Beweisfabriken
Wenn die KI Millennium-Rätsel löst
OpenAI und Anthropic liefern sich ein atemloses Rennen, bevorzugt in menschlichen Königsdisziplinen wie der Mathematik. Doch was ist wirklich KIs Werk und was des Menschen Beitrag?
Ein noch unveröffentlichtes Modell, 88 Stunden, 10.000 Agenten, 130 Milliarden Output-Token und 2,7 Millionen ausgetauschte Nachrichten; Kostenpunkt unterm Strich mehrere Millionen Dollar. Das sind die Eckdaten dessen, was OpenAI an Ressourcen auf die Lösung eines mathematischen Problems warf. Und zwar vor allem deshalb, weil einem Gerücht zufolge zwei menschliche Mathematiker im Begriff waren, es zu knacken. Dabei handelte es sich nicht um irgendein beliebiges Rätsel, sondern um eines der Millennium-Probleme des Clay Mathematics Institute: die seit 90 Jahren nicht allgemein bewiesenen Navier-Stokes-Gleichungen, die die Strömungen von Gasen und Flüssigkeiten beschreiben. Zudem handelte es sich bei einem der beiden menschlichen Wissenschaftler, die OpenAI nun auf der Zielgeraden überholte, nicht um irgendwen, sondern um einen Anthropic-Mitarbeiter.
OpenAIs Coup ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die 2024 begann, in diesem Jahr kulminiert und eine ziemlich eindrucksvolle Demonstration des „Move fast and break things“-Prinzips ist, das die Tech-Szene zu ihrer Handlungsmaxime erhoben hat. Tatsächlich sehen sich Mathematiker nun in ihrer Disziplin mit einigen Brüchen konfrontiert, die in dieser Ausprägung noch nicht stattgefunden haben.