. Leider steht Geld heute nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung.
Was spricht dagegen, hohe Spritpreise zu dämpfen?
BRAUN: Wir denken nicht mehr langfristig: Erst schlagen wir auf den Rohölpreis an der Zapfsäule von staatlicher Seite die Mehrwertsteuer, die Energiesteuer und die CO₂-Abgabe drauf. Dann stellen wir an der Tankstelle fest, dass es teuer ist, ärgern uns darüber und korrigieren es anschließend wieder. Das ist nicht zu Ende gedacht. Die CO₂-Abgabe ist übrigens ein eigenes Kapitel: Das Instrument ist grundsätzlich gut. Die ursprüngliche Idee war aber, dass die Einnahmen an die Bürger als Klimageld ausgeschüttet werden. Haben Sie jemals davon wieder etwas gehört? Ich nicht.
Kommen Ihnen die Beschäftigten in der aktuellen Politik zu kurz?
BRAUN: Die Leistungsanreize fehlen. In den 60er Jahren zahlte man mit dem 16-Fachen des Durchschnittseinkommens den Spitzensteuersatz, heute ist es schon das 1,5-fache. Jetzt lobt sich die Regierung für ihre Steuerreform, bei der man pro Jahr ein paar Hundert Euro mehr herausbekommt. Und dann schaut man als Beschäftigter genauer hin und stellt fest: Es steigen an anderer Stelle die Belastungen, etwa für die Krankenversicherung und die Pflegeversicherung. Und am Ende hat man doch nicht mehr.
Zur Person
Reinhold Braun, 60, ist seit Januar 2024 Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwaben. Er leitet zusammen mit Klaus Emler das Unternehmen Sortimo aus Zusmarshausen, das Lieferfahrzeuge ausstattet.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren