Dienste in der Cloud: Digitale Kolonie
Wie souverän ist Ihre persönliche IT? Wie unabhängig ist sie zum Beispiel von US-Anbietern? Das ist vermutlich leicht zu erraten: Die Engine Ihres Browsers wird von Google, Mozilla oder Apple gepflegt. Ihre Suchmaschine heißt entweder Google, Bing oder Brave – oder wird von diesen US-Diensten gefüttert. Ihre KI: ChatGPT, Claude oder Gemini. Und das Betriebssystem Ihres Smartphones stammt vermutlich von Google oder Apple.
Ihr Arbeitgeber nutzt mit großer Wahrscheinlichkeit Teams oder Zoom für Besprechungen und Microsoft 365 als Office-Suite. Seine Datenbanken lagern bei Amazon oder in einer anderen US-Cloud, sein Code bei Microsofts GitHub. Die Marketingabteilung setzt auf Adobe, die Buchhaltung wickelt Spesen über firmeneigene Kreditkarten von Visa und Mastercard ab. Und die Verwaltung Ihres Wohnorts, Ihres Bundeslandes, des Bundes? In vielen Fällen regieren auch dort US-Dienste mit.
Europa ist eine digitale Kolonie der USA. Niemand hat uns hineingezwungen. Wir sind freiwillig eingewandert, Schritt für Schritt, Anwendung für Anwendung. Warum soll man sich auch selbst um seinen Software-Stack kümmern, wenn man alles gut und günstig aus der Cloud bekommt?
Ganz einfach: Weil sich digitale Dienste abschalten lassen. Nachdem der Internationale Strafgerichtshof im November 2025 einen Haftbefehl gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu erlassen hatte, hat Microsoft nach einer Drohung von Donald Trump kurzerhand das E-Mail-Konto des damaligen Chefanklägers Karim Khan abgeschaltet. Und im Juni dieses Jahres sperrte der KI-Anbieter Anthropic nach einer Intervention des US-Handelsministeriums für mehrere Wochen den Zugang zu seinen Spitzenmodellen Fable und Mythos. Wer sich abhängig macht, gibt jemandem eine Waffe in die Hand.
Europa beginnt, das zu verstehen. Der Strafgerichtshof zieht von Microsoft Office auf die offene Suite openDesk um. Die EU-Kommission hat im Juni 2026 ein Paket vorgelegt, das die Abhängigkeit bei Chips, Cloud und KI verringern soll. Erste Kommunen und Bundesländer nutzen bereits souveräne Software. Welche Office-Pakete für einen Umstieg taugen, auch für Sie und Ihren Arbeitgeber, zeigt der Schwerpunkt ab Seite 16. Bis dahin bleibt die Antwort auf die Frage vom Anfang: Ihre IT ist so souverän, wie Washington es zulässt.
Jo Bager