Kernel-Log: Kernel-Vorträge auf dem LinuxTag, IDE-Subsystem Auslaufmodell
Der Kernel-Track bündelt Kernel-Vorträge auf dem LinuxTag; das IDE-Subsystem soll nur mehr gepflegt, aber nicht mehr weiterentwickelt werden; Intel-Entwickler kritisiert Grafik-Benchmarks für Linux.
- Thorsten Leemhuis
Am Freitag dieser Woche findet auf dem LinuxTag im Saal 4 ("Europa I") der Kernel-Track statt, in dem zahlreiche Vorträge rund um den Linux-Kernel gebündelt wurden. Den Einstieg macht um 10 Uhr der bei Linutronix beschäftigte Entwickler Hans-Jürgen Koch, der in "Creating drivers using Userspace I/O (UIO)" den Aufbau und die Programmierung der weitgehend als Userspace-Programm arbeitenden UIO-Treiber erläutert.
Um 11 Uhr setzt der Autor des Kernel-Logs auf heise open und in c't den Kernel-Track mit einem Überblick über aktuelle Entwicklungen des Linux-Kernels fort und ersetzt den ursprünglich für diesen Part vorgesehenen LWN.net-Chef Jonathan Corbet. Der Vortrag wird unter anderem detailliert auf die Neuerungen von Linux 2.6.31 eingehen, die die Kernel-Hacker derzeit im Rahmen des Merge Window in den Hauptentwicklungszweig einpflegen – diese erste und "heiße" Phase im Entwicklungszyklus dürfte Torvalds vermutlich in Kürze mit der Freigabe von 2.6.31-rc1 beenden, da die Veröffentlichung von 2.6.30 am Mittwoch zwei Wochen her ist.
Nach "Demystifying Kernel development" von Wolfram Sang (Pengutronix) und der im Saal "London" stattfindenden Keynote von Glibc-Verwalter Ulrich Drepper ("Of programmers and hardware: transcending the gap") folgt Jan Blunck (Novell) um 15 Uhr mit "State of the Union and when you don't want to use Union Mounts". Wer sich zu den verschiedenen Techniken zu "Union Mounts" vorab informieren möchte, sollte den ersten und zweiten Teil der LWN.net-Artikelserie "Unioning file systems: Implementations" konsultieren. Einen Überblick über das im vergangenes Jahr vorgestellte Framework Ksplice gibt Ksplice-Entwickler Waseem Daher in "Rebootless kernel updates".
Den Abschluss des Tages bildet das "Kernel Kwestioning", in dem einige Kernel-Entwickler auf dem Podium auf Fragen aus dem Publikum eingehen werden.
IDE-Subsystem eingefroren
Der Verwalter der Sparc- und Netzwerk-Unterstützung des Linux-Kernels, David Miller, übernimmt die Betreuung des IDE-Subsystems mit seinen im wesentlichen für Parallel-ATA-Adapter (PATA/IDE) zuständigen Treibern. Er übernimmt den Posten kurzfristig von Bartlomiej Zolnierkiewicz. Auslöser für den Wechsel war eine Diskussion um den Fehlerbericht eines Sparc-Anwenders, der ein Problem mit einem der IDE-Treiber in neueren Kernel-Versionen schilderte. Miller merkte in dem Rahmen an, dass Zolnierkiewicz zahlreiche Änderungen im IDE-Subsystem vorgenommen habe, diese aber wohl nicht (ausreichend) getestet worden seien.
Im Laufe der Diskussion erwiderte Zolnierkiewicz schließlich, dass ihn die ewigen Anfeindungen bezüglich Änderungen im IDE-Subsystem ermüdeten ("I'm really tired of this kind of hostility towards IDE changes[...]"). Zolnierkiewicz bot im folgenden an, dass Miller doch das IDE-Subsystem übernehmen solle. Letzterer willigte sofort ein und setzte auch gleich einen Git-Entwicklerzweig auf. Er und einige andere Entwickler bedankten sich im folgenden bei Zolnierkiewicz für dessen langjährige harte Arbeit. Der bisherige Maintainer stimmte dem Wechsel nochmals explizit zu.
Miller ließ durchblicken, in Zukunft keine größeren Änderungen im IDE-Subsystem vornehmen zu wollen ("I'm going to treat IDE as pure legacy [...]"). Damit dürfte den bei Linux 2.6.19 Ende 2006 aufgenommenen PATA-Treibern im Libata-Subsystem nun endgültig die Zukunft gehören. Einige Entwickler hatten sie ohnehin von Anfang an als Ersatz für die Treiber im älteren und schon seit über einem Jahrzehnt immer wieder für Unfrieden zwischen Kernel-Entwicklern sorgenden IDE-Subsystem gedacht. Zolnierkiewicz hatte das IDE-Subsystem in den vergangenen Monaten und Jahren aber dennoch massiv überarbeitet und auch neue Treiber aufgenommen – aus der erwarteten Ablösung entstand so eine länger anhaltende Konkurrenzsituation.
[Update] Torvalds hat Miller und Zolnierkiewicz gebeten, mit mehr Zeit und Einsatz nach einer (anderen) Lösung zu suchen ("I think you and Bartlomiej should spend a _lot_ more time and effort trying to resolve this"). Beide betonten aber in Antworten nochmal, die Übergabe des Postens als IDE-Subsystem-Maintainer wie angedacht umsetzen zu wollen. (thl, 20090623-0800) [/Update]
Grafik
Rund um Grafik
- Intel- und X.org-Entwickler Carl Worth erklärt in seinem Blog einige Hintergründe zu Geschwindigkeitsmessungen der Grafikausgabe. Wie schon einige Entwickler vor ihm erläutert er dabei erneut, warum glxgears für Geschwindigkeitsmessungen vollkommen ungeeignet sei. Auch die von einigen Hardware-Webseiten häufiger genutzten Ergebnisse von Microbenchmarks wie x11perf und gtkperf hätten kaum Praxisbedeutung. Worth stellt mit dem Programm cairo-perf-trace eine Alternative vor, die für Messungen erheblich besser geeignet sei und die bei der Entwicklung des Intel-Treibers bereits gute Dienste geleistet hätte.
- Peter Hutterer, ein bei Red Hat beschäftigter X.org-Entwickler, gibt in den Blog-Einträgen "XI2 Recipes, Part 1, 2 und 3" einen Überblick über Xinput 2.0 (XI2). Das wurde kürzlich in den Entwicklerzweig des X-Servers von X.org integriert und sollte so den Weg in den X-Server 1.7 finden, der als Bestandteil von X.org 7.5 vorgesehen ist. Einer der Hauptgründe für die Aufnahme von XI2 sei eine bessere Unterstützung für Multi Pointer X (MPX) – den parallelen Betrieb mit mehreren Eingabegeräten wie etwa einem Touchpad und einer Maus.
- Die X-Entwickler haben ihre Pläne für die Freigabe von Version 7.5 erneut angepasst. Anvisiert wird jetzt eine Fertigstellung im August. Eine kürzlich geführte Diskussion bringt ein wenig Licht in die Arbeitsweise der X-Entwickler und macht deutlich, warum es ab und an zu Verzögerungen kommt.
- Bereits Anfang des Monats hat AMD-Entwickler Alex Deucher in seinem Blog dargelegt, welche Stromspartechniken moderne Radeon-Grafikchips beherrschen. Dabei erklärt er, welche dieser Techniken die Linux-Grafiktreiber schon jetzt unterstützen und bei welchen das bald der Fall sein soll.
- GTK-Entwickler Owen Taylor erklärt in seinem Blog, was es alles beim Aktualisieren des Bildes zu beachten gilt.
- Bereits Anfang vergangener Woche hat AMD die Version 9.6 der als Catalyst oder Fglrx bekannten proprietären Linux-Grafiktreiber zum Download freigegeben.
Kernel-Status
- Die Stable-Series ist mittlerweile bei den Versionen 2.6.27.25 und 2.6.29.5 angekommen, die zirka 60 respektive 85 kleinere Änderungen und Fehlerkorrekturen bringen. Wie praktisch immer raten die Entwickler zum Wechsel auf die neuen Versionen, ohne explizit anzugeben, ob Sicherheitslücken geschlossen wurden.
- Willy Tarreau, Betreuer der 2.4er-Kernel-Serie, nimmt seine Aufgaben weiterhin ernst und hat bereits vor mehr als zwei Wochen die Linux-Version 2.4.37.2 veröffentlicht.
Kernel-Log-Staccato
- Christoph Hellwig gibt im XFS Status Update für Mai 2009 einen Überblick über die jüngsten Geschehnisse rund um das Dateisystem XFS
- Der langjährige und seit einiger Zeit bei Atheros beschäftigte Linux-WLAN-Entwickler Luis R. Rodriguez hat in einer Mail die Freigabe des Quellcodes der Firmware für einige Atheros-USB-WLAN-Chips mit Unterstützung für 802.11n bekanntgemacht.
- Pulseaudio-Entwickler Lennart Poettering hat RealtimeKit angekündigt – ein kleines, von zukünftigen Pulseaudio-Versionen genutztes und im Hintergrund arbeitendes Programm, das einzelnen Anwendungen Realtime-Priorität zuweist. Anders als bei existierenden Lösungen rund um die Verwaltung von Echtzeit-Prioritäten für einzelne Anwendungen sollen böswillige Anwender das System mit dem kurz rtkit genannten Daemons nicht zum Stillstand bringen können.
- Die Entwickler des Hplip-Projekts haben die Version 3.9.6 der Hplip-Treiber für Drucker und Multifunktionsgeräte von HP veröffentlicht. Sie bringen unter anderem Unterstützung für eine ganze Reihe von HP-Geräten aus verschiedenen Modellserien. Der CUPS-Treiber "HPCUPS" ist nun der Haupt-Treiber, HPIJS ist aber weiter enthalten. Zur Konfiguration von Druckern mit WLAN-Funktionen liefert HP nun das Programm hp-wificonfig mit.
- Der von Jon Masters gestartete "LKML Summary Podcast" findet sich seit kurzem auf der Webseite kernelpodcast.org; dort finden sich auch die dem Podcast zugrunde liegenden Texte für all jene, die lieber lesen statt hören.
Weitere Hintergründe und Informationen rund um Entwicklungen im Linux-Kernel und dessen Umfeld finden sich in den vorangegangen Ausgaben des Kernel-Logs auf heise open. (thl/heise open) (thl)