IFA: Zwischen Mythos und Verkaufsschau
Die IFA ist ein Schaufenster in die Zukunft. Der Blick in die Vergangenheit zeigt aber auch: Nicht alles, was hier gezeigt wird, hat Bestand.
Nokias präsentiert sein Mobiltelefon GSM 1011 auf der Internationalen Funkausstellung 1993.
(Bild: IFA)
Seit über einem Jahrhundert stellt die IFA (stand früher für „Internationale Funkausstellung“, steht seit 2022 für „Innovation Für Alle“) Produktneuheiten und technische Innovationen vor. Hersteller feiern im Rahmen der Messe immer noch Premieren, wenngleich ihr nachgesagt wird, dass die Zeiten vorbei seien, in denen neue Technologien erstmalig auf der IFA gezeigt werden.
Das lässt sich rückblickend leicht sagen. Schließlich ist die lange Geschichte der IFA mit Highlights gespickt, die erstmalig auf der Messe gezeigt wurden. Daneben gab es aber auch vieles zu sehen, das nur von kurzer Lebensdauer war. Oder wissen Sie, was unter Kunstkopf-Stereophonie zu verstehen ist?
Aller Anfang ist aus Holz – und kalt
Der Startschuss fiel am 4. Dezember 1924. Eigentlich sollte die „Große Deutsche Funk-Ausstellung“ ihre Pforten bereits im September öffnen, aber die Veranstalter wollten die Messe in einem Holzbau präsentieren, um Störungen bei den Radioübertragungen zu vermeiden. Die Fertigstellung des „Hauses der Funkindustrie“ zog sich allerdings hin, sodass die Funkausstellung erst im Dezember stattfand.
Schon damals war die Ausstellung auf dem Berliner Messegelände beheimatet. Auf etwa 7.000 Quadratmetern stellten 242 Unternehmen ihre Produkte vor. Das Interesse war groß. Bis zum 14. Dezember 1924 bewunderten zwischen 170.000 und 180.000 Besucher unter anderem neben den bereits bekannten Detektorradios mit Kopfhörern die neuen Modelle mit Elektronenröhren.
Radio findet immer mehr Hörer
Bei der „3. Großen Deutschen Funk-Ausstellung“ wurde der Funkturm eingeweiht, den die Berliner wegen seiner Länge von 138 Metern „Langer Lulatsch“ nennen und der seitdem eines der Wahrzeichen der Stadt ist. Radios wurden für die Bevölkerung immer erschwinglicher und auch in der Bedienung einfacher.
Vor allem die Einführung von Lautsprechern, die die bis dato notwendigen Kopfhörer ablösten, sorgten für steigendes Interesse. So stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer stetig an, wohingegen die der Aussteller und Besucher in den Anfangsjahren schwankte. Im Jahr 1930 präsentierten sich 360 Aussteller, vier Jahre später über 100 weniger. Mal zählte die Ausstellung über 360.000 Besucher, mal nur 175.000.
Dabei gab es große Errungenschaften zu sehen. 1931 stellte Manfred von Ardenne erstmals einen vollelektronischen Fernseher mit Kathodenstrahlröhre vor. Ein Jahr später sahen die Besucher das erste europäische Autoradio. Allerdings wog der Koloss stolze 15 Kilogramm. Das Hauptgerät musste wegen seiner Größe im Kofferraum verstaut werden. Dazu lag der Preis dieser Innovation bei rund einem Drittel dessen, was damals der dazugehörige Kleinwagen kostete.
Volksempfänger wird Verkaufsschlager auf der IFA
Dass die Funkausstellung nicht frei von politischer Einflussnahme war, wurde 1933 deutlich. Vor der 10. Auflage übernahm das Reichspropagandaministerium der Nationalsozialisten die Entscheidungsgewalt über den Rundfunk. Die Produktion billiger Kleinradios startete, um die Nazi-Propaganda in jedes Wohnzimmer zu bringen. Auf der Funkausstellung wurde 1933 der Volksempfänger VE 301 gezeigt. Die Zahl spielt auf den Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten an: Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Der VE 301 kostete 76 Reichsmark. Im Vergleich zu den üblichen Preisen, die zwischen 200 und 400 Reichsmark lagen, würde man den Volksempfänger heute als „Schnapp des Tages“ bezeichnen. So sollen in den ersten zwei Tagen der Funkausstellung auch 100.000 Geräte über den Ladentisch, besser Ausstellertisch, gegangen sein. Wurden 1926 noch 1,4 Millionen Rundfunkteilnehmer gezählt, waren es 1934 bereits fünf und 1937 8,2 Millionen – kein Land in Europa hatte damals mehr Radiohörer als Deutschland.
Die Funkausstellung blieb aber auch ein Ort für technische Innovationen. Radio und Fernsehen wurden in Klang, Ton und Bedienung immer besser, die Geräte erschwinglicher. Es wurden erstmals ein Tonbandgerät oder Schallplattenlaufwerke mit elektrischem Tonabnehmer gezeigt, die man ans Radio anschließen konnte. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 schloss die Funkausstellung ihre Pforten bis 1950.
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Wechselnde Ausstellungsorte, Kassetten und Farbfernsehen
Wegen der politischen Lage in Berlin entschied man sich nach dem Krieg, die Funkausstellung in Düsseldorf wieder aufleben zu lassen. Sie markiert 1950 den Beginn der UKW-Ära. Sogenannte Tonmöbel, Tische oder Schränke mit integriertem Radio bzw. Fernseher, kamen immer mehr in Mode. Zudem wurden Geräte wie das „Tefifon“ vorgestellt, dass anstelle einer Schallplatte eine Schallbandkassette besaß. Das ebenfalls auf der Funkausstellung präsentierte „Optaphon“ gilt als erstes Kassettentonbandgerät der Welt.
1953 und 1955 fand die Funkausstellung ebenfalls in Düsseldorf statt, bevor sie 1957 und 1959 nach Frankfurt am Main wechselte. Ab 1961 kehrte sie nach Berlin zurück. Ein schlechtes Timing, denn im August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die Funkausstellung blieb aber in Berlin. Der große Andrang gab den Veranstaltern recht: Allein in den ersten beiden Tagen kamen 100.000 Besucher aufs Messegelände.
Zwei Jahre später feierte die ARD in einer Jubiläumsausstellung 40 Jahre Rundfunk. Im Rahmen der Funkausstellung wurden zusammen mit dem ZDF über 100 Fernsehveranstaltungen übertragen. Außerdem wurde 1963 ein Produkt vorgestellt, dass die Musikbranche später mit Argwohn betrachtete: die Kompaktkassette. Sie ist quasi der Startschuss für die Privatkopie.
Nach einem erneuten Abstecher 1965 nach Stuttgart kam 1967 in Berlin der große Moment fürs Farbfernsehen. Als der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf den roten Knopf drückte, wurde das Fernsehbild allerdings schon einen Moment vorher in Farben getaucht. Der nervöse Finger eines Mitarbeiters hinter der Bühne hatte dafür gesorgt, dass die Technik schneller war als die Politik.
Die IFA im Wandel der Zeit (15 Bilder)

IFA
)Radio wird mobil, Fernsehen bequem und die IFA international
Nach einer lebhaften Debatte wurde die „Große Deutsche Funkausstellung“ 1971 zur „Internationalen Funkausstellung“ mit Berlin als festem Veranstaltungsort. Hintergrund war die Öffnung für internationale Aussteller – oft gefordert und nun umgesetzt. Während die Musikwiedergabe durch die Einführung des Kofferradios mobil wurde, und Radiogeräte in immer mehr Küchen standen, hatte Fernsehen mit Mobilität noch wenig am Hut. Auf der IFA 1971 schien die Fernsehkomfort-Liege „Futura 2001“ sagen zu wollen: Von wegen mobil – Aufstehen war gestern. Der TV-Zuschauer fläzte sich auf der Couch-ähnlichen Liege unter einer Lampe, genoss die leichte Brise eines integrierten Ventilators und bediente in diesem einteiligen Möbelstück den am Fußende eingebauten Fernseher mit Drucktasten an seiner Seite. Es fehlten eigentlich nur Kühlschrank und Toilette. Ob die „Futura 2001“ von Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ inspiriert wurde, ist nicht überliefert.
Was sich durchsetzt und was keiner will
Doch auch das Fernsehen wurde schließlich mobil. Japanische Hersteller dominierten in den 1970er-Jahren zum Beispiel den Markt für tragbare Fernseher. Die Internationalisierung der IFA offenbarte eben auch den harten Wettbewerb in der Unterhaltungselektronik.
Mit Video- und Kamerarekordern sowie dem Teletext präsentierte die IFA TV-Geräte, die Teil der neu entstehenden Informations- und Speicherwelt sein sollten. Auch das Audiosegment wartete in den 70er-Jahren mit Neuheiten auf: Zweikanalton, High Fidelity, Quadrophonie oder Infrarottechnik für kabellose Kopfhörer (und beim Fernseher für kabellose Fernbedienungen).
Nicht jede Neuentwicklung schaffte es aus den Messehallen heraus auf den Markt. Im Jahr 1975 wurden sogenannte Helmkopfhörer vorgestellt. Sie sahen wie übermäßig breite Bügelkopfhörer aus und sollten dank Kunstkopf-Stereophonie ein 3D-Hörerlebnis erzeugen. Der Mensch ist aber gerade am Kopf sehr empfindlich und macht nicht alle technischen Kapriolen mit. Das erfuhren später auch die Hersteller von Virtual-Reality- und 3DTV-Brillen.
Möge die bessere Technik gewinnen… oder auch nicht
Wettbewerb und Flops waren für die IFA ohnehin nicht neu. Schon immer wurden auf der Funkausstellung konkurrierende Techniken präsentiert, sei es in den Anfängen das mechanische und elektronische Fernsehen, in den 1970er-Jahren die verschiedenen Systeme für den Videorekorder oder Anfang der 2000er-Jahre die DVD-Nachfolgern Blu-ray und HD-DVD.
Nicht immer setzten sich die besten technischen Eigenschaften durch. VHS verdrängte Betamax und VCR, später in Video 2000 umbenannt, nicht etwa wegen der besseren Bildqualität. Das System punktete beim Verbraucher mit der längsten Aufnahmezeit und dem größten Angebot sowohl an VHS-Rekordern als auch an Filmen.
Der Vollständigkeit halber sei hier noch die Laserdisc erwähnt, die allein schon wegen ihres hohen Preises ein Nischenprodukt blieb. Der Laser sollte schließlich an anderer Stelle das Ende einer Ära einläuten: 1981 bestaunten die IFA-Besucher eine kleine silberne Scheibe, die mit einem Laser ausgelesen wurde. Die Compact Disc (CD) verdrängte in den folgenden Jahren die Kassette, die sich aber noch lange für private Aufnahmen großer Beliebtheit erfreute, sowie die Vinylschallplatte, die ihrerseits ihrem Vorgänger aus Schellack zuvor den Garaus machte.
Digitalisierung und Vernetzung setzen ein
Die CD gab den Startschuss für die Entwicklung digitaler Abspieltechnologien und läutete damit eine Ära ein, die dem Silberling wiederum das Ende bringen sollte. Wie viele Innovationen zuvor scheint auch die CD so etwas wie ein Ablaufdatum zu haben. War sie zunächst noch Träger für digitale Daten, wurde sie durch das Audio- und Video-Streaming letztendlich überflüssig.
Die Grundlagen fürs Streaming zeigten Aussteller bereits in den 1980er-Jahren auf der IFA. Die Deutsche Bundespost präsentierte zum Beispiel 1981 das BIGFON: das breitbandige integrierte Glasfaser-Fernmeldeortsnetz. Es war ein Vorläufer für den geplanten Aufbau eines Breitbandglasfaser-Fernmeldenetzes für die gesamte Bundesrepublik.
Daraus wurde allerdings nichts. Als Helmut Kohl 1982 Kanzler wurde, begrub man das Milliarden-Projekt. Die Regierung förderte lieber den Ausbau des Kabelnetzes, mit dem auch die ersten privaten TV-Sender entstanden, von denen sich der CDU-Politiker Kohl einen Gegenpart zum aus seiner Sicht linkspolitisch gefärbten öffentlich-rechtlichen Fernsehen erhoffte.
Fachpublikum diskutiert über neue Arten des Fernsehens
Dass die IFA früh technische Innovationen aufgriff, wurde auch in den begleitenden Fachveranstaltungen deutlich. Bereits 1983 diskutierte man auf der IFA über dreidimensionales Fernsehen (3DTV). Zwei Jahre später standen auch Hochqualitäts-Fernsehen (HQTV), hochauflösendes Fernsehen (HDTV) und mit enhanced TV (eTV) interaktives Fernsehen auf der Agenda.
Derweil klagten viele Aussteller über einen großen Konkurrenzkampf. ARD und ZDF mussten sich etwa mit den neuen Privatsendern auseinandersetzen. Als Folge erhöhten sie ihre IFA-Livepräsenz. Besonders beliebt waren die mittäglichen Übertragungen, bei denen zwei junge Moderatoren von sich reden machten: Günther Jauch und Thomas Gottschalk.
Öffnung in Richtung Telekommunikation und IT
In den 1990er-Jahren widmete sich die IFA vermehrt dem Mobilfunk, auch wenn sie für diese Branche nie die zentrale Veranstaltung werden sollte. Sie blieb vor allem eine Messe der Unterhaltungselektronik und Produktpräsentation. Dennoch stach die 40. Internationale Funkausstellung im Jahr 1995 als Multimedia-Messe hervor, auch wenn sie um einen Tag auf neun verkürzt wurde.
Aus der Kombination von Unterhaltungselektronik, Telekommunikation und Informationstechnologie wurde die Consumer Electronics. Die Digitalisierung beschleunigte diese Verschmelzung. Ohnehin wurde es noch „englischer“, zumindest bei den Begrifflichkeiten: Auf der IFA rückte Home Cinema mit Surround Sound und den ersten Flachbildfernsehern in den Fokus. 1997 wurde der Digitalradiostandard DAB (Digital Audio Broadcasting) vorgestellt.
Das war einmal: DCC, CD-i, Laser-TV
Daneben tummelten sich Produkte wie etwa die Digital Compact Cassette (DCC), die CD interaktiv (CD-i), die Foto-CD, die MiniDisc oder auch das futuristisch klingende Laser-TV. Die IFA war zu keiner Zeit eine ausschließliche Messe der späteren Marktsieger. So dürften nur die wenigsten Besucher und Aussteller geahnt haben, welches Potenzial in dem vom Fraunhofer Institut entwickelten digitalen Audioformat MP3 steckt, als bei der 75. Funkausstellung 1999 die Blicke auf die ersten MP3-Player fielen.
Der Fokus der IFA lag damals auf der Digitalisierung des Fernsehens: kristallklare TV-Bilder, größere Bildschirmdiagonalen, mehr Sender. Und vor allem: Interaktivität. Messebesucher bestaunten Fernseher mit integriertem Internetempfang und Set-Top-Boxen, die das TV-Gerät mit dem World Wide Web verbanden. Zukunftsvisionen über ein interaktives Fernsehen schossen ins Kraut – bis das Platzen der Dotcom-Blase die Rückkehr zur Realität einläutete: Der Rundfunk sollte noch jahrelang genug mit dem Sprung von analoger zu digitaler Übertragung zu tun haben.
TV-Bildschirme werden größer und kleiner
Mit Beginn des neuen Jahrtausends verdrängten Flachbildschirme mit LCD- und Plasma-Technologie ihre Röhren-Brüder von der Ausstellungsfläche der IFA. Die „SlimFit“-Modelle waren das letzte Aufbäumen der Röhrengeräte. Ihre Bautiefe war rund zwei Drittel geringer als die eines traditionellen Röhrenfernsehers. Doch der Kampf war entschieden. Letztendlich sollte auch die Plasma-Technologie, obwohl bei Schwarzwerten und Kontrast LCD überlegen, den Kürzeren ziehen.
Die TV-Bildschirme wurden sowohl größer als auch kleiner. 2005 wurde auf der IFA erstmals eine Übertragung via DVB-H gezeigt. Der Standard war für den Fernsehempfang auf mobile Geräte (Handhelds) ausgelegt – ebenso wie DMB (Digital Multimedia Broadcast), für das auf der Messe gleichfalls Prototypen gezeigt wurden. Es sollte jedoch nie zu einem Regelbetrieb kommen, was auch der Tatsache geschuldet war, dass die Hersteller keine Technik in ihre Geräte einbauen wollten, von der sie sich keine Profite erhofften.
Jährliche IFA mit Haushaltsgeräten
Die Digitalisierung der Unterhaltungselektronik verkürzte die Innovationszyklen, sodass sich die IFA 2006 vom Zweijahresrhythmus verabschiedete und seitdem jährlich stattfindet. Zwei Jahre später folgte die Erweiterung um Haushaltsgeräte. Zur sogenannten braunen Ware der Unterhaltungselektronik gesellte sich nun auch die weiße Ware in Form von Kühlschränken oder Waschmaschinen.
Damit entging die IFA der Gefahr, zur reinen Flachbildschirm-Schau degradiert zu werden. Stattdessen entwickelte sie sich zur Messe für das vernetzte Heim. Schon Ende der 1990er-Jahre wurden auf der Funkausstellung zwar Kühlschränke mit integrierten Bildschirmen vorgestellt. Aber erst mit „Home Appliances@IFA“ erschloss sich die Funkausstellung neue Aussteller und Wachstumsfelder. Sie manifestierte sich zudem beim Elektrofachhandel als Ordermesse.
Die Funkausstellung wird smart
Zum Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends drehte sich viel um 3DTV, auf dessen Durchbruch heute wohl nur noch Singles mit besonders kräftiger Nackenmuskulatur und Seetauglichkeit warten. Die dazugehörigen 3D-Brillen sorgten nicht gerade für ein Gemeinschaftserlebnis vorm Fernseher, waren zu schwer und führten bei einigen Nutzern zu Schwindel und Übelkeit. 3DTV verschwand wieder.
Erfolgreicher lief ab 2010 aber die Verschmelzung von Fernsehen und Internet. Die Consumer Electronics wurden smart. Auf der IFA wurde der HbbTV-Standard (Hybrid Broadcast Broadband TV) vorgestellt, mit dem per Knopfdruck die Mediatheken der TV-Sender auf dem Fernseher erschienen – so er denn auch mit dem Internet verbunden war. Bei entsprechender Bandbreite stand auch dem neuen Streaming nichts mehr im Weg.
Die IFA erweiterte sich um neue Smart-Bereiche: 2015 kam „Fitness & Activity“ für Wearables und Smart Watches hinzu. Ein Jahr später bekamen Smart-Home-Aussteller ihren eigenen Bereich. Seit 2017 zeigen bei „IFA Next“ Startups, Forschungslabors und Unternehmen ihre Innovationen.
Aus der Funkausstellung wird „Innovation für alle“
Im Jahr 2019 wird noch einmal deutlich, dass die IFA immer wieder einen Blick in mögliche Formen der Zukunft und Spektakuläres bietet. Erstmalig wurden 5G-Smartphones gezeigt. Die Besucher erlebten den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI), etwa bei der Bildskalierung auf 8k, bei der Sprachsteuerung oder zur Tonoptimierung. Auch der OLED-TV zum Aufrollen blieb im Gedächtnis.
Wegen der Corona-Pandemie fand 2020 eine abgespeckte und 2021 gar keine IFA statt. Nach dem Neustart 2022 erweiterte sich die Funkausstellung im folgenden Jahr um die Bereiche „Sustainability Village“ und „House of Robots“. 2024 feierte die IFA dann ihren 100. Geburtstag. Seitdem steht das Kürzel für „Innovation Für Alle“ oder auf Englisch: „Innovation for all“.
Große Aussteller reduzieren ihre Standflächen
Diesem Slogan folgen die Kritiker der IFA allerdings nicht. Bei der Neuauflage 2022 fehlte aus der Telekommunikation neben Unternehmen wie Oppo, Xiaomi oder ZTE vor allem die Deutsche Telekom, die zuvor eine komplette Messehalle, teils mit Außengelände, für sich beanspruchte. In den Folgejahren kamen auch Vodafone, Telefónica oder 1&1 nicht mehr nach Berlin. Die Messe verlor an Strahlkraft.
Das mag auch an einem weiteren Kritikpunkt gelegen haben: Die IFA habe ihren Kern verloren, sei thematisch zu breit aufgestellt und zu publikumsorientiert. Große Hersteller wie Panasonic, Philips oder Sony reduzierten beispielsweise 2022 ihre Ausstellungsfläche. Zur Jahrtausendwende war die Kritik noch eine ganz andere: Damals wurde den Veranstaltern vorgeworfen, sich zu sehr auf die Unterhaltungselektronik zu konzentrieren.
Wachstum um das 27-fache
Auch wenn manche wichtige Aussteller sich in den vergangenen Jahren zurückzogen: Seit der ersten „Großen Deutschen Funk-Ausstellung“ ist die Ausstellungsfläche mit über 190.000 Quadratmetern um den Faktor 27 gewachsen. Im vergangenen Jahr präsentierten über 1.900 Aussteller aus 49 Ländern ihre neuesten Produkte in Berlin.
Doch von den Rekorden aus den 1970er-Jahren mit über 600.000 Besuchern ist die IFA weit entfernt. 2025 zählte die Messe 220.000 Besucher. Das liegt aber auch daran, dass die eigentliche Ausstellung nur noch fünf Tage andauert. Zwei vorgeschaltete Medientage bündeln die Produktpremieren der Hersteller.
Reduzierung für weniger Kosten
Bereits 2003 erfolgte eine Reduzierung auf sechs Tage. Seit 2023 ist es noch ein Tag weniger. Der Grund ist unter anderem der globale Trend zu kürzeren Messen. Außerdem werden die Randtage einer Messe häufig schwächer besucht, sodass eine Reduzierung zu geringeren Kosten führen soll. Inzwischen steht fest: Bis mindestens 2034 soll die IFA noch in Berlin bleiben.
So wird unter dem „Langen Lulatsch“ die Zukunft nicht mehr mit einem roten Knopf eingeschaltet. Die großen technischen Durchbrüche halten sich heutzutage nicht mehr an Messetermine. Die IFA mag ihre großen Weltpremieren und Besucherrekorde hinter sich haben. Aber ihre Geschichte erinnert daran, dass Technik nie nur Technik ist. Heute geht es darum, nicht einfach nur Produkte auszustellen, sondern auch zu erklären, welche Technik dahintersteckt – und wer sie kontrolliert.
(Marc Hankmann)