Troll-Jäger
In den dunklen Ecken des Internets bedrohen und beschimpfen sogenannte Trolle andere Menschen und hetzen gegen Minderheiten. Recherchegruppen versuchen, die Demagogen zu enttarnen. Gehen sie dabei zu weit?
- Adrian Chen
- Uwe Sievers
In den dunklen Ecken des Internets bedrohen und beschimpfen sogenannte Trolle andere Menschen und hetzen gegen Minderheiten. Recherchegruppen versuchen, die Demagogen zu enttarnen. Gehen sie dabei zu weit?
Warum ausgerechnet Schweden? Das Land gilt nicht nur als Bastion der Liberalität und des Feminismus. Es ist auch eine Art digitales Utopia, Geburtsstätte der Piratenpartei, die das Internet als Quelle der Demokratisierung begreift – ein Mittel, das Frieden und Wohlstand für alle bringen soll. 95 Prozent aller Haushalte in Schweden haben einen Internetanschluss, das ist laut Internationaler Fernmeldeunion die vierthöchste "Internet-Penetrationsrate" der Welt – nach den Falkland-Inseln, Island und Norwegen. Die florierende Software-Industrie brachte Kultmarken wie Spotify und Minecraft hervor. Ausgerechnet dieses Land hat ein eigenes Wort für das Verächtlichmachen, Beschimpfen und Bedrohen von Menschen im Netz geprägt: Näthat – Hass im Internet.
Sozialwissenschaftler nennen dieses Phänomen "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" – die absichtliche, verletzende Herabsetzung von Menschen augrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Subkultur. Natürlich ist dieses Problem nicht nur auf das Internet beschränkt. Aber im Internet scheint der Hass besonders gut zu gedeihen. So schreibt Twitter-Chef Dick Costolo laut dem Online-Dienst "The Verge" in einem Memo: "Wir sind total unfähig, mit Beschimpfungen und Trollen umzugehen, und das schon seit Jahren".
Das Problem zu lösen dürfte aber schwer werden. Denn die Online-Plattform erlaubt ihren Usern, sich hinter frei gewählten Pseudonymen zu verstecken. Beschwert sich ein User über Tweets, wird der Troll-Account zwar gesperrt – der Netzhasser kann sich aber ganz schnell ein neues Pseudonym zulegen. Bleibt die Variante, Tweets mit Beschimpfungen und Drohungen automatisch zu löschen. Der Informatiker Jerry Zhu von der University of Wisconsin-Madison hat solche Filtersysteme entwickelt. Sie greifen aber nicht, wenn der Troll nur implizit droht und beleidigt. "Da stoßen wir gegenwärtig an die Grenze der künstlichen Intelligenz", sagt Zhu.
Im Internet – nicht nur bei Twitter – kommt dazu aber eine ganz spezifische Gruppendynamik: Hass scheint Hass anzuziehen. Trolle treten gern in Rudeln auf. So wurde beispielsweise die Videobloggerin Anita Sarkeesian, die Sexismus in Computerspielen kritisiert, massiv mit Beschimpfungen, Gewalt- und Vergewaltigungsandrohungen bombardiert. Die Juristin Danielle Citron von der University of Maryland nennt das Netz in ihrem neuen Buch "Hate Crimes in Cyberspace" deswegen ein "Schlachtfeld", auf dem die Zukunft der Bürgerrechte entschieden werde.
Der Kampf breitet sich von der Straße ins Netz aus. Ganz offen kämpfen ihn islamistische Extremisten. In ihnen sieht das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) derzeit die „Hauptgefahr“. Und um sie zu beobachten, hat es zusammen mit anderen Behörden in Berlin das „Gemeinsame Internetzentrum“ eingerichtet.
"Viele islamistische Fundamentalisten wollen sich produzieren und verstecken sich nicht“, sagt eine BfV-Sprecherin. Statt Facebook oder Twitter werde WhatsApp genutzt. Das verwendeten sie verstärkt zur Live-Berichterstattung aus Krisenregionen. Dahinter stehe eine neue Form der Propaganda: "Der Trend geht zum live Miterleben."
Doch die weit größere Gruppe im Netz dürfte unerkannt bleiben wollen. Eines der bekanntesten Beispiele der letzten Zeit ist der ehemalige Pegida-Sprecher Lutz Bachmann. In der Öffentlichkeit gab Bachmann gern den besorgten Bürger – Ende Januar veröffentlichte die "Dresdner Morgenpost" Auszüge aus einem privaten Facebook-Chat, in dem Bachmann Asylbewerber als "Dreckspack" und "Gelumpe" bezeichnete, und ein Foto, das den Pegida-Mitgründer in Hitler-Aufmachung zeigt. Wenig später trat Bachmann als Sprecher von Pegida zurück.
Hacker wollen Fälle wie diese systematisch ans Licht zerren. In kaum einem Land sind sie so aktiv wie derzeit in Schweden. Ein Team freiwilliger Online-Ermittler namens "Researchgruppen" folgt dort den Datenspuren anonymer Internet-Störenfriede und enttarnt sie. Bei ihrer bisher größten Trolljagd wertete Researchgruppen den Kommentarbereich der rechtsgerichteten Online-Publikation Avpixlat aus und destillierte daraus eine riesige Datenbank mit Inhalten und User-Informationen. Ausgehend von diesen Daten gelang es, die eifrigsten Kommentatoren zu identifizieren.
Das Kollektiv reichte die Liste weiter an "Expressen", eine der beiden großen Boulevardzeitungen Schwedens. Im Dezember 2013 deckte "Expressen" in einer Serie von Titelgeschichten auf, dass Dutzende prominenter Mitbürger – darunter Politiker und Funktionäre der aufstrebenden Rechtspartei "Sverigedemokraterna" – rassistische, sexistische und anderweitig hetzerische Kommentare anonym gepostet hatten.
Es war eine der größten Sensationsmeldungen des Jahres, denn die Schwedendemokraten hatten seit Längerem versucht, sich von ihren Neonazi-Wurzeln zu distanzieren, indem sie den publizistisch gefälligeren "Schutz der schwedischen Kultur" propagierten. Doch nun hatten Mitglieder und Unterstützer den Holocaust heruntergespielt und muslimische Einwanderer als "Heuschrecken" diffamiert. Eine Reihe von Politikern und Funktionären musste zurücktreten.
Martin Fredriksson ist Mitbegründer von Researchgruppen und de facto ihr Anführer. Er ist ein schlaksiger 34-Jähriger mit kurz geschorenen Haaren und einem leisen, aber energischen Auftreten. Lediglich seine gelegentlichen Ausbrüche auf Twitter deuten auf eine Vergangenheit als militanter Anti-Rassismus-Aktivist hin. Seine Jugend fiel mit dem Aufstieg der Neonazi-Bewegung in den 1990er-Jahren zusammen – er stand als Punk-Rocker auf der anderen Seite.
In Fredrikssons südschwedischer Heimatstadt gerieten er und seine Freunde immer wieder mit einer Bande von Skinheads aneinander. "Ich war politisch sehr interessiert. Ich fasste einen Entschluss: Wenn ich mich mit Politik beschäftigen wollte, dann sollte es gegen die Nazi-Bedrohung gehen", sagt er. Er schloss sich der umstrittenen Linksgruppe Antifascistisk Aktion (AFA) an, die offen den Einsatz von Gewalt gegen Neonazis befürwortet. 2006 wurde er zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil er während eines Kampfes zwischen Neonazis und Antirassisten einen Mann verprügelt haben soll. "Er sagte, ich sei es gewesen. Das stimmt zwar nicht, aber ich hätte es sein können", sagt Fredriksson. Er kam schließlich zu der Auffassung, dass Gewalt falsch sei, sagt er; heute sei Information seine Waffe, nicht die Fäuste.
Wegen ihrer antirassistischen Arbeit gerieten Fredriksson und sein Freund Mathias Wåg jedoch zunächst selbst in das Visier militanter Neonazis – was letztendlich zur Gründung der Recherchegruppe führte. 2005 erfuhren die beiden, dass eine anonyme Person Informationen über Wåg von der Regierung angefordert hatte. Als Antwortadresse verwendete der Antragsteller ein Postfach in Stockholm. Daher blieb seine Identität zunächst im Dunkeln. Doch im darauffolgenden Jahr erhielten Fredriksson und Wåg eine Ausgabe einer Gefängniszeitschrift, in der ein Neonazi namens Hampus Hellekant inserierte, der für den Mord
an einem Gewerkschaftsfunktionär einsaß – unter derselben Postfachadresse.
Nachdem Hellekant 2007 freikam, tauchten pseudonyme Anfragen nach Informationen über Wåg und andere linke Aktivisten in Neonazi-Foren und -Websites auf. Drei Jahre lang verfolgten Fredriksson und einige gleichgesinnte Ermittler jeden Schritt Hellekants, online und offline. "Er fungierte mehr oder weniger als Nachrichtendienst der Nazi-Bewegung", sagt Fredriksson. Ihre Spionageabwehr-Operation baute auf eine Mischung aus traditionellen journalistischen Techniken und innovativer Datenanalyse.
Ein unerwarteter Durchbruch ergab sich aus Hellekants Angewohnheit, sein Auto in ganz Stockholm illegal zu parken. Fredrikssons Team forderte die Knöllchen-Datensätze von der Stadtverwaltung an. Es gelang ihnen, den Standort des Autos an bestimmten Tagen mit Uhrzeit und GPS-Metadaten von Bilddateien in Verbindung zu bringen, die Hellekant unter Pseudonym gepostet hatte. 2009 verkauften sie die Geschichte an eine linke Zeitung – und Researchgruppen war geboren.
Seinen Lebensunterhalt verdient Fredriksson mit Piscatus, einer Agentur, die Dokumente der öffentlichen Verwaltung für Journalisten beschafft. Dort sitzt er in einem winzigen Ein-Raum-Büro, beugt sich über die zwei Bildschirme seines Computers und loggt sich in das gruppeninterne Intranet ein. Er hatte es zur Koordination der Arbeit bei der Entlarvung der Avpixlat-Nutzer eingerichtet. Denn die Gruppe arbeitet meist dezentral. Sie hat derzeit zehn Mitglieder, alles Freiwillige, darunter ein Doktorand der Psychologie, ein paar Journalismus-Studenten, ein Grundschul-Bibliothekar, ein Autor einer Online-IT-Publikation und der Portier eines Krankenhauses.
"Ich mag es, Steine aufzuheben und zu sehen, was darunter liegt", sagt Fredriksson. "Ich mag die Freiheit, mich mit allem zu befassen, was mich interessiert." Avpixlat ist eine einflussreiche Stimme in Schwedens wachsender rechtspopulistischer Bewegung, die von der fremdenfeindlichen Panik getrieben wird, muslimische Einwanderer und Roma zerstörten das Land. Die Seite fixiert sich auf Geschichten über Vergewaltigungen und Morde durch Einwanderer, die nach ihrer Lesart durch das liberale Establishment vertuscht werden. Die Kommentare auf der Seite sind anonymisiert – alles, was man sehen kann, sind die Usernamen der Forumsteilnehmer.
Die Seite, und vor allem ihre kaum moderierte Kommentarfunktion, ist berüchtigter Ausgangspunkt wütender Online-Mobs. Fredrikssons Idee war es nun, mithilfe einer Datenbank aus Avpixlat-Kommentaren zu untersuchen, wie solche Cyber-Mobs sich mobilisieren. Avpixlat verwendet die beliebte Kommentar-Plattform Disqus, die auch Mainstream-Publikationen in Schweden und in der ganzen Welt einsetzen. Fredriksson hackte ein einfaches Skript zusammen und sammelte Avpixlat-Kommentare via Disqus’ öffentlicher API (eine Schnittstelle, über die Anwendungsprogramme automatisch Daten mit einem Server austauschen können).
Beim Aufbau der Datenbank bemerkte er jedoch etwas Seltsames: Zusammen mit jedem Benutzerpseudonym und den dazugehörigen Kommentaren erhielt er eine verschlüsselte Zeichenkette. Fredriksson erkannte sie als Ergebnis einer beliebten kryptografischen Funktion namens MD5-Hash.
Er hatte die kryptografischen Fingerabdrücke gefunden, die mit den Mail-Adressen der Avpixlat-Kommentatoren verbunden waren. Er konnte zwar nur die Hash-Werte sehen, nicht die zugehörigen Mail-Adressen. Doch er wusste: Würde er die Hash-Funktion auf eine Liste bekannter E-Mail-Adressen anwenden und die Ergebnisse mit den Hash-Werten in seiner Datenbank vergleichen, könnte er die Mail-Adressen herausfinden. "Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich über etwas gestolpert war, woran die Zeitungen sehr interessiert wären", sagt er.
Fredriksson hatte tatsächlich eine Möglichkeit gefunden, eine grundlegende Frage zu beantworten: Wer sind die realen Personen hinter Avpixlats hasserfüllten Kommentaren? "Das war die große Unbekannte seit vielen Jahren", sagt er. "Dieser riesige weiße Fleck auf der Landkarte, den wir plötzlich ausfüllen konnten."
Zur Enttarnung der Avpixlat-Nutzer benötigte Researchgruppen nun also Listen mit E-Mail-Adressen, um sie mit der Datenbank abzugleichen. Besonders interessant waren Personen des öffentlichen Lebens, deren Mitwirken an einer rassistischen, rechtsradikalen Seite berichtenswert wäre. Schwedens liberale Informationsfreiheitsgesetze erwiesen sich in diesem Fall als Hilfe von unschätzbarem Wert. Researchgruppen reichte Informationsanfragen ein und sammelte Tausende E-Mail-Kontakte von Parlamentariern, Richtern und Regierungsbeamten. Insgesamt brachte Researchgruppen über 200 Millionen Adressen gegen die Avpixlat-Datenbank mit ihren 55.000 Konten in Stellung.
Zehn Monate arbeitete sich die Gruppe durch die Daten und identifizierte schließlich rund 6.000 Kommentatoren. Von ihnen wurden zwar nur eine Handvoll jemals öffentlich genannt. Das jedoch reicht für einen Skandal völlig aus. Nachdem die Untersuchung schon ein paar Monate im Gange war, sprach Fredriksson die Zeitung "Expressen" an, deren investigative Berichterstattung über schwedische Rechtsextreme er bewunderte. Die Zeitung kaufte die Story.
Als die Geschichte herauskam, entzündete sie einen Feuersturm. Wütende Internetnutzer sahen die Enthüllungen als Angriff auf die Meinungsfreiheit und verbreiteten als Retourkutsche Privatadressen der Researchgruppen-Mitglieder – eine bevorzugte Taktik der Online-Einschüchterung, bekannt als "doxxing".
Ein Mitglied namens My Vingren zog aus ihrer Wohnung aus, nachdem sie mitten in der Nacht Besuch von fremden Männern erhalten hatte. Die Adresse von Fredrikssons Eltern wurde in Umlauf gebracht. Eine Debatte über die ethischen Aspekte des Projekts tobte, und selbst politische Gegner der Schwedendemokraten äußerten Vorbehalte. Besonders ungeheuerlich fanden einige Kritiker, dass zwar viele der Bloßgestellten Politiker waren, einige jedoch Privatpersonen, darunter Geschäftsleute und ein Professor.
Doch der Aktivist steht zu Researchgruppens Arbeit an der Datenbank. "Es gibt legitime Gründe für Anonymität", sagt er. Anonymität sei allerdings nicht schützenswert, wenn sie zur Verbreitung von Hass dient. "Ich halte das Internet für eine wunderbare Sache und werde persönlich sauer, wenn einige Leute es missbrauchen."
Researchgruppen ging aus der Aufregung leicht geschockt, aber auch stolz hervor, mit einem neu gewonnenen Ruf als seriöse journalistische Kraft. Ein paar Monate später verlieh der schwedische Verband Investigativer Journalisten der Gruppe und der Zeitung eine Auszeichnung.
Aber wie zweischneidig der Kampf von Researchgruppen ist, zeigt ihr nächstes Projekt. Es basiert auf einer riesigen Datenbank, die zu Flashback gehört, Schwedens größtem Internet-Forum. Deren Nutzer reden nicht in erster Linie über ihren Hass auf Migranten (obwohl das einige tun), sondern über ihr Liebesleben, Videospiele, Kochen, Politik, Drogenkonsum, das gesamte Spektrum menschlicher Interessen. Im vergangenen Sommer löste Fredriksson einen Online-Aufschrei aus, als jemand auf Twitter fragte, ob Researchgruppen die Flashback-Datenbank habe – und er das bejahte. Auf die Frage nach dem Warum antwortete er brüsk: "Weil wir es können."
Sein Tweet war auch innerhalb von Researchgruppen umstritten, und Fredriksson versuchte später klarzustellen, das Team werde die Datenbank nach Netzhass durchforsten. Doch viele Flashback-Nutzer schienen nicht besänftigt.
"Researchgruppen hat geprahlt, Informationen zu haben, die private Geheimnisse verletzlicher Menschen gefährden", sagt Jack Werner, ein Journalist, der für die schwedische Tageszeitung "Metro" über Online-Kultur schreibt und langjähriger Flashback-Anwender ist. "Es war nicht sehr ethisch, sondern ungehobelt und kindisch." Anna Troberg, Vorsitzende der schwedischen Piratenpartei, nannte Researchgruppen gar eine "Bürgerwehr".
Am 9. Februar veröffentlichte "Aftonbladet" die erste Flashback-Enthüllung: Ein Facharzt in einem „großen schwedischen Krankenhaus“ hat "Tausende von Kommentaren" auf Flashback veröffentlicht, viele davon rassistisch und beleidigend. Über eine Patientin, die ein Kind aus Afrika adoptieren wollte, schrieb er etwa, das sei "bestimmt nur ein hübsches Accessoire", aber die Frau habe nicht daran gedacht, dass man „zwar einen Neger aus dem Dschungel holen kann, nicht aber den Dschungel aus dem Neger". Den Namen des Arztes hat "Aftonbladet" allerdings nicht veröffentlicht – "mit Rücksicht auf seine Familie".
Fredriksson versichert, Flashback-User könnten sicher sein, dass Researchgruppen nicht daran interessiert sei, medizinische Probleme bloßzustellen. "Wer über Sex, Drogen oder Gesundheit postet, ist unwichtig für uns", sagt er. "Schreibt aber jemand in anderen Bereichen von Flashback und verleumdet dabei Menschen? Das ist interessant, darum kümmern wir uns."
Wer aber kontrolliert die selbst ernannten Kontrolleure? Das Beispiel zeigt, wie nah beieinander die Vor- und Nachteile der Anonymität im Internet liegen. Ethische Gründe, sie zu bekämpfen, können sich rasch ins Gegenteil verkehren. Die meisten Schweden sehen Netzhass als unliebsame, aber unvermeidliche Nebenwirkung der Redefreiheit. Gesetzesinitiativen gegen Online-Mobbing treffen unweigerlich auf den Widerstand von Redefreiheits- und Internet-Aktivisten.
Hinzu kommen Schwedens Informationsfreiheitsgesetze, die leichten Zugang zu persönlichen Informationen über fast jedermann garantieren, einschließlich der zehnstelligen Personennummer, der Adresse und sogar des zu versteuernden Einkommens. Online-Belästigungen werden dadurch schnell besonders aufdringlich. Die Regierung verbreitet öffentlich Informationen, die außerhalb Skandinaviens nicht erhältlich wären, sagt Mårten Schultz, Juraprofessor an der Universität Stockholm. "Der Schutz der Privatsphäre ist außergewöhnlich schwach ausgeprägt."
Tatsächlich sind die Bürger in Schweden transparenter als in den meisten anderen europäischen Ländern. Über Webseiten von Auskunftsbüros wie Ratsit.se kann jeder zahlreiche persönliche Daten von Einwohnern abfragen. Eventuelle Straftaten seiner Nachbarn bekommt man über Lexbase.se heraus. Das schwedische Troll-Recherchekollektiv konnte daher sehr einfach an Falschparker- und Steuerinformationen gelangen.
Vor solchen Ausspähungen sind die Bundesbürger durch das Datenschutzgesetz geschützt – das gilt auch für Extremisten. Zudem wahrt das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung auch die Anonymität im Netz. Der Bundesgerichtshof hat dieses Recht im Internet vergangenes Jahr mit einem Urteil gestärkt.
Folglich sind Trolljäger wie in Schweden bei uns nicht legal denkbar. Doch auch hier werden anonyme Neonazis enttarnt. Im November 2014 beispielsweise begann in Rostock ein Prozess gegen die mutmaßlichen Betreiber des größten Neonazi-Forums, Thiazi.net. Die auf Servern in den USA laufende Plattform hatte über 30.000 Mitglieder. Allein die Verlesung der Anklageschrift dauerte mehrere Tage.
Unter den Angeklagten befindet sich eine Erzieherin aus Brandenburg mit CDU-Karriere. Auch der Pflegeleiter einer psychiatrischen Station gehört dazu. Er schrieb mehrere Fachbücher und unterrichtete nebenbei nicht nur an einem Berufskolleg, sondern auch bei der Polizei. Die Angeklagten führten ein Doppelleben und ließen im Alltag ihre Gesinnung nicht erkennen.
Enttarnt wurden sie und andere 2010, weil Aktivisten ihr Forum gehackt hatten, unabhängig von den Ermittlungen der Polizei. Die bekannt gewordenen Informationen ergaben umfassende Lebensläufe von Neonazis, einschließlich Details wie Einkommensverhältnisse: "Er lebt von staatlicher Unterstützung, seinen Abgeordneten-Bezügen und dem Verkauf von Zinnfiguren und Militaria-Devotionalien über seinen eBay-
Account", heißt es im Szene-Blog Indymedia Linksunten.
Während die Urheber solcher "Outings" selbst unerkannt bleiben wollen, engagieren sich andere Initiativen offen und legal gegen Rechtsextremismus im Netz. Felix Hansen und Frank Metzger zum Beispiel arbeiten für das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin, kurz Apabiz. In einer alten Kreuzberger Fabriketage, hinter einer gepanzerten Stahltür, hat der Verein eine umfangreiche Sammlung von Propagandamaterial und historischer Literatur zusammengetragen. Es sieht aus wie in einer Bibliothek, in den Gängen zwischen den Regalen stapeln sich alte Zeitungen und angestaubte Bücher.
Bereits seit 25 Jahren sammelt Apabiz alles zu rechtsextremen Milieus nach 1945 – mittlerweile gehören dazu auch etliche Facebook- und Webseiten. An einem langen Tisch aus Massivholz sitzen Metzger und Hansen und erzählen von ihrer Arbeit. "Wir recherchieren, wie verschiedene rechte Gruppen miteinander verbunden sind und wer dort aktiv ist", sagt Metzger. Man beschränke sich aus rechtlichen Gründen auf offene Profile. Persönliche Daten ins Netz zu stellen, sei rechtlich nicht haltbar. Doch was an Daten da ist, wird genutzt. So analysierte das Apabiz beispielsweise eine Liste von 11.000 Kunden rechtsradikaler Online-Händler, die Hacker zwischen 2005 und 2011 beschafft hatten.
Die Extremisten tummeln sich aber längst nicht mehr nur auf einschlägigen Webseiten, sondern nutzen auch die sozialen Medien – und das ziemlich strategisch, wie bereits ein Beispiel aus dem Jahr 2012 zeigt: Schwarz gekleidet und mit weißen Masken vor dem Gesicht, verhüllt mit Kapuzen und Fackeln in der Hand zogen Neonazis durch Bautzen und filmten sich selbst.
Die Menschenmassen im musikunterlegten Video täuschen: Nicht einmal 200 sollen es gewesen sein. Der inszenierte Fackelumzug fand mitten in der Nacht statt und dauerte weniger als 20 Minuten. Als die von besorgten Bürgern alarmierte Polizei eintraf, war der Spuk schon vorbei. "Die haben das nur gemacht, um ein Video fürs Netz zu produzieren", sagt Johannes Baldauf, der für die Amadeu Antonio Stiftung arbeitet und mit einem Team die Netzaktivitäten von Neonazis beobachtet.
Das Team von Baldauf setzt bei seiner Arbeit neben der manuellen Recherche auch auf Fanpage-Karma, ein Tool, das eigentlich für Marketingzwecke in sozialen Netzwerken entwickelt wurde. Natürlich könne man mit falschen Pseudonymen in geschlossene Benutzergruppen hineingehen, sagt Baldauf. Aus rechtlichen Gründen beschränke man sich jedoch auf öffentlich zugängliche Informationen.
Außerdem seien Personen zweitrangig, weil deren Aktionen schnell von anderen kopiert würden. "Uns interessieren primär Phänomene und Entwicklungen sowie die angewandten Strategien", erklärt Baldauf. Denn die Szene verändert sich ständig. Die neue Rechte gibt sich betont harmlos, nutze populäre Themen wie Kinderschutz, Tierschutz oder Umweltschutz und verwendet tunlichst keine NS-Symbole. "Sie lernen von der linken Szene sowie von Occupy oder Anonymous", sagt Baldauf. "Man will nicht mehr die Szene ansprechen, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft."
Aktuelle Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft nutze die Szene genauso für ihre Propaganda wie Werbekampagnen, darunter etwa den Song "Supergeil" der Supermarktkette Edeka oder Plakate des Vereins "Gesicht zeigen!". Motive solcher Kampagnen würden gezielt aufgegriffen und für eigene Zwecke verfremdet.
Die Taktik scheint zunehmend Erfolg zu haben, wie die Pegida-Bewegung deutlich gemacht hat. Um deren Sympathisanten zu durchleuchten, hat eine Gruppe aus Dresden deren Facebook-Profile analysiert und im Web aufbereitet. "Pegida ist oder war primär auch ein Facebook- und Medienphänomen", erklärten die anonymen Macher der Seite gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Über 50.000 Nutzerprofile haben sie bisher ausgewertet: Alter, Bildung, Arbeitgeber und vor allem, was den Sympathisanten sonst noch gefällt, stellen sie auf www.Pegida-mag-dich.de dar.
Der Facebook-Anhänger von Pegida ist demnach zwischen 30 und 39 Jahre alt und männlich. Die meisten geben an, selbstständig zu sein. Etliche scheinen bei der Bundeswehr zu arbeiten. Die Angaben zum Bildungsgrad zeigen die TU Dresden und die Universität Leipzig auf den vorderen Plätzen. Viele nennen als Ausbildungsstätte allerdings auch "die Baumschule". Die Aussagekraft der Auswertung ist also mit Vorsicht zu betrachten. Dennoch zeigt sie: Der Kampf um die Bürgerrechte tobt längst nicht mehr nur in geheimen Foren auf ausländischen Servern. Er findet auf Webseiten statt, die fast jeder besucht – und damit in der Mitte der Gesellschaft. (wst)