Klimakonferenz in Madrid: Anlauf nehmen vor dem entscheidenden Jahr | heise online

Klimakonferenz in Madrid: Anlauf nehmen vor dem entscheidenden Jahr

Die 25. UN-Klimakonferenz mit zweiwöchigen Verhandlungen sei enorm wichtig, mahnen Klimaschützer. Aber worum geht es eigentlich genau?

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Klimakonferenz in Madrid: Anlauf nehmen vor dem entscheidenden Jahr

(Bild: Pixabay)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Teresa Dapp
  • dpa
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Nächstes Jahr, so sagen Klimaforscher, muss die Weltgemeinschaft die Kurve kriegen, um das Schlimmste zu verhindern. Dann muss deutlich mehr gehen als bisher im Kampf gegen die Erderhitzung. Bevor am Montag die 25. UN-Klimakonferenz beginnt, betonen Wissenschaftler, Aktivisten und Politiker: Der entscheidende Sprung 2020 kann nur klappen, wenn die knapp 200 Staaten in Madrid ordentlich Anlauf nehmen. Das Motto des Gipfels: "Tiempo de actuar", auf Deutsch: Zeit zu handeln.

Ein Alleinstellungsmerkmal hat die zweiwöchige Konferenz in Spaniens Hauptstadt mit rund 25.000 erwarteten Teilnehmern schon. Sie wurde in nur einem Monat organisiert, nachdem die chilenische Regierung Ende Oktober wegen der sozialen Proteste im Land abgesagt hatte. Die Bundesregierung ist voll des Lobes für die Spanier, Präsidentin wird aber wie geplant Chiles Umweltministerin Carolina Schmidt.

Vor dem Start des Klimagipfels häufen sich erneut die Hiobsbotschaften der Wissenschaftler für das Erdklima. Noch immer reicht es längst nicht, was die knapp 200 Mitgliedstaaten des Pariser Klimaabkommens planen, um den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen.

Ein Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit ist es im Mittel schon jetzt, in Deutschland seit 1881 sogar 1,5 Grad. Das verändert das Wetter: Hitzewellen und Dürren nehmen zu, Starkregen aber auch. Für Land- und Forstwirtschaft und für die Gesundheit steigen die Risiken, heimische Tier- und Pflanzenarten geraten unter Druck.

2015 ist das historische Klimaabkommen in Paris gelungen. 2018 beschlossen die Staaten im polnischen Kattowitz (Katowice) ein Regelwerk, nach dem nun über Fortschritte im Klimaschutz berichtet werden soll. Und diesmal? Geht es hauptsächlich um drei Themen.

Das Pariser Abkommen sieht vor, dass die Staaten alle fünf Jahre ehrgeizigere nationale Klimaschutzpläne vorlegen. 2020 ist es erstmals so weit. Einige Staaten haben schon im September angekündigt, nachzulegen – 66, wie Rixa Schwarz von Germanwatch erklärt, die aber zusammen nur für 8 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind. G20-Staaten sind noch nicht dabei. Nun soll Druck aufgebaut werden, damit die Regierungen sich einen Ruck geben und die Völker mitziehen. Ehrgeizigere Ziele für das kommende Jahrzehnt, aber auch Langfriststrategien bis 2050 sind gefragt.

Für Deutschland gilt das EU-Klimaziel. Kommissionschefin Ursula von der Leyen will es anheben – sie wird am Montag bei der Eröffnung der Konferenz sprechen. In Deutschland unterstützen unter anderem Außenminister Heiko Maas und Umweltministerin Svenja Schulze (beide SPD) von der Leyen dabei. WWF-Klimachef Michael Schäfer sagt, es wäre ein "extrem wichtiger Schritt", wenn die EU-Staaten während der Konferenz das Ziel festlegten, 2050 unterm Strich keine Treibhausgase mehr auszustoßen.

Im Regelwerk für den globalen Klimaschutz hat Kapitel 6 noch Lücken: Dort soll festgelegt werden, wie mit Klimaschutz gehandelt werden kann. Wenn ein Staat seine Ziele übererfüllt, kann er sozusagen ein CO2-Budget verkaufen – und andere Staaten, bei denen es langsamer geht, können es kaufen. Außerdem können auch Unternehmen, etwa Fluggesellschaften, und andere Akteure Klimaschutz finanzieren und damit ihre Klimabilanz verbessern.

Umweltverbände fürchten, dass dabei Schlupflöcher entstehen, und Staaten lieber Klimaschutz irgendwo "kaufen", statt selbst etwas zu ändern. Jeder Staat müsse zuhause den eigenen Klimaschutz vorantreiben und schneller als bisher geplant aus der Verstromung von Kohle, Öl und Gas aussteigen, fordert etwa der BUND.

Umweltministerin Schulze betont, zentral sei Transparenz und dass nichts doppelt angerechnet werde. Wenn eine Klimaschutzmaßnahme in mehreren Bilanzen auftauche, stimme etwas nicht. Es geht also um die Buchhaltung. Als problematisch gilt in den Verhandlungen vor allem Brasilien – Staatschef Jair Bolsonaro ist für Klimaschützer ohnehin ein rotes Tuch, auch wegen seines Umgangs mit den Amazonas-Bränden.

Bei jeder Klimakonferenz geht es auch um Geld. Die Folgen der Erderhitzung treffen zunächst vor allem ärmere Staaten heftig – und nach Stürmen und anderen Katastrophen kommen sie schwerer wieder auf die Beine. Meist wird über CO2-Sparen und Anpassung an den Klimawandel geredet, aber auch der Umgang mit Schäden und Verlusten ist für viele Länder existenziell wichtig.

Dafür wurde 2013 der sogenannte Warschau-Mechanismus eingerichtet, der dafür sorgen soll, dass Hilfsgelder in diese Länder fließen. Nun wird offiziell überprüft, wie es läuft. Die armen Staaten bekämen an den Finanzmärkten schlechter Kredite, weil sie "klimaverletzlich" seien, kritisiert Sabine Minninger von Brot für die Welt.

Über all das wird in einer komplizierten Lage verhandelt. In Deutschland und anderswo organisieren sich zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Fridays for Future und fordern eine Trendwende – wenn sie es rechtzeitig über den Atlantik schafft, will die Schwedin Greta Thunberg am 6. Dezember in Madrid mitdemonstrieren.

Andererseits stellen nationalistische Regierungen die internationale Zusammenarbeit in Frage, ohne die Klimaschutz nicht funktioniert – und US-Präsident Donald Trump hat den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen in Gang gesetzt. Klimaschützer hoffen, dass der erste Trend die Verhandlungen in Madrid treibt – und der zweite sie nicht bremst.

Vor der Weltklimakonferenz bescheinigt der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech vielen Bürgern, sich über die fatalen umweltschädlichen Folgen ihres Lebensstils selbst zu täuschen. Inmitten der Klagerufe über die Klimakrise wachse ausgerechnet die Nachfrage nach dekadentem Luxus am stärksten, der einen immensen Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase mit sich bringe, sagte der Ökonom von der Universität Siegen der Deutschen Presse-Agentur.

"Das sind Kreuzfahrten, das sind SUVs, das ist der Luftverkehr, die Digitalelektronik und die Nachfrage nach noch mehr Wohnraum." Dies sei reiner Komfort, der sich nicht als Befriedigung essenzieller Grundbedürfnisse rechtfertigen lasse. "Hier offenbart sich die Lebenslüge einer Gesellschaft, deren Mehrheit meint, sie sei klimakompetent, aber lebt wie ökologische Vandalen."

Paech sagte, nötig sei ein radikales Umsteuern, um den Ausstoß von Treibhausgasen schnell drastisch zu senken. Seit Jahrzehnten werde versucht, das Wirtschaftswachstum von Umweltschäden aller Art zu entkoppeln. "Und wir haben nichts, aber auch gar nichts erreicht." Es zähle zu den fatalsten Selbsttäuschungen zu meinen, wir könnten unser Wohlstandsniveau erhalten und gleichzeitig das Nötige tun, um angesichts der drohenden Klimakatastrophe und des massenhaften Artensterbens überlebensfähig zu werden.

Unabdingbar sei daher nun nicht nur eine Wirtschaft ohne Wachstum, sondern ein Rückbauprogramm. Das sei aber kein Marsch in die Askese oder ins Mittelalter, sondern könne verstanden werden als eine Befreiung vom Überfluss, sagte der Wissenschaftler. "Vordringlich ist der Rückbau einer Mobilität, die mit dekadentem Luxus korrespondiert und dabei Massen an Öl verbraucht. Es gibt kein Menschenrecht darauf, eine Kreuzfahrt zu buchen. Es gibt kein Menschenrecht darauf, Urlaub mit dem Flugzeug zu machen." Es existierten aber unendlich viele Möglichkeiten, hier in Europa Urlaub ohne Kerosin zu verbringen.

Weiter sagte Paech, notwendig sei eine "Entrümpelung unserer Lebensstile" und der Aufbau einer Ökonomie, in der die Reparatur und Instandhaltung wieder ein wichtiger Faktor wird. Produkte müssten länger genutzt werden. Damit würde auch der infolge des Onlinehandels enorm gestiegene Güterverkehr eingedämmt, sagte er. Auch die industrielle Landwirtschaft muss nach Paechs Vorstellungen umgebaut werden. "Kleinere, solidarisch bewirtschaftete Ökohöfe könnten für ihre Region produzieren. Damit entfiele gigantisch viel Aufwand an Verpackung, Transporten, Kühlketten – und zugleich käme es der Artenvielfalt, dem Grundwasser und der Bodenqualität zugute." Dazu sollten auch Gärten und Mietäcker aktiviert werden, um eine Selbstversorgung im kleinen Maßstab zu ermöglichen.

Weiter nötig ist nach den Vorstellungen des Klimaökonomen ein Baumoratorium. "Jeder weitere Quadratmeter Wohnfläche, den wir erschaffen, ist eine ökologische Katastrophe."

Extrem viel Strom werde im globalen Maßstab auch durch das Internet verbraucht, sagte er der dpa. "Ein radikaler, aber ernst gemeinter Vorschlag wäre, das Internet jeden zweiten Tag auszuschalten – damit kann auf freiwilliger Basis schon jetzt begonnen werden."

Auf wirksame politische Regulierungen darf man nach seiner Ansicht zurzeit nicht setzen. "Eine demokratisch gewählte Regierung kann vieles tun, aber eines nicht: sich über die Lebensstile einer Bevölkerungsmehrheit hinwegzusetzen und Wohlstand zurückzubauen", sagte der Ökonom. Wählerakzeptanz für reduktive Maßnahmen sei aber denkbar, wenn dezentral in Nischen der Gesellschaft Experimentierfelder, Reallabore, Netzwerke der Selbsthilfe und Widerstandsnester gegen den Mobilitäts-, Konsum- und Digitalisierungswahn entstünden. "Dies wäre ein Aufstand der Handelnden. Diese Pioniere könnten zugleich jene, die ohne gute Gründe ökologisch verantwortungslos handeln, durch vorgelebte Gegenentwürfe delegitimieren und zur Rede stellen – in der Nachbarschaft, Schule, im Job, in der Kneipe." (bme)