Klartext: Alarm, Alarm!
Der Feinstaubalarm gehört mittlerweile zu Stuttgart wie das seltsame Bahnhofsprojekt. Er bimmelt vor sich hin, die Politiker reden viel und kommen zu Schlüssen wie "Moos", "feucht wischen" oder "Blaue Zone"
Es ist wieder mal Feinstaubalarm in Benztown. Man solle bitte die Öffis nehmen, die zu diesem Anlass halb so viel kosten wie üblich. Irgendjemand faselt wieder was vom Elektroauto. Mir schwamm jetzt ein Artikel vors Visier, der fünf Jahre alt ist, aber genauso von gestern, morgen, übermorgen oder heute sein könnte. Darin steht, warum die Umweltzonen nichts bringen. Der arme Kassandrist, der das schrieb, hat sicherlich schon vor Gründung der Umweltzonen mit genau denselben Argumenten gewarnt, die genauso wegignoriert wurden wie ein peinlicher Furz einer Very Important Person. Man kann nichts dagegen sagen. Man sagt nichts dafür. Man schaut auf seine Schuhe und oxidiert still vor sich hin, bis die schlimmste Peinlichkeit vergangen ist. Was mit dem Umweltzonenkassandristen geht, funktioniert mit den Zonen selber leider nicht. Die sind hier, um zu bleiben. Obwohl sie wirklich nichts bringen außer Ärger.
Das Grundproblem ist schnell erklärt: Der fiese Feinstaub, der an diesen Stationen gemessen wird, taugt wenig als Messgröße zu Luftreinhaltungsmaßnahmen, die über Motorengesetzgebungen erreicht werden sollen – ganz einfach deshalb, weil Feinstaub zu über 80 Prozent aus der Bewegung der Räder entsteht, aus Gummiabrieb, Aufwirbelung, Bremsstaub. Da schreit wieder ein Politiker danach, dass Pendler sich doch den Kuchen des Elektrofahrzeugs kaufen sollen, wenn man ihnen das giftige Brot des Dieselmotors verbietet. Das zeugt einerseits von völliger Abgehobenheit von der Bevölkerung, andererseits von Hilflosigkeit, denn alle aktuellen Elektroautos rollen genauso auf Reifen wie die TDI-Armada.
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Weniger Feinstaub, mehr Stickoxid
Zusätzlich hat die Politik mit den Umweltzonen maßgeblich zur Stickoxid-Problematik beigetragen. Der Dieselmotor früher rußte. Das wollte man in den Städten nicht mehr, also mussten die Heizölporsches einen Partikelfilter mitbringen zum Einkaufen in der Zone. Diese anders konstruierten Motoren stießen allerdings mehr NOx aus, und wie wir wissen, kriegte man damals noch Temperaturfenster zugelassen, bei denen der Hersteller die NOx-Nachbereitung teilweise schon bei unter 17° C einfach abschaltete. Die Feinstaubwerte gingen also nicht signifikant herunter (denn der moderne Diesel fährt genauso auf Gummi wie ein Elektroauto), dafür gingen die Stickoxidwerte hinauf. Den Minderstaub der Diesel glichen moderne Benziner aus. Die sollen in den nächsten Jahren daher auch mit Filter in die Stadt. Bringen wird auch das nichts.
Jetzt liegen wieder lauter Vorschläge vor. Man solle die Stadt mit mehr Moos verkleiden, denn Moos schluckt Staub. Klingt nach einem verzweifelten Feigenblatt. Lustig die typisch Stuttgarterische Idee, die Straßen öfter feucht zu wischen, wie es schon seit langer Zeit in den Fußgängerzonen passiert. Man könnte natürlich immer verbieten, dass Menschen in die Stadt fahren.
Das Problem dabei: Dann sind diese Menschen halt auch nicht in der Stadt. Sie kaufen nicht ein. Sie arbeiten nicht. Sie gehen nicht aus. Der Grund, dass selbst zum Feinstaubpreis wenige Pendler auf die Öffis umsteigen, liegt ja in deren beschränktem Nutzen für Transportzwecke. Wer glücklich wohnt und passend dazu arbeitet, kann sie sinnvoll benutzen. Der überwiegende Rest bewegt sich trotz Dauerstau im Auto schneller und billiger. Also gab es bisher noch keine Fahrverbote.
Go with the flow
Leider wurde viel zu wenig auf die männliche Kassandra gehört. Wer weniger Schadstoffe bei gegebenem Verkehrsaufkommen möchte, tut gut daran, für Fluss zu sorgen. Man hat nicht nur in Stuttgart das Gefühl, dass hart am Gegenteil gearbeitet wird. Ich möchte ja zum Beispiel selber nicht unnötig Benzin verbrennen. Ich möchte meine Kupplung so selten wie möglich benutzen. Ich rolle lieber, als dass ich stehe. Also achte ich immer auf die Grüne-Welle-Anzeigen. In Stuttgart hat die glaube ich außer mir nie jemand ausprobiert. Wenn man die empfohlenen Geschwindigkeiten genau einstellt, steht man jedes Mal ganz sicher an jeder roten Ampel. Es ist eine rote Welle mit grünen Schildern. Es fällt mir schon schwer, da noch guten Willen zu sehen. Ich achte also immer noch auf sie, nur jetzt eben, um auf keinen Fall das vorgeschlagene Tempo zu fahren, dann passiert man nämlich auch gelegentlich grüne Ampeln.
Es fällt auch immer schwerer, den Alarmen mit dem nötigen Ernst zu begegnen. Mittlerweile hat der Stuttgarter es im Urin, wann wahrscheinlich der Alarm mit Halbpreisöffis kommt: zum Beispiel an kalten Tagen, wenn die Bevölkerung mehr heizt, die Motoren mehr husten, vor allem aber Baustellen öfter stillliegen. Das Argument für Verkehrsfluss ist ja, dass der Ausstoß an Schadstoffen im Stau stark ansteigt. Wenn ich aber sehe, dass genau an den Messstationen von zwei Spuren auf eine mit Stau verdichtet wird, dann nehme ich den Alarm nicht mehr ernst. Wir können uns eigentlich nur in Einem sicher sein: Die Politik wird weiterhin nur aktionistische Zonen in bunten Farben deklarieren, statt für Verkehrsfluss zu sorgen. Der Grund ist gar keine Bosheit, sondern eher irgendwas mit "Un", also Unwillen oder Unfähigkeit. Denn eine Zone kostet fast nichts. Verkehrsfluss dagegen kostet allermindestens Hirnschmalz und Anstrengung. (cgl)