Strom: Bidirektionales Denken
Geht es nach der BILD, haben wir mit den regenerativen Energien in Deutschland mal wieder alles falsch gemacht: "Österreich und die Schweiz pumpen mit dem billigen beziehungsweise bezuschussten deutschen Strom Wasser in ihre Bergseen. Später, wenn wir ihn brauchen, verkaufen sie dank ihrer Pumpspeicherkraftwerke denselben Strom wieder teuer zurück." Klingt dramatisch, ist aber die Folge eines freien Strommarkts, an dem die Preise nicht nur schwanken, sondern sogar mal das Vorzeichen wechseln. Und davon kann jeder profitieren, der in mehr als eine Richtung denkt.
Am 26. April zwischen 14:00 Uhr und 14:15 Uhr kostete die Megawattstunde Energie an der Strombörse EPEX 480 Euro – und zwar den, der sie eingespeist hat. Kunden von dynamischen Stromtarifen konnten sich über negative Preise pro Kilowattstunde verbrauchter Energie freuen. Wir luden ein Fahrzeug mit den auf Seite 20 getesteten smarten Wallboxen fast vollständig auf und hatten danach 11 Euro mehr in der Tasche.
Was lernen wir daraus? Es gibt keine einfachen Wahrheiten und Rezepte mehr. Die Welt ist kompliziert. Wir müssen Energie schon heute nicht mehr sparen, wir müssen sie zum richtigen Zeitpunkt und für den richtigen Zweck nutzen. Strom ist hierfür die perfekte Energieform. Schon vor langer Zeit haben wir ein bidirektionales Netz verbuddelt, ohne es dann effizient zu nutzen. Während hierzulande die Expertengremien noch über Schuko- versus Wieland-Stecker tagen, ist die private Energiewende in Skandinavien gelebte Realität. Ein E-Auto netzdienlich an der privaten Wallbox zu parken, ist keine Herausforderung, solange man eine solche Wallbox nicht in Deutschland rechts- und standardkonform installieren muss.
Was bleibt für die Politik nun also zu tun? Alle Subventionen auf null ist kein Problem, wenn die Regulatorik ebenfalls diese Richtung einschlägt. Was ein Abbau des bürokratischen Irrsinns lostreten kann, zeigt der unglaubliche Erfolg von Balkonkraftanlagen: Die Menschen lieben es, in Zeiten der weltpolitischen Ohnmacht im Kleinen selbst wirksam agieren zu können, und halten die Energie-Dashboards ihrer Kleinstanlagen mit Stolz in die Luft. Wir haben den Einbau digitaler Zähler verpennt? Das ist egal. Was Stromzähler am Rückwärtslaufen hindert, ist ausschließlich die Bürokratie. Also liebe Politik: Gebt Gas, dereguliert und denkt bidirektional!
Sven Hansen