Weiße im Wilden Westen | heise autos

Weiße im Wilden Westen

Die Dauertesterin Honda VFR 800 F befährt die Nordschleife des Nürburgrings. Erinnerungen an vorherige Terroristenfahrten werden wach, entpuppen sich aber als unbegründete Sorgen

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Klartext, Praxistest, Praxistest Honda VFR 800 F
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Inhaltsverzeichnis

Die Sonne steht schon tief über der Eifel. Der Parkplatz füllt sich. Gleich fangen die Terroristenfahrten wieder an. Eigentlich wollten wir mit einem schnellen, neuen Auto auf die Nordschleife, aber das fiel unerwarteterweise aus. Trotzdem: "Wenn ich in der Gegend bin, fahre ich immer auch die Nordschleife", hatte Kollege Sebastian Bauer vorher gesagt. Da musste ich nur kurz überlegen, um mich anzuschließen. Also stehen wir hier, nicht mit einem neuen Auto, sondern mit einem alten Mazda MX-5 und der Honda VFR 800. Das ist mein zweites Mal mit dem Motorrad auf der Nordschleife, mein zweites Mal Touristenfahrten. Mein erstes Mal war voller Mord und Totschlag und Holländer.

Wir schrieben das Jahr des Herrn 2008. KTMs Kutti rief an. Er habe einen Transporter mit zwei neuen KTM RC8 drin, aber dieser Spanier habe ihm kurzfristig alles abgesagt und was ich davon hielte, wenn wir an seiner statt diese zwei Maschinen auf der Nordschleife Gassi führen. Ja, machen wir das doch. Wie Pläne eben entstehen. Wir trafen uns an einem dieser Tage, die den Touristenfahrten ihren Namen "Terroristenfahrten" eingebracht haben. Ständig kippte der Schandkarren teure, absonderlich verformte Objekte aus Aluminium, Stahl, Plastik und Gummi ab. Die Sanis schüttelten die Köpfe über das Verhalten auf der Strecke und wir warteten die meiste Zeit darauf, dass die Strecke wieder freigegeben wurde. War Vollmond? Auf jeden Fall war es gefährlich.

Weiße im Wilden Westen (4 Bilder)

Wenn man in die Eifel fährt, nimmt man von Stuttgart aus am besten einen Sporttourer. Dann kann man nämlich die Nordschleife damit fahren. (Bild: Honda)

Was sagt man einem Nordschleifenneuling? Zuerst war es sehr einfach, denn Kutti konnte ja sagen: "Fahr mir einfach hinterher." Das tat ich. An einer mir unbekannten Stelle, die mir später als "Adenauer Forst" mit warnenden Worten beschrieben werden würde, überholte ein junger Mann auf einer knallgrünen Supersport-Ninja. Der kennt sich aus, der weiß schon, was er tut, dachte ich mir, kurz bevor der Ninja Turtle in der zuziehenden Hundskurve mit viel Anlauf über den Randstein sprang, durch die Wiese furchte und sich danach Grasbollen werfend wieder hinter uns einreihte, auf eine bessere Stelle wartend oder vielleicht auch auf eine Schadensmeldung aus dem Maschinenraum.

Gelbe Flaggen (eine Seltenheit, wie mir später erklärt wurde) wurden geschwenkt, ich glaube, als diese Gruppe Holländer mit mehr Motivation als Orientierung irgendwo einschlug. Riders okay. Glück. Wir fuhren am Parkplatz raus. Eigentlich wollten wir uns besprechen, doch ein Geräusch ließ uns verstummen: sssschhhhh ... Schraube im Hinterreifen. Da wir nur diesen Tag hatten, suchte Kutti einen Reifenhändler und ließ mich mit dem Barmherzigen und seiner Kamera zurück. Der sah mich mit seinen Bernhardineraugen an und sagte mir den einen Tipp: "Auf der Nordschleife, wenn du vorsichtig bist, musst du eigentlich von der Strecke her nur auf eines achten: den Adenauer Forst." Er beschrieb mir dessen Lage, dann ging er, Fotos machen. Ich fuhr also alleine wieder raus.

Ein Mini brannte. Über eine Kuppe kommend konnte ich einen der Holländer sehen. Er stand an der Kurvenaußenseite, winkte mit einem Schraubenschlüssel und gestikulierte auf die Kurveninnenseite. Erst auf dem Kuppenzenith sah man, was er beschreiben wollte: Seine BMW war gestürzt und in der Unart aller Boxer auf dem Zylinderdeckel mit leichtem Kontakt der Reifen ohne Fahrer auf die Kurveninnenseite gefahren, also dorthin, wo Nachkommende den besten Durchgang erwarten. Das klingt alles nach einer ereignisreichen Woche oder einem vollen Tag lang Fahrt. Konkret reichte es jedoch nur für drei oder vier Runden, denn die meiste Zeit war die Strecke wegen Unfall geschlossen. Als ich an diesem Abend den Transporter nach Hause fuhr, sah ich zum Abschied an der B412 einen brennenden Laster stehen. Die Hitze strahlte auf meine Backe und ich dachte: "Das ist insgesamt ganz schön krass hier."

Fast Forward, 2015. Es sind Leute da, aber es ist nicht voll. Wir ziehen Tickets. "Jetzt warten wir ganz in Ruhe, bis der erste Schwung sich verteilt hat", entscheidet Sebastian, der alte Hase. Und dann fahren wir. Die erste Runde erinnert mich an meine letzte Runde mit der RC8, als es im Vergleich zum restlichen Tag wunderbar ruhig wurde in der goldenen Sonne der späten Tageszeit. Ich winke ein Renntaxi durch und kann mich dann in Ruhe mit mir, der Strecke und der VFR beschäftigen. Mist, Bremshebel zu weit nach innen gestellt. Aber keine Boxermotorräderfallen, keine Holländergruppenstürze, keine brennenden Fahrzeuge. Überhaupt kein Unfall. Die bescheuerten Geschwindigkeitsbegrenzungen stehen noch, und entgegen aller Beteuerungen werden sie nun auch bei den ersten gebuchten Veranstaltungen eingefordert – von wegen "nur provisorisch". Sowas muss jedem Rennsportfreund das Herz schwer machen, überhaupt die ganze Mauschelei um den Ring. Kurt Beck war da ja nur die Kirsche auf der Torte, wenn man so will.

Aber genau wegen der ständigen Hiobsbotschaften aus den Nürburgring-Finanzen war so ein erdendes Erlebnis wichtig. Man vergisst sonst schnell, um was es geht. Der Ring hat nichts mit den meisten Immobilienprojekten zu tun, nichts mit einem Parkhaus in Frankfurt, einem Bahnhof in Stuttgart oder einem Flughafen in Berlin. Der Nürburgring nebst seiner Nordschleife ist mehr als Infrastruktur oder Unterhaltung, er ist ein kulturelles Gut, eines der wenigen aus Deutschland, die weltweite Relevanz erreicht haben. Wie jedes gescheite Kulturgut funktioniert er als Bezugspunkt einer Menschengemeinde. Sebastian hat hunderte von Runden auf der Nordschleife verbracht, als er in der Gegend wohnte. Ein paar Stränge seiner Wurzeln werden immer hier im Erdreich stecken oder im Kiesbett. Letztendlich geht es um solche Leute. Sie machen die Szene aus, das Leben am Ring. Vielleicht brauchen wir alle gelegentlich so einen normalen, guten Tag auf der Nordschleife. Vielleicht findet sich dann unter den wohlhabenden Besuchern irgendwie, irgendwo, irgendwann einmal jemand, der den Nürburgring so betreibt, wie er es verdient hätte. (cgl)