200 Jahre Fotografie | c't Fotografie | heise magazine
c't Fotografie 5/2026
S. 20
Reportage
200 Jahre Fotografie
Hendrik Vatheuer

200 Jahre Fotografie

Zwischen 1826 und 1827 hielt ein französischer Erfinder den Blick aus seinem Fenster fest – auf einer Zinnplatte, mit Asphalt und Sonnenlicht – die älteste bekannte Fotografie der Welt. Rund zweihundert Jahre später entstehen täglich Milliarden Bilder. Dazwischen entfaltet sich eine erstaunliche Erzählung der Moderne.

Die Sonne steht hoch über dem Burgund. Im Obergeschoss eines Landhauses in Saint-Loup-de-Varennes schiebt Joseph Nicéphore Niépce seine selbstgebaute Apparatur auf das Fensterbrett. Der Kasten ist nicht viel mehr als eine hölzerne Camera obscura mit einer Linse vorn und einer polierten Zinnplatte hinten, die mit Judäapech, einem lichtempfindlichen Asphalt, beschichtet ist. Für die Optik nutzt Niépce verbesserte Linsen des Pariser Optikers Charles Chevalier, dessen Werkstatt sowohl ihn als später auch Daguerre mit Objektiven versorgt. Niépce wartet viele Stunden lang. Draußen wandert die Sonne über den Innenhof, die Dächer, die Scheune und den Taubenschlag. Das Licht arbeitet für ihn, Molekül für Molekül härtet es den Asphalt. Als er die Platte schließlich herausnimmt und die unbelichteten Stellen mit Lavendelöl und weißem Petroleum auswäscht, bleibt ein Bild zurück. Es ist verschwommen, kaum lesbar und die Gebäudeseiten sind aufgrund der langen Belichtungszeit merkwürdig doppelt beleuchtet. Doch diese Platte bleibt als die älteste Fotografie der Welt erhalten.

An diesem Tag ahnt jedoch noch niemand, welche Bedeutung sie einmal haben wird. Das Bild, das als View from the Window at Le Gras bekannt ist, wirkt aus heutiger Sicht fotografisch unspektakulär. Historisch besitzt es jedoch einen unschätzbaren Wert. Denn zum ersten Mal blieb damit ein dauerhaftes Abbild einer realen Szene erhalten, das allein mit Licht erzeugt wurde – ohne Pinsel, ohne Stift und ohne die interpretierende Hand eines Künstlers.

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