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Verschwindet die Vernunft?

Fake News, alternative Fakten, gefühlte Wahrheiten – das rationale Denken scheint an Boden zu verlieren. Doch der Eindruck täuscht.

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Verschwindet die Vernunft?

(Bild: Fotomontage Shutterstock)

Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Anton Weste
Inhaltsverzeichnis

Im September 2018 sprach Bundesforschungsministerin Anja Karliczek an der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle davon, dass die Bürger das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren. "Klimaskeptiker, Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker verbreiten ihre Theorien in Windeseile. Populisten nutzen die Chance zu polarisieren", so die Ministerin. "Wissenschaft wird manchmal als 'Lügenwissenschaft' bezeichnet."

In Kommentarspalten und dem öffentlichen Diskurs wird die Rolle von Fakten und Belegen ständig infrage gestellt. Symbol und Zugpferd dieses Stils ist US-Präsident Donald Trump. Der Mann, der den Klimawandel als von den Chinesen erfundenen Hoax bezeichnete, ihm unbequeme Tatsachen als Fake News abkanzelt und seit seinem Amtsantritt mehr als 7600-mal öffentlich die Unwahrheit gesagt hat, wie der Fact Checker der "Washington Post" berichtet. Es sind erodierende Dauerattacken gegen die Vernunft. "Wenn du steif und fest behauptest, der Himmel sei grün, ist dein Ziel nicht, dass ich dir glaube", schrieb die ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband einen Tag nach Trumps Amtseinführung. "Dein Ziel ist, das so lange zu tun, bis ich sage: ,Das ist deine Meinung. Ich habe meine. Niemand kann objektiv sagen, welche Farbe der Himmel hat.' So legitimiert man das offensichtlich Falsche."

Vor 300 Jahren hat uns die Aufklärung die Hinwendung zum rationalen und kritischen Denken gebracht. Sie etablierte die Wissenschaften als bedeutendste Vermittler komplexer Tatsachen. Sollten wir nun tatsächlich wieder Abschied von diesen Errungenschaften nehmen? Ja, lautet die weit verbreitete Antwort. Aber wer sie gibt, verlässt sich genau wie jene, die er kritisiert, auf einen zweifelhaften Ratgeber: sein Gefühl. Repräsentative Umfragen, die regelmäßig die Einstellung der Bevölkerung zur Wissenschaft ermitteln, bestätigen diesen Eindruck nicht. Seit vier Jahrzehnten pendelt der Anteil derer, die in den USA großes Vertrauen in die Wissenschaft haben, um 40 Prozent. Und trotz gedämpfter Erwartungen an eine positive Zukunft durch Forschung gibt es in den letzten Jahren auch in Deutschland keine zunehmende Ablehnung der Wissenschaft.

Bei polarisierenden Themen nähert sich die Öffentlichkeit sogar den Aussagen der Wissenschaft an: Immer weniger zweifeln am menschengemachten Klimawandel, der Evolution oder dem Nutzen von Schutzimpfungen. "Insgesamt hat das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaften seit den Siebzigern nicht abgenommen", sagt der Soziologe Gordon Gauchat von der University of Wisconsin in Milwaukee. Schaut man sich jedoch nicht das große Bild, sondern einzelne gesellschaftliche Gruppierungen an, gibt es Gauchat zufolge Ausnahmen: Konservative und regelmäßige Kirchgänger. Der religiöse Flügel und die aufkommende Neue Rechte sahen wissenschaftliche Erkenntnisse augenscheinlich oft im Widerspruch zur eigenen Doktrin, etwa bei der Evolutionslehre oder der Stammzellenforschung. Die Konservativen nahmen außerdem den akademischen Betrieb zunehmend als von Linksintellektuellen beherrscht wahr. So verlor er für sie seine Glaubwürdigkeit als neutrale Instanz.

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Der Anteil der Befragten des General Social Survey, die "großes Vertrauen in die wissenschaftliche Gemeinschaft" ausdrücken, pendelt seit den Siebzigern um 40 Prozent.
(Bild: General Society Survey
)

"Wer politisch konservativ ist, äußert häufiger Zweifel am Klimawandel, Religiöse sind häufiger Impfskeptiker, und Zweifel an der Sicherheit genveränderter Nahrung geht oft mit geringen Kenntnissen über Wissenschaft einher", bestätigt Bastiaan Rutjens von der Universität Amsterdam. Dabei kann es zu erstaunlichen Konstellationen kommen, wie der Psychologe bei der Untersuchung von Subgruppen herausgearbeitet hat. Wer mit Forschern beim Klimawandel übereinstimmt, kann dennoch ein Impfskeptiker sein. Menschen können die Wissenschaft im Allgemeinen wertschätzen, aber gleichzeitig einzelne ihrer Erkenntnisse ablehnen. Um Wissenschaftsskeptizismus zu bekämpfen, müsse man diese vielfältigen Ausprägungen und Gründe verstehen, sagt Rutjens. Gerade der Einfluss von Religiosität auf Wissenschaftsskeptizismus sei seltsamerweise bislang nur wenig erforscht.

Zahlreiche Hinweise gibt es hingegen zum Einfluss der politischen Polarisierung in einem Land. Je stärker sie ist, umso vehementer verteidigen die Menschen ihre jeweiligen Glaubenssätze. Ein Beispiel dafür ist die Haltung zum Klimawandel unter Anhängern der Demokraten und Republikaner in den USA. Demokraten stimmen laut Umfragen auf breiter Front zu, dass der Klimawandel stattfindet. Diese Zustimmung fällt umso größer aus, je umfangreicher ihre wissenschaftlichen Kenntnisse sind. Republikaner lehnen das Konzept des Klimawandels dagegen mehrheitlich ab, ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Kompetenz. Sie wären durchaus fähig, die Hintergründe zu verstehen, verleugnen sie aber aus Parteilichkeit. "Die meisten Menschen haben keinen Grund, eine Position zum Klimawandel einzunehmen, abgesehen vom Ausdruck ihrer Identität", sagt Dan Kahan, Professor für Recht und Psychologie an der Yale Law School.

"Das sind nur Ausweise für die Mitgliedschaft in diesen Gruppen, und entsprechend verarbeiten die meisten Menschen die Informationen." Eine wissenschaftliche Frage wird zur Identitätsfrage – hat also eigentlich nicht mehr viel mit dem Vertrauen in Forscher oder Forschungsinstitutionen zu tun. Wie ein Trikot tragen Menschen ihre Einstellungen zur Schau, um die Unterstützung für ein Team zu zeigen. Äußern sie andere Ansichten als die Gruppe, riskieren sie den Ausschluss und damit die soziale Unterstützung. Das führt zu einer Informationsparteilichkeit: Berichte, die die Ansichten der eigenen Gruppe stützen, werden großzügig aufgenommen und weiterverbreitet.

Gegenteilige Belege werden in Zweifel gezogen und verächtlich gemacht. Dabei nehmen sie für sich selbst jeweils in Anspruch, mit den Fakten konform zu gehen. "Die Menschen auf beiden Seiten des Themas denken, dass die Wissenschaft auf ihrer Seite ist", sagt Kahan. "Es ist wie bei Nationen, die Krieg gegeneinander führen und jeweils denken, dass Gott mit ihnen ist und die andere Seite gottlos ist." Die USA waren schon vor Trumps Amtsantritt politisch so stark entzweit wie seit 1897 nicht mehr, wenn man Studien des PEW Research Centers und Analysen des Abstimmungsverhaltens im Kongress folgt. Und dass in der europäischen Öffentlich-keit derzeit besonders harmonische Zeiten herrschen, lässt sich auch nicht sagen.

Ihre massive Außenwirkung entfaltete diese Dynamik aber erst mit dem Aufkommen neuer Medien. Auch früher gelangten Unwahrheiten und Falschaussagen an die Öffentlichkeit. Aber sie hatten es schwerer. Mittlerweile erlaubt es die Digitalisierung jedem Nutzer, Inhalte mit wenigen Klicks ungeprüft auf Facebook oder YouTube hochzuladen. Dank Suchmaschinen findet jeder noch so abwegige Gedanke eine Bestätigung irgendwo im Netz. Die Algorithmen sozialer Netzwerke führen Gleichgesinnte zusammen und trennen Andersdenkende. Selbst wenn die Zahl der Klimawandelleugner, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker gering ist – ihre Wirkung ist es nicht. Laut Reuters Digital News Report 2018 gaben 45 Prozent der US-Amerikaner an, soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle zu nutzen.

In Deutschland sind es 31 Prozent. Studien haben ergeben, dass sich Fake News auf Twitter und Facebook schneller verbreiten als korrekte Meldungen – und dass sie weit mehr Reichweite erzielen als ihre Richtigstellungen. "Der Aufstieg Trumps ist ein Symptom der Schwäche der Massenmedien und insbesondere ihrer Fähigkeiten, die Grenzen des Sagbaren festzulegen", schrieb schon 2016 die Soziologin Zeynep Tufekci in der "New York Times". "Über Jahrzehnte hinweg waren Journalisten großer Medienunternehmen als Torwächter tätig, die darüber urteilten, welche Ideen öffentlich diskutiert werden konnten und was als zu radikal galt."

Welche kognitiven Verzerrungen dazu führen, dass wir gefühlte Wahrheiten pflegen, ist in der Psychologie gut untersucht. Aber wie kann man überzeugte Anhänger eines nicht wissenschaftlichen Weltbildes zurück auf den Boden der Tatsachen holen? Sie lediglich mit korrigierenden Fakten zu konfrontieren, kann sogar schädlich sein, wie beispielsweise Forscher des Dartmouth College 2014 in einer Studie mit Impfgegnern gezeigt haben. Die Probanden zogen die Fakten in Zweifel, vermuteten dahinter gefälschte Studien von Big Pharma und hielten an ihrer Ablehnung noch stärker fest.

Ob es auch ohne Fakten geht, untersuchten 2015 Forscher um Zachary Horne von der University of Illinois. Sie teilten 315 Impfskeptiker in zwei Gruppen auf. Eine Teilgruppe erhielt nüchterne Informationen zu häufigen Irrtümern über Impfungen und Impfschäden. Einer anderen Teilgruppe wurden teils emotionale Darstellungen der möglichen Folgeschäden von Röteln, Mumps und Masern gezeigt, darunter Bilder kranker Kinder und der Bericht einer Mutter, die den Krankheitsverlauf bei ihrem Kind schildert.

Die mit rationalen Argumenten aufgeklärten Probanden behielten ihre Impfskepsis stärker bei als die Probanden der zweiten Gruppe. Impfskepsis, oft geboren aus Ängsten, lässt sich also mit Gegenangst bekämpfen: Indem man die Risiken unterlassener Impfungen emotional zugäng-lich aufzeigt. Dem wissenschaftlichen Ideal – Ratio statt Gefühl – entspricht diese Methode nicht. Die Aufklärung erreicht eine Grenze. Der Punkt ist nur: Man kann sie überschreiten. Auch nach 300 Jahren ist die Aufklärung eben noch lange nicht abgeschlossen.

(anwe)