Wettlauf um Smart Glasses: Ist Apple schon zu spät?
Apple hat bei künstlicher Intelligenz den Anschluss verloren. Ein ähnlicher Rückstand könnte sich bei Smart Glasses und AR-Brillen wiederholen. Eine Analyse.
Die Sportikonen Kylian Mbappé und Patrick Mahomes mit der neuen Oakley Meta-Brille.
(Bild: Oakley / Meta)
Apple hat es mit der Einführung von Smart Glasses und neuen Vision-Geräten nicht besonders eilig. Das legt eine aktuelle Prognose des Analysten Ming-Chi Kuo nahe. Wird das bewährte Apple-Prinzip, nicht der Erste, sondern der Beste am Markt zu sein, erneut aufgehen, zumal sich Markt und Technologie bei Computerbrillen ohnehin nur langsam entwickeln? Oder riskiert das Unternehmen, wie schon bei Künstlicher Intelligenz, ins Hintertreffen zu geraten?
Laut Ming-Chi Kuos Recherchen wird es erst ab Mitte 2027 neue Computerbrillen von Apple geben. Den Anfang würden Smart Glasses ähnlich der Ray-Ban Meta-Brille machen, gefolgt von einer "Apple Vision Air" im selben Jahr, die deutlich günstiger und leichter werden soll als Apple Vision Pro. Für 2028 plane Apple mit einer ersten vollwertigen AR-Brille sowie einer zweiten Generation der Apple Vision Pro. Das aktuelle Modell soll noch in diesem Jahr ein Prozessor-Upgrade auf den M5-Chip erhalten. Abgesehen davon werde sich nichts an den Spezifikationen ändern, sagt Kuo.
Natürlich kann sich der Analyst irren. Und Apple wird seine Pläne ohnehin im Laufe der Zeit anpassen, je nachdem, wie sich Markt und Technologie entwickeln. Doch wenn Kuos Prognose auch nur annähernd zutrifft, dann treibt Apple das Vorhaben vergleichsweise langsam voran.
Die Konkurrenz bringt sich in Stellung
Das zeigt sich im direkten Vergleich mit der Konkurrenz, allen voran Meta. Das Unternehmen ist seit 2021 mit Ray-Ban Meta-Brillen auf dem Markt und konnte wertvolle Erfahrungen mit der Technik und Zielgruppe sammeln. Ein Wissensvorsprung, den man nicht unterschätzen sollte. Zudem verfolgt Meta einen ehrgeizigen Produktfahrplan.
Diesen Sommer erweitert Meta sein KI-Brillen-Portfolio von Ray-Ban auf die Marke Oakley. Laut Berichten von Bloomberg und CNBC sind zudem weitere Modelle in Zusammenarbeit mit Oakley und Prada geplant. Darüber hinaus verdichten sich die Hinweise, dass Meta im Herbst erstmals Smart Glasses mit integriertem Heads-up-Display auf den Markt bringen wird, gedacht für einfache Anwendungen wie Foto- und Karten-Apps sowie die Anzeige von Smartphone-Benachrichtigungen. Für 2026 ist laut dem Techmagazin The Information bereits die dritte Generation von Metas Smart Glasses geplant. 2027 wiederum soll laut Bloomberg die erste vollwertige AR-Brille erscheinen, eine Fortentwicklung des Orion-Brillenprototyps. Das ist dasselbe Jahr, in dem Kuo Apples erste Smart Glasses erwartet.
(Bild: Ming-Chi Kuo)
Auch von anderen Tech-Größen droht Konkurrenz: Schon ab 2026 könnte Google den Markt mit Smart Glasses überschwemmen, die von verschiedenen Drittherstellern stammen, auf Android XR basieren und mit dem KI-Assistenten Gemini ausgestattet sind. Im selben Jahr plant Snap die Einführung einer AR-Brille für Endverbraucher. Xiaomi testet bereits erste KI-Brillen auf dem chinesischen Markt. Weitere Wettbewerber dürften folgen.
Smart Glasses: Datenschutz- und KI-Falle für Apple
Das neu entfachte Interesse an smarten Brillen geht in weiten Teilen auf Metas Initiative zurück. Mit den Ray-Ban Meta-Brillen hat das Unternehmen gezeigt, dass ein Markt für stylishe KI-Brillen existiert. Mit dem AR-Brillenprototyp Orion hat Meta zudem Hoffnungen geweckt, dass alltagstaugliche AR-Brillen doch noch Realität werden könnten, nachdem andere Unternehmen die Idee angesichts technischer Hürden vorerst aufgegeben haben. Der Innovationsträger war in beiden Fällen Meta, nicht Apple. Ein Signal, das in Cupertino nicht überhört werden dürfte. Denn inzwischen gehört auch Apple zu jenen, die in diesem Bereich zu Meta aufschließen müssen.
Das muss fürs Erste nichts Schlechtes heißen. Apple fühlt sich traditionell wohl in der Rolle des Nachzüglers, der zwar spät auf die Bühne tritt, dafür aber mit ausgereiften Produkten Maßstäbe setzt.
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Auch bei den kommenden Smart Glasses dürfte Apple auf seine altbewährten Trumpfkarten setzen: die tiefe Integration ins eigene Ökosystem und ein reibungsloses Zusammenspiel mit dem iPhone, ein Vorteil, der Metas Smart Glasses womöglich verwehrt bleibt. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Apple darüber hinaus eine nennenswerte Innovation gelingt oder ob das Unternehmen im Kern nur Metas Vorarbeit kopiert.
Apple wird es in jedem Fall nicht leicht haben. Die neue Gerätekategorie bringt Herausforderungen mit sich, die spezifisch für Smart Glasses sind: Brillen, die permanent ihre Umgebung erfassen, lassen sich nur schwer mit Apples selbst proklamierter Datenschutzphilosophie vereinbaren. Hinzu kommt, dass Apple im Bereich Künstlicher Intelligenz hinterherhinkt. Ein Nachteil, der sich bei der nächsten Generation KI-Brillen als entscheidend erweisen könnte.
EssilorLuxottica als Metas größter Vorteil
Ein entscheidender Trumpf Metas gegenüber allen anderen Wettbewerbern ist die langjährige Partnerschaft mit EssilorLuxottica, dem Weltmarktführer für Brillen und optische Produkte, zu dessen Marken unter anderem Ray-Ban, Oakley und Persol gehören.
Diese Partnerschaft zahlt sich in zweifacher Hinsicht aus: Zum einen profitiert Meta vom direkten Zugriff auf jahrzehntelanges Brillen-Know-how sowie auf Marken mit Strahlkraft und Coolness-Faktor, ein Aspekt, der sich bei Smart Glasses als entscheidend erwiesen hat. Zum anderen kann Meta die Kundschaft genau dort abholen, wo sie ohnehin einkauft: in den zahlreichen Brillengeschäften, die EssilorLuxottica weltweit betreibt. Vor diesem Hintergrund könnte sich die Partnerschaft im Rückblick als eine der glücklichsten Fügungen für Metas Smart-Glasses-Geschäft erweisen. Vorausgesetzt, sie bleibt auch künftig exklusiv.
Wird Apple Meta die Partnerschaft mit EssilorLuxottica streitig machen oder wie Google auf kleinere Hersteller wie Gentle Monster, Warby Parker oder Kering ausweichen müssen, die nicht zu EssilorLuxottica gehören? Das zählt zu den spannendsten offenen Fragen in Apples Smart-Glasses-Strategie
Noch einmal anders stellt sich die Lage bei AR-Brillen dar, die technologisch deutlich anspruchsvoller sind als die aktuellen KI-Brillen und das erklärte Endziel von Meta und Apple bilden. Bloomberg berichtete, dass Tim Cook "wild entschlossen" sei, Meta im Wettlauf um die erste marktführende AR-Brille zu schlagen und sich für nichts anderes mehr interessiere. Nur: Eine leichte, alltagstaugliche AR-Brille baut man nicht von heute auf morgen. Die Technik ist noch um ein Vielfaches komplexer als die Entwicklung eines Mixed-Reality-Headsets wie Apple Vision Pro, das selbst bereits als technische Wunderleistung gilt. Nach allem, was bekannt ist, hat Apple deutlich weniger in die Forschung und Entwicklung von AR-Brillen investiert als Meta, das den Löwenanteil seiner Metaverse-Ausgaben, also mehrere Dutzend Milliarden US-Dollar, auf das eigene AR-Projekt konzentriert hat.
Ist Apple zu spät – oder noch zu früh?
Auch wenn Apple derzeit erheblichen Aufholbedarf hat und im Bereich Smart Glasses ins Hintertreffen geraten könnte, bleibt abzuwarten, wie sich der Markt entwickelt.
Meta und EssilorLuxottica haben zwei Millionen Ray-Ban Meta-Brillen verkauft. Das ist ein Achtungserfolg. Jetzt schon von einer breiten Marktnachfrage zu sprechen, wäre jedoch verfrüht. Das gilt umso mehr für AR-Brillen, die bei ihrer Einführung deutlich klobiger und teurer ausfallen dürften und sich erst noch am Markt bewähren müssen. Bis solche Geräte massentauglich sind, dürften noch viele Jahre vergehen. Aus dieser Perspektive ist Apple nicht zu spät dran, sondern womöglich sogar noch viel zu früh. Und wäre gut beraten, Meta und Co. erst einmal weiter forschen und experimentieren zu lassen.
Man könnte argumentieren, dass auch die Apple Vision Pro zu früh kam. Die Miniaturisierung der Technologie ist noch längst nicht so weit fortgeschritten, dass sich ein leichtes und bequemes Mixed-Reality-Headset mit dem Funktionsumfang der Vision Pro bauen ließe. Doch genau das wäre die Voraussetzung für einen breiteren Markterfolg. Ein späterer Einstieg in fünf bis zehn Jahren hätte Apple kaum geschadet.
(tobe)