Bundesbürokratie Deutschland
Deutschland liebt seine Bürokratie, und die vergöttert das Papier. Milliarden verschwinden in einem Behördenapparat, der noch heute von Hand ausgefüllte Formulare abtippt, weil die Digitalisierung erst bei null angekommen ist. Einsen gibt's wohl erst im Neuland, das die Ämter noch immer nicht verorten konnten. Ein zu harscher Vorwurf? Urteilen Sie selbst.
Sie möchten als langjähriger Einwohner Deutschlands die Einbürgerung beantragen? Das dafür nötige Formular bekommen Sie beim Rathaus, ganz "modern" als PDF zum Download. Damit jeder weiß, worauf es wirklich ankommt, steht ganz oben drauf: "Füllen Sie diesen Antrag bitte vollständig aus," und in Fettschrift, "falls handschriftlich bitte gut leserlich".
Ein PDF lässt sich doch heute mit jedem Computer oder Smartphone ausfüllen. Denkste. Denn um ein Formular am PC auszufüllen, braucht es Formularfelder. Im neunseitigen "Antrag auf Einbürgerung" gibt es davon aber kein einziges. Handschriftlich oder mit Schreibmaschine ausfüllen sind die einzigen Möglichkeiten, die die Behörde vorgesehen hat.
Dort verbringen die Mitarbeiter den Tag damit, die neun Formularseiten in den Computer zu übertragen. Natürlich auch von Hand, anstatt einen am PC ausgefüllten Ausdruck per OCR in Sekundenschnelle einzulesen. Was weitaus zuverlässiger wäre, als Handschrift zu digitalisieren oder eben abzutippen, gerade bei Sonderzeichen in Namen. Aber wer rechnet schon mit nicht-lateinischen Buchstaben im Namen von Einbürgerungswilligen?
Der Einbürgerungsantrag ist nur ein Beispiel; in deutschen Amtsstuben gibt es unzählige weitere Formulare, oft sind es nur eingescannte Ausdrucke. Während einerseits die Bearbeitungsdauer ausufert und Personalmangel herrscht – die Gewerkschaft spricht von über 100.000 Stellen allein in Kommunalverwaltungen –, werden andererseits stundenlang Formulare abgetippt. Ein am PC ausgefülltes PDF auszudrucken, im Amt wieder einzuscannen und per OCR zu digitalisieren wäre wenigstens ein Anfang. Zuverlässiger, kostengünstiger und leicht umsetzbar.
Man stelle sich nur vor, wie viel schneller und kostengünstiger die Verwaltung arbeiten könnte, wenn Anträge voll digital und elektronisch unterschrieben eingereicht würden. In Skandinavien ist das Alltag, mit der BundID gibt es hierzulande immerhin die technische Infrastruktur. Die Ämter müssen aber mitmachen. Anträge direkt prüfen, statt sie stundenlang abzutippen – das wäre mal echtes Neuland, Deutschland.
Mirko Dölle